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Wayne Rooney und Raphael Honigstein
Wayne Rooney (r.) findet sich im Verein und in der Nationalelf immer häufiger auf der Bank wieder © SPORT1-Grafik/Getty Images

London - SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein analysiert den Absturz von Wayne Rooney. Bei der WM wird der Premier-League-Bestverdiener womöglich nicht mehr spielen.

73 maue Minuten gegen Slowenien reichten England, um sich an das Ende von Waynes Welt zu gewöhnen.

Der zunächst auf die Ersatzbank verbannte Rekordtorschütze Ihrer Majestät (53 Treffer) war nach seinem unproduktiven Kurzeinsatz in Ljubljana fast gar kein Thema mehr, weil das 0:0 am Dienstagabend den Blick auf einen deprimierenden Bestandsbefund frei machte: Ob der 30-Jährige mitspielt oder nicht, ist bei all den strukturellen Mängeln im System irgendwie schon egal geworden.

"Wider erwarten sind ohne Rooney Englands Probleme nicht alle gleich mit verschwunden", notierte die Times sarkastisch. 

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Im Idealfall wird der auch im Verein zunehmend unter Druck geratene Premier-League-Bestverdiener (17 Millionen Euro im Jahr) die Three Lions wohl als Mischung aus Maskottchen und Teilzeit-Kapitän bis nach Russland begleiten - ein englischer Buchmacher geht davon aus, dass der Manchester-United-Star im Turnier selbst nicht mehr zum Einsatz kommt.

Mit dieser längst überfälligen Degradierung des seit zwei Jahren ohne jegliche Dynamik und Tordrang im offensiven Mittelfeld versunkenen Ex-Messias hat sich Interimscoach Gareth Southgate bereits bleibende Verdienste erworben.

Rooney ist ab sofort seinen Sonderstatus als Held der Nation und untouchable los, er wird nun wie jeder andere Spieler beurteilt werden - streng nach Leistung. Weder im Sturm, wo England ein echtes Überangebot an Spitzenkräften hat, noch auf der Zehn ist er noch erste Wahl.

Als Achter ist "Wazza" ebenfalls unbrauchbar, ihm fehlt dafür die Übersicht und Wendigkeit. Die während der EM und in den ersten WM-Qualifikationsspielen aufgekommene Idee, dass er sich als eine Art englischer Pirlo in der Zentrale neu erfinden könnte, war nicht mehr als ein Wunschtraum.

Doch wer soll in Zukunft Englands Spiel steuern? Die Männer mit den drei Löwen auf der Brust suchen seit ewigen Zeiten nach einem Regisseur, der Tempo und Rhythmus vorgeben kann.

Paul Scholes, der ideale Kandidat für diese Rolle, musste in der Nationalmannschaft meist im linken Mittelfeld spielen, weil Frank Lampard, Steven Gerrard und später auch David Beckham die Hauptrolle für sich beanspruchten. Ordnen konnte das taktische Durcheinander keiner der drei.

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Michael Carrick (Manchester United) schien noch am ehesten dazu in der Lage, fehlte aber oft verletzt und ist mit seinen 35 Jahren keine Alternative mehr. Der Daily Telegraph plädierte am Donnerstag für Ross Barkley vom FC Everton als zukünftigen Dirigenten, doch der 22-Jährige muss seine Eignung auf allerhöchstem Niveau erst noch unter Beweis stellen.

Ganz abgesehen davon fehlt es den Engländern weniger an geeignetem Personal als an einem funktionierenden Kollektiv, einer Grundphilosophie sowie der dazugehörigen Raumaufteilung.

Dass England gegen technisch gute Gegner kaum den Ball behaupten kann, ist keine Frage der individuellen Qualität, sondern von banaleren Dingen wie Positionsspiel und Laufwegen, die sich auf dem Trainingsplatz einstudieren lassen. Unter einem Coach, der das nötige Know-how dafür hat. 

Ob Southgate der richtige Mann ist, muss sich erst noch erweisen. Der englische Verband ließ nach dem Remis in Slowenien durchblicken, dass er den 46-Jährigen nicht länger als Notlösung, sondern nun ernsthaften Kandidaten auf die langfristige Nachfolge von Sam Allardyce einschätzt.

Das kann sich jedoch bald wieder ändern: Im November stehen ein WM-Qualifikationsspiel gegen Schottland und ein kniffliges Test-Match gegen Spanien an. Und Rooney wird als Sündenbock dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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