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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein warnt den BVB vor Tottenham Hotspur © SPORT1 Grafik: Gabriel Fehlandt/Getty Images

Trotz des verpassten Sieges im Derby gegen Arsenal stellt Tottenham Hotspur für Borussia Dortmund eine große Gefahr dar, meint SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein.

Ein Unentschieden im Spitzenspiel am Samstag, fünf Punkte Rückstand auf den Tabellenführer: Borussia Dortmund und Tottenham Hotspur befinden sich vor dem Duell in der UEFA Europa League in einer nahezu identischen Ausgangslage. (Die UEFA Europa League, Do. ab 19 Uhr LIVE im TV auf SPORT1, in unserem Sportradio SPORT1.fm und im LIVETICKERHIGHLIGHTS ab 23 Uhr auf SPORT1).

In atmosphärischer Hinsicht aber hat das 2:2 der Lilienweißen im Nord-London-Derby gegen Arsenal vielleicht doch stärkere Nachwirkungen als Thomas Tuchels Nullnummer-Patt im Taktik-Superhirn-Battle mit Pep Guardiola.

Trainer Mauricio Pochettino und seine Spieler klagten unisono über "eine verpasste Chance". Man hätte gegen den dezimierten Gegner "drei, vier Tore" machen müssen, ärgerte sich Starstürmer Harry Kane.

Anstatt des Schwungs eines großen, symbolischen Sieges nehmen die Gäste viel Respekt vor Gegner und Kulisse mit in den Signal Iduna Park. Auf der Insel rechnet man mit einem knappen, hochklassigen Spiel, aber auch mit Dortmunds Weiterkommen. Für die britischen Buchmacher sind die Schwarz-Gelben Favorit auf den Titel.

Wie das aktuelle Beispiel von Spitzenreiter Leicester City zeigt, können sich jedoch die Wettbüros manchmal irren. Der Argentinier Pochettino hat seit seinem Amtsantritt im Sommer 2014 die Mannschaft so grundlegend verändert und dramatisch verbessert, dass ihr mittlerweile selbst ein Erfolg gegen die BVB-Tormaschine zuzutrauen ist. Die Spurs werden nicht mehr als nervenschwache Versager und Unglücksraben ausgelacht, sondern bewundert.

Keine Mannschaft stellt im Durchschnitt eine derart junge Startelf, keine läuft seit Jahresbeginn mehr: 117 Kilometer pro Spiel spulen die Londoner im Schnitt ab. "Das sind Tiere", entfuhr es neulich Watford-Coach Quique Sanchez Flores, denn Pochettinos Männer attackieren den Gegner wie ein Rudel Raubtiere. Sie schnappen nach allem, was sich bewegt. 

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Pressing und Gegenpressing heißen die bekannten taktischen Schlagwörter; die Spurs spielen einen ähnlichen furiosen Stil wie Dortmund vor der leichten Geschwindigkeitsberuhigung unter Tuchel. 

Ex-Nationalspieler Pochettino hat sein Handwerk unter dem legendären Landsmann Marcelo Bielsa gelernt. Bielsa, Spitzname "El Loco", der Verrückte, coachte "Poch" bei Newell’s Old Boys, Espanyol und in der Nationalelf. Er ließ seine Teams buchstäblich bis zum Umfallen laufen.

Auf dieser kraftaufreibenden Strategie wurzelt auch Tottenhams Erfolg. Pochettino hat ältere, langsamere Spieler systematisch durch Leute aus dem eigenen Nachwuchs ersetzt, die für weniger Geld weitere Wege gehen. Mit soviel Heißhunger, hieß es früher, könne man in der Premier League nicht reüssieren: zu viele Spiele, zu große Verluste. Aber Pochettino beweist aktuell das Gegenteil.

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Seine Spurs zeigen trotz der Doppelbelastung in der UEFA Europa League keine Anzeichen von Müdigkeit, ihre Laufleistung  ist seit Saisonbeginn sogar noch angestiegen. Auch das Training ist für englische Verhältnisse ungewöhnlich hart. Bis zu drei Mal täglich lässt Pochettino seine Jungs im hypermodernen Performance-Centre in Enfield antreten. 

Um den Energieaufwand nicht zu groß werden zu lassen, rotiert der Coach die Außenverteidiger, die Spieler mit den längsten Laufwegen. Am Donnerstag werden so wieder Ben Davies und Kieran Trippier in die Mannschaft rutschen, die englischen Nationalspieler Danny Rose (U21) und Kyle Walker (A-Mannschaft) eine Pause bekommen.

Im offensiven Mittelfeld fehlt aus Sicht der Engländer mit Dele Alli leider einer der Besten. Der 19-jährige Überraschungsstar der laufenden Saison und Kandidat für einen Startplatz bei der EM ist für die Partie gesperrt. Für ihn wird wohl der Däne Christian Eriksen auf die "Zehn" rücken. Er war vor seinem Wechsel von Ajax vor drei Jahren auch in Dortmund ein Thema gewesen. Und vorne soll es natürlich Kane (20 Saisontore) richten. 

Solange das Team mit dem Hahn im Wappen Chancen auf die erste Meisterschaft seit 54 Jahren hat und sich über die Liga für die Champions League qualifizieren kann, wird die Europa League nicht die allergrößte Priorität haben. Aber das macht Dortmunds Aufgabe nicht wesentlich leichter.

"Das ist keine Mannschaft, die auf dich wartet - sie jagt dich", sagte Pep Guardiola über das von Pochettino von 2009 bis 2012 trainierte Espanyol-Team, seinen damaligen Lokalrivalen.

Die Spurs sind genauso. Sie kennen nur ein Tempo. Dortmund sollte deswegen im Hinspiel gleich einen schönen Vorsprung einfahren. Damit sie eine Woche später, im Linksverkehr an der White Hart Lane, nicht unter die Räder kommen. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er in seiner Premier-League-Kolumne über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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