SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar fordert, die Topstars vor Überbelastung zu schützen - und schlägt eine Liga mit 16 Teams vor.

Hallo Handball-Fans,

Weihnachten rückt immer näher. Doch während es draußen besinnlich zugeht, wird's für die Handballprofis richtig tough.

Es ist die Zeit, wenn sich die Spiele nur so aneinander drängen. Vor allem für die Besten. Champions League, DKB HBL, Champions League, DKB HBL und im Januar steht die WM in Katar an (LIVE im TV auf SPORT1).

Kein Wunder, dass der eine oder andere Profi eine Auszeit braucht, jüngst geschehen bei den Rhein-Neckar-Löwen. Uwe Gensheimer, der mutmaßlich beste Linksaußen der Welt, durfte sich das Derby bei der TSG Ludwigshafen-Friesenheim von der Bank aus anschauen.

Die Löwen können sich bei ihrer Qualität selbst diesen Luxus erlauben. Mit dem Isländer Stefan Sigurmannsson haben sie einen Spieler, der ein gewisses Niveau mitbringt. Ich glaube, dass sie genau wissen, wann sie auch mal einem Gensheimer eine Auszeit geben können - und müssen.

Denn die Belastung ist sehr hoch. Es ist dieses immer währende Thema: die Überbelastung der Spieler.

Die Topmannschaften haben die Kader, um auch mal durchzurotieren. Aber es gibt Teams, die das nicht können.

Schließlich haben Verletzungen meiner Meinung nach bedenklich zugenommen. Die Füchse Berlin trifft's in diesem Jahr mit den Ausfällen von Denis Spoljaric und Bartlomiej Jaszka besonders hart. Doch, was tun?

Ich habe da einen ziemlich radikalen Ansatz. Meiner Meinung nach muss man ernsthaft darüber nachdenken, ob man die Liga nicht auf 16 Teams verringert.

Ohne den Mannschaften, die jedes Jahr erfolgreich gegen den Abstieg kämpfen, zu nahe treten zu wollen. Aber ich glaube, dass die Liga durchaus mit 16 Mannschaften auskommen könnte.

Das wäre das Zugeständnis der Bundesliga an die EHF, um den dicht gedrängten Spielplan zu entzerren.

Zudem glaube ich, dass die Bundesliga das absolute Premium-Produkt ist. Deshalb müssen wir erreichen, dass am Sonntagabend der Spieltag abgeschlossen ist. Das ist entscheidend für die Außendarstellung und die Vermarktung der Liga.

Der Fan muss am Sonntagabend nachvollziehen können, wo seine Mannschaft in der Tabelle tatsächlich steht.

Alle anderen Wettbewerbe müssen sich dem unterordnen. Da müssen wir als DKB HBL auch mal arrogant und konsequent sein. Die Champions League - wenn es nicht gerade ein bundesligafreier Spieltag ist - sollte dann unter der Woche stattfinden.

Ohnehin: Die Aufblähung der Königsklasse und dadurch einhergehend die Abwertung aller anderen Pokal-Wettbewerbe ist fatal und völlig kontraproduktiv. Das ist für mich immer noch der Pokal der Landesmeister. Deshalb ist es auch sehr unglücklich, dass dort drei oder sogar vier deutsche Vereine mitspielen.

Weniger ist manchmal mehr. Aber es geht wie so oft eben nur ums Geldverdienen. Ich glaube auch, dass die zweite Liga attraktiver werden würde, wenn sich die DKB HBL auf 16 Mannschaften reduziert.

Nur das hilft gegen die Überbelastung der Spieler. Die Stars kennen diesen Tanz auf der Rasierklinge, wenn sie im Sommer und im Januar in der Vorbereitung die Kraft aufbauen und sich hinterher auspowern.

Während der Saison sind sie kaum in der Lage, nochmal nachzulegen, nochmal eine Krafteinheit einzuschieben. Und irgendwann rächt sich das. Viele Karrieren enden heute viel früher.

Dann entscheidet man sich eben auch mal gegen die Nationalmannschaft. Kim Ekdahl Du Rietz von den Löwen zum Beispiel oder Holger Glandorf von der SG Flensburg-Handewitt haben so gehandelt.

Weil die Spieler wissen, dass sie nie wieder so viel verdienen werden, wie als Profisportler. Deswegen ist das dann eine rein rationale Entscheidung, dass sie die Liga, in der sie die Brötchen verdienen, der Nationalmannschaft vorziehen.

Stolz hin oder her. Die Belastung ist dann einfach zu groß.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

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Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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