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SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein (l.) beleuchtet den Weg von Jose Mourinho (r.) bei Manchester United © Grafik SPORT1 Marc Tirl

Trotz des Siegs gegen Tabellenführer Chelsea scheint Jose Mourinho noch nicht gänzlich bei ManUnited angekommen. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein nennt Gründe.

Das Urteil war am Montag einheitlich. Daily Telegraph, Independent, Metro, BBC, Daily Mail und ESPNFC bezeichneten den 2:0-Sieg von Manchester United gegen Chelsea am Tag zuvor unisono als "taktische Meisterleistung" des Trainers.

Jose Mourinho hatte den Tabellenführer mit einer Sechserkette und Sonderbewachung von Eden Hazard in der Tat vor unlösbare Probleme gestellt. Die Elf von Antonio Conte war über die gesamte Spieldauer zu keiner echten Torchance gekommen.

Erster Sieg im Spitzenspiel seit Dezember

Der Portugiese kostete den ersten Erfolg der Red Devils in einem Liga-Spitzenspiel seit Anfang Dezember (1:0 gegen Tottenham) gebührend aus ("Wir haben sie kontrolliert") und ließ dazu noch unter der Hand verbreiten, dass er zur Halbzeit die spätere Einwechslung von Cesc Fabregas bei den Blauen vorhergesagt hatte.

"Er kann es also doch noch", lässt sich das mediale Echo auf seinen bisher größten Sieg im Amt zusammenfassen. 

Dass es bis Mitte April bis zur ersten wirklich stringenten Performance seiner Elf dauerte, zeigt allerdings auch, wie mühselig der Neustart des Special One im Old Trafford verlaufen ist.

United ist einerseits in der Liga seit Ende Oktober ungeschlagen und hat den Ligapokal gewonnen, klebt in der Tabelle aber andererseits immer noch hartnäckig auf Platz fünf fest. Auf einem Champions-League-Platz stand der Branchenkrösus zuletzt Mitte September.

Hätte Mourinho nicht dank des ungewollten Nachlasses von Vorgänger Louis van Gaals, der Teilnahme an der Europa League, noch eine realistische Chance, die Königsklasse über den Umweg Stockholm zu erreichen, würde man auf der Insel von einer mittelpeinlichen Krise sprechen.

Highlights von Manchesters Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League gegen den RSC Anderlecht gibt es ab 23 Uhr im TV auf SPORT1

Selbst die überzeugende Leistung gegen Mourinhos verflossene Liebe Chelsea warf einige perspektivische Fragen auf.

Funktioniert das System Mourinho auf Dauer?

Ohne Zlatan Ibrahimovic, den bisher wichtigsten Spieler der Saison (28 Saisontore in allen Wettbewerben), hatte Uniteds Spiel gegen den Ball viel mehr Schärfe und Präzision.

Die Konter über Jesse Lingard und den überragenden Youngster Marcus Rashford fegten mit Tempo und Wucht über den Platz, wie man es seit Alex Fergusons Rücktritt vor vier Jahren nicht mehr im Theater der Träume gesehen hatte.

Aber ist dem auf Hurra-Fußball geeichten Publikum im Old Trafford (Schlachtruf: "Attack, attack, attack") dieser Guerilla-Stil auf Dauer vermittelbar? Funktioniert er gegen Mannschaften, die sich vor dem eigenen Strafraum verbarrikadieren?

Und kann Mourinho bei United mittelfristig das Kunststück gelingen, dass ihm in drei Jahren bei Real Madrid nie so richtig gelang - die Symbiose aus Galacticos und Underdog-Arbeitsethos? 

Trotz der mittlerweile stabilen Ergebnisse hat man das Gefühl, dass der Verein noch nicht so recht weiß, wohin die Reise gehen soll.

Weniger Pogbas - mehr Talente

Geschäftsführer Ed Woodward würde aus Marketing-Gründen bestimmt gerne noch mehr Zlatans und Pogbas einkaufen, Mourinho hätte dagegen vermutlich lieber talentierte Soldaten zur Verfügung.

Dieses grundsätzliche Spannungsverhältnis erklärt auch, warum der Trainer Woche für Woche bestimmte Spieler für ihre angeblich mangelnde Einstellung kritisiert.

Vor dem Rückspiel gegen Anderlecht waren 50-Millionen-Euro-Stürmer Anthony Martial ("Er muss mir zeigen, was ich will") und mal wieder Henrikh Mkhitaryan ("Nur in der Europa League gut") an der Reihe.

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Ruhe durch Erfolg

Der einst für seine bedingungslose Treue zu den Spielern bekannte Coach will mit diesen öffentlichen Zurechtweisungen anscheinend belegen, dass er noch nicht das passende Personal beisammen hat. Beziehungsweise, dass sich das Personal noch nicht seinen eigenen, sehr hohen Anforderungen angepasst hat.

Diesen Kurs kann er aber nicht mehr allzu lange fahren, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Spieler, für die sich Manchester United interessiert, werden es sich zwei Mal überlegen, ob sie sich diesen potenziellen Stress antun wollen.

Mourinho, Mannschaft und Verein müssen insgesamt mehr zur Ruhe kommen. Die Qualifikation für die Champions League wäre dafür äußerst hilfreich. 

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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