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Der frühere Schalke-Coach Peter Neururer spricht über S04 (im Bild rechts: Sportvorstand Christian Heidel © SPORT1-Grafik: Imago/ dpa picture alliance

München - Nach dem historischen Fehlstart mit fünf Pleiten in den ersten fünf Saisonspielen spricht SPORT1-Experte Peter Neururer über das kriselnde Schalke 04 und legt den Finger in die Wunde.

Spötter und Kritiker sprechen schon von Schalke 05.

Null Punkte aus fünf Spielen - das ist auch für den sonst so ruhigen Sportvorstand Christian Heidel zu viel des Guten. Der 53-Jährige wirkte am Sonntag nach der 1:2-Niederlage von Schalke 04 bei TSG Hoffenheim angefressen und einfach nur traurig.

Der historische Fehlstart von Schalke 04 ist perfekt. Die Mannschaft wurde von Heidel in die Pflicht genommen und er warf den Spielern in einer Brandrede Überheblichkeit und fehlenden Realitätssinn vor. Willkommen im Abstiegskampf!

Was aus Heidels Sicht als Weckruf gedacht war, ist für Peter Neururer ein erster verzweifelter Hilferuf im königsblauen Lager.

"Dafür ist der Trainer zuständig"

"Ich finde es höchst eigenartig, wenn der Sportvorstand die Mannschaft anzählt. Dafür ist doch in erster Linie der Trainer zuständig", sagt der SPORT1-Experte.

"Da läuten schon vorsichtig die Alarmglocken. Da hat Heidel die erste Patrone schon geladen. Wenn die nicht zündet, dann geht bald gar nichts mehr an Konsequenzen."  

Neururer, in der Saison 1989/1990 Trainer auf Schalke, ist geschockt von der Situation bei seinem früheren Klub. "Das hat es in der Vereinsgeschichte noch nicht gegeben, von daher ist das sehr schlimm."

Jetzt habe man "ein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach und steht da schon extrem unter Druck, und die Gladbacher sind ja keine Laufkundschaft. Schalke muss gewinnen."

Das nächste Problem sei, "dass am Donnerstag Europapokal gegen Red Bull Salzburg (ab 18 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM) ansteht. Da lebt man mit einer eigenartigen Diskrepanz."

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Neururer legt Finger in die Wunde

Während die Verantwortlichen bei S04 enttäuscht sind, legt Neururer den Finger in die Wunde.

"Die Mannschaft hat keine Automatismen, sie ist nicht eingespielt, weil einige Neuzugänge zu spät kamen. Es wird ständig das System, die Ordnung und das Personal gewechselt und der Mannschaft fehlt es an Stabilität. Die kann sie aber durch die Rotation gar nicht kriegen."

Neururer nennt ein konkretes Beispiel. "Da kommt ein Johannes Geis von der Tribüne in die Stamm-Elf, dann muss er wieder auf die Bank und so zieht sich das wie ein roter Faden durch die bisher laufenden Spiele."

"Schlecht wie nie zuvor"

Es seien "keine Schuldzuweisungen" von Neururer, "aber Fakt ist, dass Schalke 04 mit riesengroßen Ansprüchen, einem neuen Trainer und einem neuen Sportvorstand so schlecht wie noch nie zuvor dasteht."

Und schon steht Trainer Markus Weinzierl in der Kritik. Vorbei ist es mit der Ruhe, die sie sich auf Schalke unter dem neuen sportlichen Führungs-Duo so sehr gewünscht haben.

"Markus Weinzierl war vorher beim FC Augsburg erfolgreich, weil der Klub natürlich ganz andere Ziele hat", meint Neururer. "Mit dem Klub hat er Überdurchschnittliches erreicht, und das war großartig. Aber das ist noch lange keine Garantie, möglicherweise Gleiches bei S04 zu erreichen."

Und weiter: "Das muss er sich erst mal erarbeiten. Wenn das Innenverhältnis zwischen Heidel und ihm sehr gut ist, dann kann man diese Phase überstehen, keine Frage."

Generell könne man dies nur dann überstehen, "wenn alles andere im Verein zu 100 Prozent stimmt."

© iM-Football

Noch keine Trainerdiskussion

Eine Trainerdiskussion gibt es noch nicht. Doch auch Heidel kennt die Mechanismen des Geschäfts zu gut. "Ich weiß nicht, wie lange seine Geduld anhält", so Neururer.

"Ich weiß nur, dass es mit jeder Niederlage immer schwerer wird, etwas glaubwürdig zu vertreten. Dass es noch verhältnismäßig ruhig ist, das hat es auf Schalke noch nie gegeben."

Letztmals gab es eine ähnliche Negativserie zum Saisonstart 2010/2011 unter Felix Magath. Neururer erinnert sich: "Felix Magath hatte eine ähnliche Katastrophen-Serie, er hatte aber vorher schon einiges auf Schalke erreicht. Er hatte vier Niederlagen und gewann die fünfte Partie in Freiburg. Magath war aber auch Manager und Trainer in Personalunion."

Geduld "kein Persönlichkeitsmerkmal"

Die Geduld sei "sicher ein Persönlichkeitsmerkmal auf Schalke, was relativ klein gehalten wird, weil der Fußball dort sehr intensiv gelebt wird."

Denn: "Die Emotionen gehen wesentlich schneller in beide Richtungen hoch und runter als bei einem anderen Bundesligisten.“

Neururer stellt klar: "Der Verein ist nicht untrainierbar. Jeder Trainer wünscht sich doch, in so einem Klub zu arbeiten, weil das Potenzial im Ruhrgebiet mit kaum einem anderen großen Verein zu vergleichen ist."

Inwiefern Weinzierl der Richtige ist, könne Neururer nicht beurteilen.

"Es zählen nur Punkte. Ich finde immer sehr bedenklich, wenn ein Trainer nach fünf Spielen infrage gestellt wird. Man sollte sich lieber die Frage gefallen lassen, warum man den Trainer geholt hat. Und wenn ich ihn geholt habe, muss ich zu ihm stehen, losgelöst von irgendwelchen Ergebnissen. Weinzierls Art zu trainieren wird sich nicht groß verändert haben."

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