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Andre Hahn, Max Kruse und Raffael (v.l.) haben in dieser Saison zusammen vier Tore geschossen

Mönchengladbach - Andre Hahn, Max Kruse, Raffael - drei Künstler erinnern vor Gladbachs Europa-League-Start an tolle Zeiten. Nur der Trainer bremst.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Andre Hahn muss sich manchmal immer noch kneifen.

Denn eigentlich war der 23-Jährige schon weg vom Fenster. Mit 18 scheiterte er beim HSV. 2010 erbettelte er sich eine Chance beim Regionalligisten Oberneuland.

Hahn musste mit 200 Euro im Monat auskommen. Aß Fertigpizzen. Wollte hinschmeißen. Und Versicherungskaufmann werden.

Schließlich schaffte er es irgendwie doch. Über Koblenz und Offenbach landete er in Augsburg. Hahn biss sich durch. Er habe eine krasse Zeit erlebt, aber auch viel gelernt, vor allem über das Fußball-Geschäft, sagt er.

Jetzt ist er ein Teil des neuen Dreiecks, das bei Borussia Mönchengladbach vor dem Start in die Europa League gegen den FC Villarreal (ab 18.45 Uhr LIVE auf SPORT1.fm und im LIVE-TICKER) die Hoffnung auf eine weitere erfolgreiche Spielzeit nährt.

Sechs Spiele, fünf Tore

Hahn ist der Beweis, dass sich Qualität am Ende dann doch durchsetzt. Leistungsträger in Augsburg. Nationalmannschaft. Erweiterter WM-Kader. Auch wenn Hahn vielleicht nicht das typische Talent ist, das man auf den ersten Blick erkennt.

Mit dem Wechsel nach Gladbach erklomm Hahn die nächste Stufe. Er hat keine Lust mehr, Zeit zu verschwenden. Sechs Spiele absolvierte er für die Borussia. Erzielte fünf Tore, davon viermal das 1:0.

Der gelernte Autolackierer hat sich in Rekordzeit eingefügt. "Das ist ein großer Verdienst des Trainerteams. Aber auch der Mannschaft, die mich super aufgenommen hat", sagte Hahn.

"Ich hatte es nie schwer hier, wusste früh, dass ich wechseln, alles in die richtigen Bahnen lenken und mich darauf vorbereiten kann", erklärte Hahn.

Gladbachs Spiel ist Hahns Spiel

Und wenn das Umfeld passt, passt auch meistens das Sportliche. Lucien Favres Plan vom blitzschnellen Umschaltspiel, überfallartigen Kontern, im Idealfall über die Außen, verbunden mit viel Ballbesitz, kommt dem Neuen entgegen.

Ballbesitz mit Beschleunigung: "Das ist genau mein Spiel."

Hahn ist zwar nicht unbedingt der typische Edeltechniker, doch er kommt mit "Herz, Engagement, Willen und Torinstinkt" daher, wie Sportdirektor Max Eberl sein Transfer-Schnäppchen charakterisiert.

Für schlappe 2,5 Millionen Euro lotste Eberl den Nationalspieler von Augsburg an den Niederrhein.

Der 23-Jährige besticht nicht durch ein feines Auge und Gespür wie Raffael, oder geniale Geistesblitze wie Max Kruse.

Dank Kruse und Raffael flexibler

Aber die Kombination macht's: Kruse, Raffael und Hahn zusammen ergeben eine der gefährlichsten und flexibelsten Offensivreihen der Liga.

Denn als spielende Stürmer, die sich oft weit zurückfallen lassen, sind vor allem Raffael und Kruse schwer auszurechnen. Der eine gibt dem anderen mehr Freiheiten und Entlastung.

Und Kruse macht unter dem Strich den Mehrwert aus. Der 26-Jährige ist unberechenbar, torgefährlich und dazu ein halber Spielmacher. Interpretiert seine Rolle als eine Mischung aus Vorbereiter und Vollstrecker.

Davon profitiert nicht nur die Borussia, die auf englische Wochen, den jeweiligen Gegner und den Spielverlauf variabel reagieren kann. Sondern auch Nebenleute wie Hahn und Raffael. Als Kruse zu Saisonbeginn fehlte, schwächelte auch Raffael. Ungeschlagen blieb die Borussia trotzdem. Auch dank Hahn.

Auch Traore und Johnson überzeugen

Kruse und Raffael wirbelten bereits in der vergangenen Saison, Kruse war bester Scorer (zwölf Tore, zwölf Assists), der Brasilianer traf 14-mal und legte acht weitere Tore auf. Doch das Spiel wirkte bisweilen statisch, uninspiriert. Mit der Form von Kruse und Raffael stand und fiel das gesamte System.

Mit Hahn, aber auch Ibrahima Traore oder Fabian Johnson, sollten bei der Borussia die Außen verstärkt werden.

Das in der vergangenen Saison zu oft praktizierte Spiel durch die Mitte durch Hahn und Co. flexibler gestaltet werden. Und vor allem schneller. Mit Erfolg.

Paradebeispiel ist das erste Tor beim furiosen 4:1 gegen Schalke. Kramer passte aus der Defensive zu Kruse. Ein kurzer Blick zur Seite. Direktabnahme in den Lauf von Hahn, der mit schnellen Schritten und ohne lange zu fackeln den Abschluss suchte.

Favre dürfte in dem Moment das Herz aufgegangen sein.

Lob vom Trainer

"Es sah vielleicht locker aus, aber es war harte Arbeit", betonte Hahn. "Zufall war das nicht. Es hat super geklappt, wir dürfen das aber auch nicht überbewerten. Man weiß, dass es im Fußball sehr schnell gehen kann", sagte Kruse.

Denn prompt ist wieder von einem magischen Dreieck die Rede. Erinnerungen an 2012 werden wach. Damals hießen die Magier Marco Reus, Juan Arango und Mike Hanke. Doch 2014 ist es anders.

Hahn, dem Favre "Effizienz" und einen "präzisen Abschluss" attestiert, ist natürlich nur ein Baustein in Favres System. Grundsätzlich können und müssen beim Schweizer sowieso alle an sich arbeiten und sich stetig verbessern.

Favre hat viele Trümpfe

Favre will von einem magischen Dreieck aber auch gar nichts hören. Von einzelnen Spielern schon mal gar nicht. Deshalb wird Favre auch nicht müde, seine anderen Trümpfe zu nennen.

"Es geht schnell in Deutschland. Sie vergessen, dass wir auch Branimir Hrgota haben, er hat auch viele Tore gemacht. Wir haben Traore, Patrick Herrmann und Thorgan Hazard", so Favre. Und natürlich auch Johnson.

Was die Borussia durch Hahn und Co. aber definitiv hat, ist mehr Flexibilität.

Die voraussichtlichen Aufstellungen

Borussia Mönchengladbach: Sommer - Johnson, Stranzl, Dominguez, Wendt - Kramer, Xhaka - Hahn, Traore - Kruse, Raffael
FC Villarreal: Asenjo - Rukavina, Gabriel, Musacchio, Marin - Gomez, Trigueros, Bruno, Espinosa - Vietto, Gerard
Schiedsrichter: Ivan Kruzliak (Slowakei)

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