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SPORT1-Kolumnsit Raphael Honigstein blickt auf das große Finale von Jürgen Klopp © SPORT1

SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein blickt vor dem Finale der UEFA Europa League auf die Bilanz von Jürgen Klopp im ersten Liverpool-Jahr. Ein Triumph wäre zukunftsweisend.

"Ein Sieg morgen wird es Ihnen leichter machen, die Saison als Erfolg anzusehen", sagte Jürgen Klopp in der Pressekonferenz vor dem Endspiel in Basel (ab 19 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM, in unserem Sportradio SPORT1.fm und im TICKER) , "ich werde versuchen, Ihnen dabei zu helfen." Der Liverpool-Trainer lächelte dabei, um etwas Schärfe aus der Antwort zu nehmen.

Doch das Publikum sollte schon merken, dass ihm die Frage des Reporters nicht so recht in den Kram passte.

Zum einen empfand der 48-Jährige den Zeitpunkt, einen Tag vor einem europäischen Finale, denkbar ungeeignet für ein Fazit. "Das ist jetzt nicht der Moment, ein Urteil zu fällen", sagte er. Zum anderen wehrte er sich gegen die (wohl zu einem gewissen Grad unvermeidliche) Reduzierung seiner bisherigen Amtszeit an der Mersey auf das letzte Spiel im Kalender. "Ich bin sehr sicher, dass niemand diese Saison als Erfolg bezeichnen wird, wenn wir die Trophäe morgen nicht gewinnen", sagte er. "Aber für mich waren viele Dinge in diesen sieben Monaten ein Erfolg."

Ein Trainer als Schockgeber: Klopp hat es wirklich geschafft, die Herzen der Reds zum Rasen zu bringen. In Liverpool ist man begeistert, dass die Mannschaft nach den unendlich ermüdenden Vorstellungen unter Brendan Rodgers zu Saisonbeginn nun wieder zu großen, leidenschaftlich erkämpften Siegen in der Lage ist. Der Optimismus für die nächste Saison würde auch dann groß bleiben, wenn Liverpool gegen Sevilla nicht gewinnen sollte. "Spieler und Fans wurden von dem charismatischen Deutschen aufgerüttelt", schreibt das Liverpool Echo. "Wenn er jetzt noch im St. Jakob-Park ein Ergebnis einfährt, brennt die Zündschnur für eine neue, verheißungsvolle Ära an der Anfield Road so richtig". 

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Die Qualifikation für die Champions League durch die Basler Hintertür, gleich im ersten Jahr, wäre tatsächlich eine Art Big-Bang, ein Wachstumsbeschleuniger. Die zusätzlichen Millionen aus der Königsklasse würde die Verstärkung des Kaders einfacher machen, dazu hätte Klopp mit einem Schlag sein besonderes Talent für alle und immer unbestreitbar unter Beweis gestellt.

Die Qualifikation für die sportliche Bel Etage hatten der unausgeglichenen Truppe im Herbst ja nicht mal die loyalsten LFC-Anhänger zugetraut; Rodgers' Schutzbehauptung, wonach ihm "die richtigen Werkzeuge" für eine erfolgreiche Spielweise fehlten, wurde allgemein als im Kern richtig empfunden. Der eine oder andere englische Journalist konnte sich deswegen ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen, als Klopp bei seiner Vorstellung im Oktober die seiner Meinung nach unterschätzten Fähigkeiten der einzelnen Mannschaftssteile rühmte. In Basel erinnerte der Schwabe die Reporter an diese Bedenken. "Ich bin zu diesem Verein gekommen, weil ich von den Qualitäten dieser Spieler überzeugt war", sagte er, "trotz all der Zweifel, die es gab."

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Platz acht in der Abschlusstabelle haben die grundlegenden Zweifel an seinem Personal in der Zwischenzeit eher bestätigt als ausgeräumt, auf vielen Positionen - Torhüter, Außenverteidiger, Flügel, Sturmmitte - gibt es weiter akuten Aufrüstungsbedarf. In den internationalen K.o-Spielen und in einigen Duellen gegen englische Spitzenteams aber hat sich Klopps Karacho-Stil als zu schnell für die Gegner erwiesen, technische und mannschaftstaktische Unsauberkeiten glich die Elf durch Mut zur Geschwindigkeit aus. Dieses Liverpool spielt ganz nahe am eigenen Limit, in manchen Momenten sogar drüber. Mehr kann man vom Mann am Steuer nicht verlangen. 

Dieser Mittwoch bietet Klopp nun die Chance, an die goldenen Zeiten unter Rafael Benitez anzuknüpfen. Der Spanier wurde in seiner ersten Saison 2004/05 nur Fünfter in der Liga und verlor wie Klopp das Liga-Pokal-Finale, holte dafür in dem legendären Champions-League-Endspiel in Istanbul den Pokal gegen den AC Milan, nach 0:3-Rückstand zur Pause. Auch in Rafas Team kickte damals ein ganzer Haufen eher mittelprächtiger Kicker, wie Djimi Traore, John-Arne Riise, Harry Kewell und Milan Baros, doch Esprit und Effizienz (in den Runden zuvor) trugen die Roten letztlich zum Triumph. Klopp, der ja ausdrücklich "nicht der Erlöser" sein wollte, kann ein ähnliches, etwas kleineres Wunder schaffen. Um die Mannschaft nachhaltig zu verbessern und auf einem höheren sportlichen Niveau zu installieren, bleibt in den Jahren danach noch genug Zeit. 

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