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Thailand v Germany: Group B - FIFA Women's World Cup 2015
Torhüterin Nadine Angerer redete ihren Mitspielerinnen nach dem Spiel ins Gewissen © Getty Images

Winnipeg und Ottawa - Bei den deutschen Frauen macht sich trotz des Gruppensiegs Unzufriedenheit breit. Nadine Angerer legt den Finger in die Wunde. Vor allem Maroszan steht in der Kritik.

Von der Weltmeisterschaft der Frauen berichtet Frank Hellmann

Zeit zum Ausruhen blieb keine.

Bereits am Morgen nach dem 4:0 gegen Thailand stand für die deutschen Fußballerinnen der Rückflug von Winnipeg nach Ottawa an - genau dort wo vor zwei Wochen bei der Frauen-WM alles begonnen hat, "geht es jetzt eigentlich erst richtig los", wie es Bundestrainerin Silvia Neid formulierte.

Die Vorrunde ist vor allem wegen des Schützenfests gegen die Elfenbeinküste (10:0) als auch dem Pflichtsieg gegen Thailand (4:0) mit nur begrenzter sportlicher Aussagekraft zu versehen. 

"Können wir in die Tonne kloppen"

Nur das Norwegen-Spiel (1:1)  taugte als Gradmesser, und auch da offenbarte der Europameister zwei Gesichter. "Es wird allen bewusst sein, dass wir jetzt absolute Konzentration brauchen", sagte Silvia Neid. Beim letzten WM-Turnier als Bundestrainerin kann es nicht schaden, wenn es jemand gibt, der die Sinne der Mitspielerinnen wie keine andere schärfen kann. Die erfahrene Kapitänin Nadine Angerer, die bisweilen wie die große Schwester auf ihre Gruppe einwirkt, hat deshalb bewusst Alarm geschlagen.

"Kein Freilaufen, keine Bewegung: Das war Standfußball. Die erste Halbzeit können wir in die Tonne kloppen, und so können wir nicht noch mal auftreten. Sonst scheiden wir hier aus." Die 36-Jährige redete hinterher in der Mixed Zone des eigentlich von den Footballern der Blue Bombers bespielten Winnipeg-Stadium Klartext, weil sie nicht gewillt ist, derlei Nachlässigkeiten in der K.o.-Runde hinzunehmen. "Wir müssen uns mal zusammensetzen. So können wir dieses Spiel nicht stehen lassen."

Die 36-Jährige möchte mit den älteren Mitspielerinnen die Köpfe zusammenstecken. Krisensitzung im konkreten Fall nicht ausgeschlossen. "Wir können uns das nicht erlauben. Das ist eine Einstellungssache. Man muss nüchtern und wachsam sein. Ab jetzt kommen nur noch starke Gegner."

Maroszan in der Kritik

Wie zum Beispiel ihre frühere Frankfurter Vereinskollegin Dzsenifer Marozsan beim Stande von 1:0 trotz aller Veranlagung völlig freistehend eine Chance vergab, brachte alle auf die Palme. "Da muss die ‚Maro‘ einfach ein Tor machen", sagte auch Neid und gab warnend zu Protokoll: "In einem Achtelfinale bekommen wir vielleicht nur zwei, drei Chancen und nicht zehn. Diese Abschlussschwäche macht mir wirklich Sorge."

Mit Anja Mittag (erste Halbzeit) und Alexandra Popp (90 Minuten) saßen zwei ihrer besten Offensivspielerinnen auf der Bank, dazu hatte Torjägerin Celia Sasic keinen guten Tag erwischt. Anders als die eingewechselte Lena Petermann: Die inzwischen 21-jährige Stürmerin steuerte gleich einen Doppelpack (56. und 58.) zum 4:0 bei. (Das DFB-Team in der Einzelkritik)

Aber nicht einmal die gleichaltrige Melanie Leupolz, die per Kopf den Führungstreffer erzielte (24.), wollte sich davon blenden lassen. Als die Meisterspielerin des FC Bayern auf der Pressekonferenz als offizielle Spielerin des Spiels sprach, kamen Sätze wie Peitschenhiebe heraus: "Wir wissen selbst, dass das kein gutes Spiel war. Wir haben verpasst, Selbstbewusstsein fürs Achtelfinale zu sammeln. Das einzig Positive war, dass wir gewonnen haben."

Oranje-Elf droht

Neben ihr saß Silvia Neid und blickte fast ungläubig zu einer ihrer Musterschülerinnen herüber. Was die 51-Jährige dachte? "Die Melanie hat das ganz gut zusammengefasst." Es ehrt die Protagonisten, so kritisch mit sich umzugehen. Die Ansprüche bei den DFB-Frauen sind hoch - der Slogan heißt nicht umsonst "Titeltraum", auch wenn die Zielsetzung viel vorsichtiger als 2011 formuliert ist, gilt doch Neid zufolge: "Wenn man Deutschland heißt, hat man die Favoritenrolle."

Als Gruppensieger trifft ihr Team jetzt am Samstag im Lansdowne Stadium von Ottawa auf einen Gruppendritten: Ein möglicher Gegner ist seit Montag die Niederlande, gegen die Deutschland bei der EM 2013 ein mühsames 0:0 erreichte. Der Ausrichter der EM 2017 knöpfte Kanada ein 1:1 ab und hat sich mit vier Punkten als Dritter der Gruppe A eine gute Ausgangsposition verschafft. (SERVICE: Der WM-Spielplan)

Die endgültige Besetzung der Achtelfinals steht erst in der Nacht zu Donnerstag fest, wenn alle Vorrundenpartien beendet sind. Nadine Angerer konnte sich auch damit nicht anfreunden: "Das ist doch verrückt. Ich wüsste schon gerne, gegen wen ich jetzt spiele."

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