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Bastian Schweinsteiger umarmt Lionel Messi nach dem WM-Finale
Bastian Schweinsteiger umarmt Lionel Messi nach dem WM-Finale © Getty Images

Rio de Janeiro - Bastian Schweinsteiger ist beim Sieg im WM-Finale endlich der ersehnte Anführer und krönt seine Karriere. Die Welt staunt über seinen Sportsgeist.

Er überraschte sie mit einem Wangenbussi.

Und Rihana lächelte selig, zumal ihr im selben Moment Lukas Podolski ein Bussi auf die andere Wange drückte. Ein Lausbubenstreich wie zu besten Zeiten des Duos "Poldi" und "Schweini".

Dann streifte Rihanas Blick das Gesicht von Bastian Schweinsteiger. Da prangte jene blutunterlaufene Platzwunde, ein Souvenir aus dem heftig umkämpften Endspiel gegen Argentinien.

Und plötzlich war der Sängerin klar, dass da auf der deutschen Titelfete im Luxushotel "Sheraton" kein Gaudibursche vor ihr stand, sondern ein - man muss es so sagen - Krieger.

Einer, der heftig eingesteckt hatte. In der Verlängerung schien es, als ob die Argentinier zwischenzeitlich nur ein Ziel hätten, und zwar den deutschen Mittelfeldanführer außer Gefecht zu setzen. Irgendwie.

Einfach unkaputtbar

Doch Schweinsteiger stand immer wieder auf, unkaputtbar und mit eisernem Willen. Der Riss unter dem Auge war minutenlang geflickt worden, die Beine zuckten vor Schmerzen, der 29-Jährige spielte weiter.

Kaum zurück auf dem Platz fiel das Siegtor von Mario Götze, das alle Mühen in einem einzigen Moment belohnte.

"Wir haben es uns verdient", verkündete Schweinsteiger anschließend, "wir haben alles zurückbekommen".

Zugleich dachte er an einen, der die Partie im Gefängnis verfolgt hatte: den Ex-Präsidenten des FC Bayern. "Ganz spezieller Gruß an jemanden, ohne den wir alle nicht hier wären: Uli Hoeneß, vielen Dank für die Unterstützung, wir glauben daran, dass alles gut wird und unterstützen Sie sehr."

Beste Laufleistung auf dem Platz

Denn auch Hoeneß hatte dazu beigetragen, dass Schweinsteiger im Maracana den Goldpokal spazieren tragen durfte. Der Bayern-Patriarch hatte ihn als Jungspund getrietzt, ihm "Puderzucker im Hintern" unterstellt, aber auch die Hand über ihn gehalten wenn nötig.

15,3 Kilometer war Schweinsteiger nun in jenem epischen Endspiel gelaufen - mehr als jeder andere auf dem Platz.

Richtig, dieser Schweinsteiger, der noch in der Vorrunde beim 2:2 gegen Ghana nach gerade einmal 21 Minuten auf dem Platz pumpte wie ein Maikäfer. Dessen Körper geschunden ist wie bei keinem zweiten deutschen Profi seiner Generation.

Verletzungen in Serie

Mit einem entzündeten Knie war er ins Trainingslager nach Südtirol gereist. Dabei hatten ihn in der Saison schon zwei Knöcheloperationen zu schaffen gemacht.

Schweinsteiger, mittlerweile mit grauem Ansatz im einst dunkelblonden Haar, schien verzichtbar. Nicht geschaffen für diesen Überlebenskampf bei tropischen Temperaturen in Salvador, Recife und andernorts.

Er bewies allen das Gegenteil - und wie! Ab dem dritten Gruppenspiel gegen die USA stand der Vizekapitän jedes Mal in der Startelf.

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Sieger im Duell mit Mascherano

Und gegen Argentinien rüttelte er das Team immer wieder wach. Wie eine Alarmanlage im Dauereinsatz, quasi. Mit Biss, auch mal einem Foulspiel und einer leidenschaftlichen Ansprache vor der Verlängerung. Auch Kapitän Philipp Lahm redete, so sieht gemeinsames Führen im Team von Jogi Löw aus.

Auf dem Platz herrschte aber unübersehbar Schweinsteiger. Obwohl Sami Khedira fehlte, Christoph Kramer nach 32 Minuten wieder raus musste, siegte er im Duell mit Argentiniens Kampfmaschine Javier Mascherano.

Und nach Schlusspfiff schimmerten ihm Tränen in den Augen, als er jeden Betreuer der medizinischen Abteilung einzeln herzte.

Welt preist den Sportsgeist

Sogar Argentiniens Star Lionel Messi nahm Schweinsteiger in den Arm. Eine Geste, die in Windeseile die Anhängerschar um den Globus vergrößerte.

Ein Daumenkino mit vier Fotos verzückt seitdem die Netzgemeinde.

Auf jedem trötest der deutsche Mittelfeldantreiber einen anderen Gegenspieler: Portugals Cristiano Ronaldo, Frankreichs Karim Benzema und Brasiliens David Luiz. Ein Gewinner mit großem Herzen, auch das wird ein klitzekleines Bisschen Deutschlands Bild in der Welt verändern.

WM-Titel statt Rumpelfüßler

Genauso wie die Szene, als Schweinsteiger - ungeachtet der um ihn tobenden und feiernden Kameraden - sich mitten auf dem Feld mit Louis, dem Sohn von Lukas Podolski, unterhielt.

2004 startete Podolski mit Schweinsteiger die Karriere im Nationalteam. Als Talente, die irgendwann die Ära der Rumpelfüßler ablösen sollten.

Isarwasser gegen die Trauer

Im WM-Finale war Schweinsteiger spielentscheidend.

Und kurioserweise bildete die Partie mit diesem ständigen Auf und Ab nicht nur seine WM im Miniformat ab, sondern auch die ganzen letzten zwei Jahre.

In München wohnt Schweinsteiger anders als seine Teamkollegen nicht in einem feinen Vorort, sondern mitten in der Stadt.

Von seiner Wohnung sind es ein paar Minuten zu Fuß bis an die Isar. Genau dort kühlte er im Mai 2012 den lädierten Knöchel. Den Schmerz über den verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale gegen Chelsea mochte das nicht lindern.

Im entscheidenden Zeitpunkt da

Erst ein Jahr später war dieser bittere Moment überwunden - dank des Finaltriumphs über Borussia Dortmund. Zugegeben, in diesem Endspiel überzeugte Schweinsteiger nicht, aber er hatte endlich den langersehnten internationalen Titel.

Im WM-Finale gegen Argentinien gelang ihm jetzt endlich diese Leistung im rechten Moment, auf die manche Stars ihre ganze Karriere lang warten. Oft vergeblich.

Ein Trikot als Glücksbringer

Schweinsteiger entging diesem Los. Die Heldentaten vorheriger Generationen lasten nicht mehr wie früher auf ihm, sondern scheinen ihn zu stärken wie eine Rüstung.

Das Trikot mit Unterschriften sämtlicher Weltmeister von 1990, 1974 und 1954, das zuvor in der Kabine als Glücksbringer hing, streifte er selbstverständlich über.

In dieser Montur küsste er auch Rihana.

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