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Olmütz - Der Schock bei der DFB-Elf nach der Klatsche gegen Portugal im EM-Halbfinale sitzt tief. Einige Aussagen lassen auf tiefere Probleme im Kader schließen. Eine Aufarbeitung.

0:5! In Worten: Null zu Fünf! Nachdem man zuvor in drei Spielen nur drei Gegentore bekommen hatte. Gegen eine Mannschaft, die zuvor in drei Partien insgesamt nur zwei Treffer erzielen konnte.

Wie man es auch dreht und wendet, das Halbfinale bei der U21-Europameisterschaft gegen Portugal war für die deutschen Junioren ein Debakel. Viel schlimmer als die deutliche Niederlage an sich war für alle Beteiligten aber die Art und Weise, wie sie zustande kam.

"Man kann 5:0 verlieren, man kann auch 10:0 verlieren von mir aus", sagte Emre Can: "Wenn man alles gibt, dann kann man in den Spiegel gucken und sagen: Okay, ich habe alles gegeben."

"Habe nicht alles gegeben"

Er persönlich habe an diesem Tag, in diesen 90 Minuten gegen Portugal jedoch nicht alles gegeben.

Einerseits ehrt es Can, dass er nach einer derart desolaten Vorstellung auch mit sich selbst so hart ins Gericht geht. Auf der anderen Seite machen seine Worte aber auch stutzig.

Ein 21-Jähriger, der auf dem Weg zu seinem bisher größten internationalen Titel in einem EM-Halbfinale nicht alles gibt? Auch Teamkollege Matthias Ginter hatte sich dazu kurz nach dem Abpfiff bereits so seine Gedanken gemacht.

"Es macht für mich keinen Sinn, dass wir einen Tag länger frei haben und Portugal von Anfang an spritziger ist, frischer ist", sagte der Innenverteidiger und forderte: "Nicht alle, aber ich glaube einige müssen sich da hinterfragen, ob eben alles für dieses Halbfinale gemacht wurde in den letzten Tagen."

Portugal reichen 55 Minuten

Der Dortmunder kündigte an, man werde intern noch mal besprechen, "woran es lag, dass wir heute zum Teil auch vorgeführt wurden".

Trainer Horst Hrubesch bewerte die Offenheit von Can positiv: ""Das finde ich toll von ihm. Selbsterkenntnis ist wichtig. Es ist wichtig, die Sache so zu nehmen, wie sie ist und nicht davon wegzurennen", meinte Hrubesch, der am Tag danach offen über seinen Rücktritt als Bundestrainer sprach.

Die Portugiesen brauchten am Samstagabend nicht einmal die komplette Spielzeit, um die DFB-Junioren aus dem Stadion zu schießen. In starken 55 Minuten kombinierten sich die Iberer mit unbändiger Spiellaune zu fünf teils sehenswerten Treffern - und die Deutschen liefen hinterher.

Auf der anderen Seite brachten Horst Hrubeschs Schützlinge offensiv kaum etwas zustande. Magere fünf Torabschlüsse standen am Ende in der Statistik. Es wirkte tatsächlich so, als habe der zusätzliche Tag Vorbereitung auf das Spiel den Deutschen eher geschadet als geholfen.

U21-Nationaltrainer Hrubesch ließ offen, ob "vielleicht der eine Tag doch zu lange war, dass man dann aus dem Rhythmus kommt". An den Aktivitäten der Spieler zwischen erfolgreicher Olympia-Qualifikation im Gruppenfinale gegen Tschechien und Halbfinale lag es seiner Meinung nach aber nicht. "Ich denke mal, die Vorbereitung war so weit okay", sagte Hrubesch.

Zustimmung erhielt der Trainer von seinem Kapitän. "Ich weiß von jedem Einzelnen, dass er sich zu 100 Prozent auf die Partie vorbereitet hat", beteuerte der Hoffenheimer. Unprofessionelles Verhalten einzelner Mitspieler könne er "definitiv ausschließen, hundertprozentig".

Es wird Gespräche geben

Vielmehr vermutete Volland, dass bei Ginter direkt nach dem Spiel die "Emotionen natürlich auch enorm hochgeschaukelt" waren - und kündigte an, "mal mit dem Matze reden" zu wollen.

Womöglich sollte sich Volland vorher aber mal mit Emre Can unterhalten. Der nämlich hatte als Einziger einen möglichen Erklärungsansatz für Ginters Andeutungen.

Jonas Nohe vor Ort bei der U21-EM in Tschechien
Jonas Nohe vor Ort bei der U21-EM in Tschechien © SPORT1

"Wir haben ein Bild gepostet, wo wir Pizza essen waren", vermutete Can als möglichen Auslöser für Ginters Unmut: "Aber ich glaube, das ist nichts Schlimmes. Ich glaube, man kann sich mal was gönnen, wenn man zwei Wochen nur Nudeln isst."

Das über den Instagram-Account von Moritz Leitner in Umlauf gebrachte Bild zeigt Can, Leitner, Leonardo Bittencourt, Nico Schulz und Yunus Malli und wurde zwei Tage vor dem Halbfinale online gestellt.

"Haben als Mannschaft verloren"

Dass Ginter darin den Grund für die desolate Leistung gegen Portugal gesehen hatte, konnte sich Can allerdings nicht so recht vorstellen. "Das hat nichts mit einer Pizza zu tun", sagte der Liverpool-Profi, "ich glaube, das würde jede Mannschaft machen. Vielleicht haben die Portugiesen auch Pizza gegessen."

Was Ginter sonst gemeint haben könnte? "Es ist nichts vorgefallen, wir haben uns immer benommen."

Zumindest in diesem Punkt schien ihm sein Teamkollege zuzustimmen. "Ich bin der Letzte, der einzelne Spieler hier attackiert oder angreift, darum geht es nicht", erklärte Ginter: "Wir haben als Mannschaft verloren, Portugal hat als Mannschaft gewonnen."

Schade sei vor allem, dass dieser Auftritt "natürlich die anderen drei Spiele völlig über den Haufen" werfe: "Das bleibt natürlich hängen, das ist klar."

Das Ziel sei es gewesen, so Ginter, Europameister zu werden: "Das haben wir nicht geschafft - aus verschiedenen Gründen."

Zumindest über einige davon darf wohl noch eine Weile spekuliert werden.

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