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Raphael Honigstein schreibt über den Mythos "The Kop" © SPORT1-Grafik: Gabriel Fehlandt/Getty Images

In seiner SPORT1-Kolumne erklärt Raphael Honigstein den besonderen Zauber der berühmtesten Tribüne der Welt. Jürgen Klopp kann sich bei seinem Debüt auf eine lautstarke Begrüßung freuen.

Von Raphael Honigstein

Fußball und Pathos gehörten auf der Insel schon immer zusammen, doch nirgends ist diese Zweisamkeit so ausgeprägt wie beim FC Liverpool.

Der Kop, die Südtribüne an der Walton Breck Road, teilt den Namen mit einem Hügel in Südafrika (Spionkop), an dem im Januar 1900 einer der verlustreichsten Schlachten des Burenkriegs stattgefunden hatte. Mehr als 1200 britische Soldaten starben. Das aus Sicht des Imperiums traumatische Erlebnis blieb noch Jahrzehnte später im öffentlichen Bewusstsein so präsent, dass zahlreiche Tribünen in den neu gebauten Fußballstadien "Kop" getauft wurden. 

Nur an der Anfield Road aber ist die einstige "Terrace" (Stehtribüne) zum Synonym für den ganzen Verein geworden. Liverpool und Kop, das sind in England austauschbare Begriffe, und die Anhänger der Reds firmieren als "Kopites" (Kopisten).

Legendären Status erreichten der Klub und seine Fans Anfang der Sechziger Jahre, als unter dem visionären Trainer Bill Shankly sportlicher Erfolg und die popkulturelle Wucht der Beatles-Stadt zu einem Gesamtkunstwerk zusammen fanden. Der Schotte Shankly führte die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bedeutungslosigkeit verschwundenen Roten mit innovativen Trainingsmethoden 1962 zurück in die erste Liga, zwei Jahre später gewann man die sechste Meisterschaft. 

"So etwas habe ich meinem Leben noch nicht gesehen"

Die BBC schickte einen Reporter zum letzten Spiel der Saison 1963-64. Sein noch heuet sehenswerter Beitrag (https://www.youtube.com/watch?v=XNboU_PbZMY) vom 5:0-Sieg gegen den FC Arsenal mutet im Tonfall wie eine Reisereportage zu einem exotischen Volksstamm an. "So etwas habe ich meinem Leben noch nicht gesehen", sagte der Fernsehjournalist im Angesicht einer schunkelnden, "She Loves You" von den Beatles singenden Masse.

Ganz geheuer war ihm das Erlebnis nicht: "Der Duke of Wellington sagte vor der Schlacht von Waterloo über seine eigenen Truppen, 'Ich weiß nicht, wie sie auf den Feind wirken, aber mein Gott: sie machen mir Angst'. Ich bin sicher, dass manche Spieler das heute Nachmittag ähnlich empfinden". 

"You’ll Never Walk Alone"

Seit 1994 darf man auch im Kop offiziell nicht mehr stehen. Gerade an Europapokal-Abenden entfaltet das Stadion an der Anfield Road jedoch weiterhin seinen besonderen Zauber. Die Vereinshymne "You’ll Never Walk Alone" (Gerry and the Pacemakers), die 1963 veröffentlichte Coverversion einer Musical-Nummer  wird im gleißenden Flutlicht noch mitreißender gesungen. 

"Ich freue mich unheimlich auf die besondere Atmosphäre", sagt Jürgen Klopp vor seinem Heimdebüt am Donnerstagabend gegen Rubin Kasan (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER, Highlights ab 23 Uhr im TV auf SPORT1). Schon beim FSV Mainz und in Dortmund, seinen vorherigen Trainerstationen wurde vor den Anpfiff "YNWA" gesungen, aber zukünftig bekommt er vor dem Anpfiff das Original zu hören.

Dazu wird Stadionsprecher George Sephton, "The Voice of Anfield", in feierlichem, pastoralem Ton die Mannschaften verkünden. Sephton, 69, sitzt schon seit 1971 am Mikrofon. Er ist das Gegenteil des modernen Einpeitschers und Publikum-Ranschmeißers. Man sieht ihn nicht, man hört keine Witze und nur den Hauch von Emotionen nach einem Tor. Sephton überlässt bewusst den Fans die Bühne. 

An guten Tagen und Abenden wird der Lärm regelrecht zur akustischen Waffe. Als unter Rafael Benitez Liverpool vor zehn Jahren zur besten Mannschaft Europas aufstieg, erreichte die Lautstärke in Anfield schmerzhaftes Ausmaß. Gewiefte, erfahrene Teams wie Juventus, Real Madrid aber auch Jose Mourinhos Chelsea brauchten Minuten, um sich in dem donnernden Kraft zurecht zu finden; bis sich Ohr und Magen an die aurale Gewalt gewöhnten, lag man nicht selten schon ein bis zwei Tore hinten.

Gänsehaut-Atmosphäre für Klopp

"Falls jemand am Donnerstag lauter und wilder als je zuvor in seinem Leben sein will: nur zu - wir lassen uns gerne überraschen", sagte Klopp halb im Spaß, halb im Ernst vor dem Duell mit den Russen.

Die Stimmung auf den Rängen auf den Rasen und von dorthin wieder zurück zu transportieren ist eine seiner größten Stärken als Trainer, doch auch für ihn, den selbsterklärten "Fußballromantiker", dürfte das erste Mal ein unvergessliches Erlebnis werden. Der Kop wird sich zur Begrüßung seines neusten Helden die Seele aus dem Leib schreien. 

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