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USA v Germany: Semi Final - FIFA Women's World Cup 2015
Lena Goeßling (l.) bestritt am 28. Februar 2008 ihr erstes Länderspiel © Getty Images

Montreal - Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft erleidet bei der WM einen Rückschritt. Das Aus gegen die USA ist ein herber Stimmungsdämpfer für Neids Team.

Lena Goeßling weiß, wie sich die totale Leere anfühlt. Wenn die Zeit still zu stehen scheint, weil das Erlebte sprachlos macht. Weil die Enttäuschung viel zu groß ist, um dafür irgendwelche Worte zu finden. So wie damals am 9. Juli 2011. In Wolfsburg, dort wo die blonde Mittelfeldspielerin jetzt unter Vertrag steht.

Damals, die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hatte ihr Viertelfinale gegen Japan bei der Heim-WM gerade mit 0:1 nach Verlängerung in den Sand gesetzt, hatte sie minutenlang nach Abpfiff auf dem Rasen gesessen und nicht gewusst, wie es weitergehen sollte. Die Tränen flossen in Sturzbächen.

Nun, vier Jahre später, wirkte die "Beauty Queen" (Torhüterin Nadine Angerer) auch reichlich zerknittert, als im Olympiastadion von Montreal der Schlusspfiff des WM-Halbfinals ertönte und nur Ernüchterung übrig blieb. 0:2 gegen die USA.

Die Amerikanerinnern konnten ihr Glück kaum fassen, liefen völlig losgelöst ihre Ehrenrunde und feierten - nachdem sie Trost gespendet hatten - beinahe, als hätten sie die imaginär größte Hürde auf dem Weg zum Titel beiseite geräumt. Aber auf der Gegenseite kauerte niemand auf dem Kunstrasen. Irgendwann gingen sie alle aufrecht in die Kabine.

Spiel um Platz drei am Samstag

Die Deutschen, so viel stand fest, hatten dieses Halbfinale verdient verloren. "Wir sind so enttäuscht: Wir wollten ins Finale", presste Goeßling später hervor. Und auf die SPORT1-Nachfrage, ob beide Ereignisse denn irgendwie vergleichbar seien, bemerkte die 29-Jährige trotzig: "Nein, damals hatten wir keine Olympia-Qualifikation. Damals hatten wir kein Halbfinale. Diesmal haben wir noch etwas."

Was sie meinte: Am Samstag gibt es bei der Frauen-WM 2015 noch ein Spiel um Platz drei. Genau wie bei den Männern trägt der Weltverband FIFA auch bei den Frauen dieses kleine Finale aus, über dessen Sinn oder Unsinn jeder streiten darf. Gespielt wird dafür in Edmonton.

Viel lieber wäre die deutsche Delegation doch nach Vancouver gereist, eine Stadt mit viel mehr Flair. Und mit eben dem Finale. Aber nun muss die Mannschaft es so nehmen, wie Kapitänin Nadine Angerer meinte: "Ich denke, wir haben eine gute WM gespielt. Wir hätten diesen dritten Platz verdient, wir müssen nun alles für diesen schönen Abschluss tun."

Angerers allerletzte Partie

Die 36-Jährige will dieses Spiel sehr ernsthaft angehen - es wird nebenbei ihr allerletztes Länderspiel sein.

Wie auf Knopfdruck sagten fast alle Spielerinnen diesen Spruch später in der Mixed Zone auf, aber ist das so einfach gesagt? Der dritte Platz ist kein Ersatz für ein Endspiel, zumal ja zu Turnierbeginn noch die kleinen Kopfkissen mit dem Aufdruck "Titeltraum" verteilt worden waren, auf denen sich doch angeblich so gut nächtigen ließ. Der Traum ist zerplatzt. Und für eine wird dieser 30. Juni 2015 für immer ein Albtraum bleiben.

Vor allem für Celia Sasic wird Montreal für immer ein Trauma bedeuten. Genau dort, wo sie im Viertelfinale am Freitagabend gegen Frankreich noch zwei Elfmeter zielsicher verwandelt hatte, schoss sie nun einen entscheidenden Strafstoß am Tor vorbei (63.).

Sasic nach Fehlschuss untröstlich

Die Schlüsselszene des Spiels. "Wir bauen sie wieder auf. Wegen ihrer Elfmeter sind wir überhaupt so weit gekommen, nun hat sie mal nicht getroffen", meinte Bundestrainerin Silvia Neid. "Im Sport gibt es Hochs und Tiefs. Bis Samstag hat sie das wieder verdaut." Doch geht das wirklich so einfach?

Als Sasic aus den Katakomben kam und ein Statement abgab, da musste die 27-Jährige mehrfach schlucken. Und zwischendrin schluchzte sie immer wieder. "Ich habe die riesengroße Chance vergeben. Es tut mir so leid, in all diese traurigen Gesichter zu sehen. Ich habe mir den Ball genommen und wollte ihn reinmachen."

Hat sie das Gezappel von Hope Solo, die vor der Ausführung partout nicht auf die Torlinie wollte, vielleicht irritiert? "Nein, davon darf ich mich nicht beeinflussen lassen. Der Ball kann trotzdem reingehen." Da war eine schier untröstlich.

Anders als Abwehrchefin Annike Krahn, die sich ihren 30. Geburtstag am Mittwoch sicher ganz anders vorgestellt hatte. "Zwar ist das unglücklich für uns gelaufen, aber irgendwo war der Sieg der USA schon verdient", räumte sie ein. Krahn war es, der nur kurz nach dem Sasic-Fauxpas jenes regelwidrige Eingreifen gegen die schnelle Alex Morgan unterlief, das ebenfalls mit Elfmeter bestraft wurde.

Kritik an der Unparteiischen

"Ganz klar außerhalb des Strafraums", kritisierte Neid in Richtung der Unparteiischen Teodora Albon aus Rumänien, "leider entscheidet dieser Strafstoß das Spiel." Überdies hätte Julie Johnston zuvor noch Rot sehen müssen, "die Regel sagt es so." Sie meinte das Vergehen vor dem deutschen Strafstoß an Alexandra Popp, als die US-Amerikanerin mit der Hand an die Schulter der Deutschen fasste.

Unstrittig nur: Die stark spielende Carli Lloyd, die später auch mustergültig das 2:0 von Kelley O'Hara vorbereitete (84.), verwandelte den zweiten Elfmeter abgebrüht (69.). Angerer lag in der falschen Ecke. Die USA waren letztlich nicht nur das effektivere, sondern auch das flexiblere Team.  

Neid zog ihr eigenes Fazit: "Wir haben ein tolles Halbfinale zweier starker Mannschaften gesehen. Wir haben nicht viel zugelassen und waren selbst nur zu unpräzise und nicht torgefährlich."

Korrekturen nahm sie selbst - abgesehen von einem späten Wechsel mit Dzsenifer Marozsan (77.) - weder am Personal noch an der Taktik vor. Vertiefende Debatten mochte sie in Montreal nicht führen. Denn: "Ich bin zufrieden und stolz. Wir haben viele Teams aus diesem Turnier geschossen." Nur eben nicht die USA.

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