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Yann Sommer von Borussia Mönchengladbach lehnt am Torpfosten und dirigiert seine Vorderleute
Yann Sommer wechselte vor der Saison zu Gladbach

Mönchengladbach - Nach leichten Anlaufproblemen ist Yann Sommer in Gladbach angekommen. Gegen Limassol ist er mit der Borussia unter Zugzwang.

Aus Mönchengladbach berichtet Andreas Reiners

Yann Sommer lernt schnell.

"Mir fällt es nicht schwer, von Spiel zu Spiel zu denken", sagte der Torhüter von Borussia Mönchengladbach. Sein Trainer wird das gerne hören. Schließlich predigt Lucien Favre diese Vorgehensweise seit Jahren.

Erst recht vor dem dritten Gruppenspiel in der Europa League gegen Apollon Limassol (ab 20.50 Uhr im LIVE-TICKER).

Kein Gedanke an FC Bayern

Denn nur drei Tage nach der wegweisenden Partie gegen die Zyprer wartet im Bundesliga-Knaller der FC Bayern.

Der Rekordmeister. Tabellenführer. Der Erste gegen den Zweiten. Die Chance also zu beweisen, zu was die Gladbacher in dieser Saison wirklich fähig sind.

Doch die Bayern spielen in den Köpfen noch keine Rolle. Denn nach nur zwei Punkten aus zwei Spielen steht die Borussia auf europäischer Bühne gegen den auf dem Papier vermeintlich leichtesten Gegner der Gruppe bereits unter Zugzwang.

An die letzten Leistungen anknüpfen

"Wir haben uns den Start anders vorgestellt und wollen unbedingt die ersten drei Punkte. Aber wir wissen, dass es ein hartes Stück Arbeit wird", erklärte Sommer: "Wir müssen an die letzten Leistungen anknüpfen."

Die können sich sehen lassen: In den bislang 13 Pflichtspielen dieser Saison blieb die Borussia ungeschlagen, das gelang zuletzt vor 44 Jahren unter Hennes Weisweiler. 1970/71 baute man diese Serie sogar auf 17 Pflichtspiele aus und wurde am Ende Deutscher Meister.

Ein Garant für den heutigen Erfolg ist auch Sommer selbst. Der 25-Jährige war im Sommer für acht Millionen Euro Ablöse vom FC Basel nach Gladbach gewechselt, um den abgewanderten Publikumsliebling Marc-Andre ter Stegen zu ersetzen.

Große Fußstapfen seien das, wurde ihm immer wieder gesagt. Fußstapfen, in die der 1,83m große Keeper inzwischen aber gut reinpasst.

"Richtig angekommen"

"Ich fühle mich einfach sehr wohl hier, es macht mir sehr viel Spaß. Die Leute, das Umfeld und die Mannschaft haben es mir sehr einfach gemacht", sagte er und bilanzierte: "Nach anfänglichen, kleinen Schwierigkeiten bin ich jetzt auch richtig angekommen."

Diese "anfänglichen, kleinen Schwierigkeiten" kann man wohl inzwischen getrost als typische Anlaufprobleme ad acta legen.

Beim 4:1 in der Saisonvorbereitung in Enschede leitete er mit einem schlechten Pass das Gegentor ein, nur wenige Tage später kassierte er beim 1:3 gegen Bilbao alle Treffer nach Ecken. Auch beim 3:2 im Playoff-Spiel in Sarajevo griff er einmal böse daneben.

Doch das ist abgehakt. Denn Sommer ist inzwischen nicht nur sicherer Rückhalt. Der Schweizer ist für die Mannschaft auch elfte Anspielstation, eine Art Libero. Führungsspieler mit fußballerischen Qualitäten, ein technisch starker, erster Aufbauspieler in Favres System.

In Zahlen: 720 Minuten Einsatzzeit hatte Sommer in der Liga bisher und bekam dabei 35 Bälle aufs Tor. 88,6 Prozent der Möglichkeiten an sich und 40 Prozent der gegnerischen Großchancen vereitelte er. Vier Gegentreffer musste er nur hinnehmen - nach acht Spieltagen ist das Vereinsrekord.

Zurückhaltend mit starker Ausstrahlung

Selbstlob ist allerdings nicht Sommers Ding. Er ist kein Lautsprecher, ist vom Typ her ähnlich wie sein Vorgänger, ein von Natur aus eher zurückhaltender Mensch.

Freundlich, mit einer starken Ausstrahlung, aber reserviert. Trotz des Torhüterjobs nicht übermäßig verrückt und ohne große Spleens.

Doch auf dem Platz sieht das anders aus. Da dirigiert er seine Vorderleute lautstark, versucht, wort- und gestenreich die Abwehr zu ordnen.

Streut im Spiel nach vorne auch immer wieder lange Bälle ein. Er interpretiert den modernen Torhüter mit einem starken Stellungsspiel, Ruhe und Übersicht.

Ein Vorteil: Die Innenverteidigung ist mit Martin Stranzl und Tony Jantschke Konstante eine wichtige Achse im Gladbacher System, parallel ergibt sich durch Favres Rotationsprinzip auf anderen Positionen grundsätzlich so gut wie kein Qualitätsverlust.

"Sehr viel Qualität im Kader"

"Die Belastung ist sehr hoch, aber wir haben sehr, sehr viel Qualität und einen breiten Kader mit vielen Möglichkeiten. Wir können viel wechseln, doch das Niveau bleibt. Das ist der Schlüssel, wenn man so viele Spiele vor sich hat", sagte Sommer.

Für ihn, der bislang alle Spiele über 90 Minuten absolviert hat, ist zumindest die körperliche Belastung in der siebten englischen Woche seit Saisonbeginn kein Problem.

"Für einen Torwart ist es immer eine andere Belastung als für einen Spieler, der zwölf Kilometer rennt. Für mich ist es mental anstrengender, weil man über 90 Minuten eine hohe Konzentration haben muss. Das ist mental anspruchsvoll", so der Schweizer Nationaltorhüter.

Gehemnis: Andere Sachen machen

Davon erholt sich Sommer im wahrsten Sinne des Wortes spielend: "Das Geheimnis ist, dass man nach dem Spiel abschalten kann und andere Sachen macht."

Im Fall von Sommer: Mal ein Buch lesen. Eine Ausstellung besuchen. Oder seine Gitarre zur Hand nehmen.

Unterricht nimmt er seit seiner Basler Zeit, zupft hier und da ein bisschen, um zu entspannen. Er sei kein überragender Gitarrist, sagte er mal über sich selbst. Doch auch das kann sich ändern.

Denn Sommer lernt ja schnell.

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