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Prag - Die U21 hat mit dem Einzug ins EM-Halbfinale ein großes Ziel erreicht. Doch ist die Olympia-Teilnahme zahlreicher Leistungsträger ebenso fraglich wie die erfahrener Stars.

Die große Stunde von Leonardo Bittencourt schlug nach dem Abpfiff in der Kabine.

Mit einem 1:1 im letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber Tschechien hatte die deutsche U21 bei der Europameisterschaft den Halbfinaleinzug perfekt gemacht und damit gleichzeitig das Ticket zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro gelöst.

Wer sonst als der Sohn brasilianischer Eltern sollte da für die entsprechende Stimmung sorgen?

Er habe "direkt eine brasilianische Musik" aufgelegt, berichtete Bittencourt, "damit die Jungs wissen, was nächstes Jahr auf sie zukommt".

Olympia für Mertesacker "höchst unwahrscheinlich"

Für Per Mertesacker und Philipp Lahm dürfte eine Rückkehr an den Ort ihres WM-Triumphs eher ein Traum bleiben.

Mertesacker bezeichnete am Mittwoch eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2016 in Rio als "höchst unwahrscheinlich". "Es liegt eine schwere Premier-League-Saison vor uns. Da haben wir große Ziele. Der Rest ist Zukunftsmusik und aufgrund vieler Faktoren höchst unwahrscheinlich", sagte der Abwehrspieler des FC Arsenal.

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Per Mertesacker (r.) und Philipp Lahm wurden 2014 in Rio de Janeiro Weltmeister © Getty Images

Er mache sich über Olympia "aktuell keine Gedanken. Dass man über mich grundsätzlich in diesem Kontext öffentlich nachdenkt, ist doch schön und zeigt, dass ich zuvor nicht alles falsch gemacht habe", sagte Mertesacker.

U21-Nationaltrainer Horst Hrubesch hatte beiden am Dienstagabend keine großen Hoffnungen gemacht. "In erster Linie werde ich die Spieler fragen, mit denen ich das Ziel hier erreicht habe. Und dann werden wir sehen", erklärte Hrubesch und schickte einen kleinen Seitenhieb in Richtung der beiden Weltmeister: "Da könnte ich ja auch noch mitspielen."

Ausschließen wollte der 64-Jährige es jedoch nicht, dass er den Kader mit dem einen oder anderen erfahrenen Spieler verstärkt: "Vorstellen kann ich mir alles. Aber ob es dann so kommt, weiß ich noch nicht."

Komisches Gefühl und verhaltene Freude

Hrubeschs Spieler äußerten sich trotz der geschafften Olympia-Qualifikation eher nüchtern. "Wir sind erst mal zufrieden, dass wir ins Halbfinale gekommen sind", sagte Marc-Andre ter Stegen.

Es habe sich "ein bisschen komisch angefühlt", erklärte Kapitän Kevin Volland: "Es haben sich natürlich schon alle gefreut, aber man hat ein bisschen gemerkt, dass auch der Gruppensieg drin gewesen wäre."

Neben einem vermeintlich stärkeren Gegner im Halbfinale hätte sich die deutsche Mannschaft vor dem Halbfinale am Samstag damit vor allem einen Umzug von Prag ins 280 Kilometer entfernte Olmütz ersparen können.

Nicht alle dürfen in Brasilien spielen

Gerade bei Volland und ter Stegen hatte die gedämpfte Euphorie womöglich aber noch andere Gründe - denn ob die beiden Leistungsträger der aktuellen U21 Rio 2016 überhaupt vor Ort miterleben, ist mehr als fraglich.

Jonas Nohe vor Ort bei der U21-EM in Tschechien
Jonas Nohe vor Ort bei der U21-EM in Tschechien © SPORT1

Als zwei von insgesamt acht im Jahr 1992 geborenen Mitgliedern des aktuellen Kaders überschreiten sie die Altersgrenze für das Olympische Fußballturnier. Lediglich über die Sonderregelung, dass auch drei ältere Spieler nominiert werden dürfen, könnten sie doch der Reisegruppe an den Zuckerhut angehören.

EM lieber als Olympia

Bleibt nur die Frage, ob sie das überhaupt wollen. Ter Stegen und Volland winkt der Sprung zur A-Nationalmannschaft, für die im kommenden Sommer die EM in Frankreich ansteht.

"Man muss ja sagen, dass ich jetzt nach dem Turnier mit den U-Nationalmannschaften meinen Abschluss finden will", erklärte Volland vielsagend: "Dann will ich mich auch auf die A-Nationalmannschaft und auf den Verein konzentrieren."

Olympia oder EM - was würde er selbst bevorzugen? "Wenn ich die Möglichkeit bekomme, bei der Europameisterschaft mitzuspielen, dann wäre das für mich auch ein Traum."

Überschneidung im Terminkalender

Ob Hrubesch seine Kaderplanung für Olympia letztlich komplett selbst in der Hand hat, ist zumindest fraglich. Denn der Termin des Olympischen Fußballturniers vom 3. bis 20. August 2016 überschneidet sich mit der Vorbereitung der Vereine auf die Saison 2016/17, womöglich sogar mit dem Saisonauftakt.

In den vergangenen Jahren hatte es daher immer wieder Streit um die Abstellungspflicht der Vereine gegeben. Die FIFA bestand auf eine Freigabe, 2008 jedoch klagten zahlreiche Klubs dagegen und bekamen vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS Recht.

Damit es bei den weitgehend in der Bundesliga aktiven deutschen Spielern gar nicht erst so weit kommt und der DFB am Ende nicht mit einer C-Auswahl antreten muss, gibt es bereits eine Absichtserklärung vonseiten der Deutschen Fußball Liga.

Flick nimmt DFL in die Pflicht

"Wir haben immer gesagt, dass wir nach Rio wollen, und da ist auch die DFL mit im Boot", bestätigte DFB-Sportdirektor Hansi Flick. Inwieweit die Vereine dann letztlich tatsächlich bereit sind, ihre teilweise bereits zu Leistungsträgern gereiften Youngster ziehen zu lassen, bleibt abzuwarten.

Besser also, man ergreift die Chancen, die sich einem jetzt bieten. Und da steht für die DFB-Junioren derzeit noch der EM-Titel ganz oben auf der Liste.

Hrubesch lenkt Fokus auf das Halbfinale

"Wir haben ja nur noch diese zwei Spiele. Ich denke, da sollten wir jetzt mit 100 Prozent ins Halbfinale (Sa., ab 17.30 Uhr im LIVETICKER) einsteigen und versuchen, die Chance zu nutzen, ins Finale zu kommen."

Dann könnte die nächste große Stunde von DJ Bittencourt schlagen.

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