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DFB-Frauen
Die Heldin des Spiels: Nadine Angerer (nicht im Bild) © Getty Images

Montreal - Wie die deutsche Frauen-Nationalmannschaft das Elfmeterdrama in Montreal feiert: Nadine Angerer und Dszenifer Marozsan schreiben in Kanada zwei verrückte Geschichten.

Celia Sasic hatte wirklich allergrößte Furcht vor diesem Szenario.

Wäre ja für diesen Samstag, den 27. Juni, eine ziemlich blöde Vorstellung gewesen, den 27. Geburtstag zu feiern und dann im Flieger zu sitzen. Beim Rückflug von der Frauen-WM.

Doch nun trat für diesen Tag das ein, was sich die Torjägerin auch gewünscht hatte: ein Ständchen von den Mitspielerinnen im Teamhotel in Montreal am belebten Boulevard René Levesque und die obligatorische Rede von Torwarttrainer Michael Fuchs zum Feiertag.

Denn: Die deutschen Fußballerinnen bleiben nach dem Viertelfinal-Drama von Montreal – dem 5:4 nach Elfmeterschießen (1:1, 0:0 nach Verlängerung) gegen Frankreich – im Turnier, dürfen sich auf ein Halbfinale im Olympiastadion von Montreal gegen die USA (Mittwoch 1 Uhr MESZ) freuen, während der hoch gehandelte und über weite Strecken spielerisch klar bessere Nachbar die Heimreise antreten muss.

Erinnerung an Rumpelfußball

Der Frauenfußball in Frankreich, Gastgeber der WM 2019, bleibt ein unerfülltes Versprechen, während sich die deutschen Damen an jene Tugenden erinnerten, mit denen die Männer sich in den Zeiten des Rumpelfußballs durch Turniere mogelten: im Notfall hilft das Elfmeterschießen.

"Einfach hinlegen und dann reinschießen!" So hatte Celia Sasic hinterher im Bauch des Betonmonstrums von Montreal ihre Eigenschaft beschrieben, erst in der regulären Spielzeit einen Handelfmeter zum 1:1 (84.) zu verwandeln und dann vom Punkt in dieselbe Ecke das 5:4 zu erzielen.

Was folgte, kam  einem irgendwie bekannt vor: Nadine Angerer machte ihrem Ruf als Elfmetertöterin alle Ehre und wehrte den finalen Versuch der erst 21-jährigen Französin Claire Lavogez mit dem Knie ab.

Angerer: "Total leer"

"Ich hatte das Gefühl, dass sie Angst hat", erklärte die "Spielerin des Spiels" später, die auf der Pressekonferenz nicht nur nette Statements abgab, sondern auch unentwegt Grimassen schnitt. "Das war ein Kraftakt, ich bin noch ganz voll mit Adrenalin", berichtete die 36-Jährige ehrlicherweise, die nach eigenem Bekunden beim Schlusspfiff sich "total leer" fühlte.

Angerer: "Ich brauche einen Tag, um das alles zu verarbeiten."  Wie schon im WM-Finale 2007 oder im EM-Endspiel 2013 avancierte die Kapitänin zur Matchwinnerin. "Ich habe ihr am Ende eine klare Ansage gegeben: Natze, Du musst zwei Elfmeter halten", erzählte Bundestrainerin Silvia Neid grinsend.

"Wir dachten eigentlich, dass sie zwei hält", feixte auch Abwehrchefin Annike Krahn, die keinerlei Mitleid mit ihren ehemaligen Teamgefährtinnen verspürte. "Ehrlich, die Französinnen sind selber schuld, wenn sie ihre Chancen nicht nutzen. Wir sind diejenigen, die nicht nach Hause fahren und das zählt."

Intuition und Glück

Doch letztlich brauchte es mal wieder die Künste der Kapitänin, um weiterzukommen. "Ich habe gar keine Taktik, ich versuche lange stehen zu bleiben", erklärte Angerer ihr Erfolgsgeheimnis.

Germany v France: Quarter Final - FIFA Women's World Cup 2015
Nadine Angerer hält einen Elfmeter im Viertelfinale gegen Frankreich © Getty Images

Natürlich gebe ihr Torwarttrainer Michael Fuchs einige Tipps mit auf den Weg ("Er heißt nicht nur so, er ist ein Torwarttrainer-Fuchs!"), doch viermal in Folge hatten die Französinnen bei der Nervenentscheidung vom Elfmeterpunkt schon verwandelt. Was ja passieren kann.

"Ich bekomme von 'Michi' die Info, aber letztlich sagt er mir: 'Natze', verlasse dich auf deine Intuition. Ob ich dann einen halte, ist dann immer die Sache."

Eine Halbzeit lief gar nichts

Doch es gab ja bei diesem Viertelfinal-Drama im Betonmonstrum des Parc Olympique von Montreal – ein unwürdiger Ort für solch ein Spiel – vor nicht einmal 25.000 Zuschauern noch eine andere verrückte Episode. Weil in einer konfusen deutschen Elf eine Halbzeit lang im Grunde gar nichts zusammenlief und die zu Recht hoch gehandelten Französinnen fast eine Klasse besser spielten, kam zur Pause Dzsenifer Marozsan in die Partie.

Die 23-Jährige gilt als beste deutsche Fußballerin, knickte aber beim allerletzten Schussversuch in der Verlängerung wieder mit dem bereits lädierten linken Fuß um – und lag zur Behandlung weiter auf dem Kunstrasen an der Strafraumkante, als Neid ihre fünf Elfmeterschützinnen an der Seitenlinie zusammensuchte. Da meldeten sich zunächst nur vier freiwillig (Melanie Behringer, Simone Laudehr, Babett Peter, Celia Sasic, die allesamt verwandelten). "Die anderen haben betreten auf den Boden geschaut", berichtete Neid.

Marozsan bleibt cool

Gut, dass die Trainerin noch auf die entscheidende Idee kam: "Ich habe schnell die Lena Goeßling zu 'Dzseni' geschickt, ob sie nicht auch schießen könne."

Die Mittelfeldspielerin des VfL Wolfsburg lief also hin und erhielt als Antwort ein kurzes, aber klares Ja.

Marozsan trat als vierte Schützin an und verwandelte wie selbstverständlich. "Ich konnte ja auftreten. Und ich wollte in dieser Situation unbedingt einen Elfmeter schießen." Neid wunderte sich später darüber selbst: "Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat."

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