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Andre Breitenreiter ist seit Sommer 2015 Trainer des FC Schalke 04
Andre Breitenreiter ist seit Sommer 2015 Trainer des FC Schalke 04 © Imago

München und Gelsenkirchen - Andre Breitenreiter kritisiert nach dem Schalker Europa-League-Aus die eigenen Fans - und riskiert damit einen Trumpf im Kampf um seine Zukunft.

Auf Andre Breitenreiter warten ungemütliche Tage - so viel scheint sicher.

Nach dem ernüchternden 0:3 in der UEFA Europa League gegen Schachtjor Donezk bekommt der Schalker Trainer erstmals in seiner Amtszeit bei den Königsblauen den Unmut des eigenen Anhangs zu spüren.

Ob es angesichts der großen Bedeutung der Schalker Fans für die Stimmung rund um die Mannschaft ein cleverer Schachzug Breitenreiters war, zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen?

"Es hilft uns nicht, wenn von außen ein Erwartungsdruck aufgebaut wird, der der Mannschaft nicht gerecht wird", kritisierte der Trainer das eigene Publikum nach dessen gellendem Pfeifkonzert - und machte sich damit selbst angreifbar.

Klafft auf Schalke tatsächlich mal wieder eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit? Oder wird Breitenreiters Fan-Kritik für ihn selbst womöglich zum Bumerang?

SPORT1 analysiert das Schalker Dilemma anhand von fünf Aussagen der handelnden Personen aus der aktuellen Saison.

"Wollen Fußball, der die Leute begeistert"

Acht Monate ist es her, dass Horst Heldt bei der Vorstellung von Andre Breitenreiter sagte: "Wir wollen vor allem eines: Endlich wieder den Fußball sehen, der die Leute begeistert."

Dieses Ziel haben Breitenreiter und seine Schützlinge bisher nur allzu selten erfüllt. Wenigen guten Spielen wie gegen Bayern, in Leverkusen oder gegen Wolfsburg stehen zahlreiche mäßige Auftritte gegenüber.

Eine echte Entwicklung im Vergleich zum Saisonbeginn ist nicht zu erkennen, mit Ausnahme des 3:0 gegen Wolfsburg gelang gegen Spitzenteams noch kein einziger Sieg. Trotzdem blieb das Schalker Publikum geduldig - bis Donnerstagabend.

"Wunsch ist, dass wir die Europa League gewinnen"

Wenige Tage ist es her, dass Andre Breitenreiter sagte: "Mein Wunsch ist es, dass wir so weit wie möglich kommen und am Ende auch die Europa League gewinnen."

Prinzipiell mutig, dass Breitenreiter offensiv vom Titel spricht - es verwundert aber, wenn er nach dem Aus dann die Erwartungshaltung beklagt: Wenn der Trainer vom Europa-League-Titel spricht, warum sollen die Fans dann nicht erwarten können, dass die Mannschaft zumindest ins Achtelfinale einzieht?

"Uns hat ein bisschen der Kampfgeist gefehlt"

Einige Stunden ist es her, dass Johannes Geis nach dem Europa-League-Aus sagte: "Natürlich hat uns auch ein bisschen der Kampfgeist gefehlt."

Zumindest können die Fans erwarten, dass die Mannschaft in einem Spiel, in dem es für den Verein neben der letzten Titelchance der Saison auch um reichlich Prestige und finanzielle Zusatzeinnahmen geht, alles aus sich herausholt.

Geis' Aussage ist bedenklich und stellt, denkt man sie zu Ende, auch Breitenreiters Spielvorbereitung und Ansprache in Frage. Ein vermeintlicher Bruch zwischen Mannschaft und Trainer wurde vor kurzem noch heftig dementiert - jetzt könnten die Gerüchte neue Nahrung erhalten.

Stimmung ist "sehr gut"

Zwei Wochen ist es her, dass Clemens Tönnies die Stimmung auf Schalke in der Rheinischen Post als "sehr gut" beschrieb.

So schnell kann es gehen. Von guter Stimmung ist nach vier Spielen ohne Sieg nichts mehr zu spüren. Zumal Breitenreiter einen seiner größten Trümpfe zu verspielen droht: Nach dem beim Anhang unbeliebten Roberto Di Matteo sorgte der volksnahe Nachfolger für einen Stimmungswandel.

Sportlich hätten die Fans schon längst allen Grund, Breitenreiter in Frage zu stellen - trotzdem taten sie es bisher nicht. Durch seine Kritik am Verhalten des Publikums am Donnerstagabend könnte der Trainer seinen offensichtlich vorhandenen Kredit verspielen.

"Der Trainer macht einen sehr guten Job"

Zwei Wochen ist es auch her, dass Clemens Tönnies sagte: "Der Trainer macht aus meiner Sicht einen sehr guten Job."

Wie schnell sich auf Schalke etwas ändern kann? Siehe oben. Ob Horst Heldt in seiner verbleibenden Amtszeit auf Schalke noch einmal einen Trainerwechsel vollzieht, dürfte fraglich sein. Drohen die Königsblauen jedoch auch in der Bundesliga die Europapokal-Qualifikation zu verspielen, könnte der mächtige Tönnies den Daumen über Breitenreiter senken.

Clemens Tönnies hebt den Daumen
Clemens Tönnies stärkte Andre Breitenreiter zuletzt noch den Rücken © Getty Images

Eines aber ist sicher: Der neue Manager Christian Heidel wird in seine erste Saison auf Schalke nicht mit einem angezählten Trainer gehen.

Wie rigoros der Noch-Mainzer in Trainerfragen agieren kann, zeigt das Beispiel Jörn Andersen: Der Norweger musste im Sommer 2009 als frischgebackener Mainzer Aufstiegstrainer noch vor dem ersten Bundesligaspiel gehen, weil Mainz und Andersen laut Heidel "nicht zusammengepasst" hatten.

Eine der ersten Fragen für Heidel bei seinem neuen Arbeitgeber könnte lauten: Schalke und Breitenreiter - passt das noch zusammen?

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