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Final Four Champions League
Laszlo Nagy, Filip Jicha, Nikola Karabatic und Karol Bielicki (v.l.) gehören zu den Top-Stars beim Final Four © Getty

München - Der deutsche Meister steht vor dem wohl am besten besetzten Final Four der Champions-League-Geschichte. SPORT1 analysiert den THW, Barcelona, Veszprem und Kielce.

Die Meister aus Spanien, Ungarn und Polen, dazu der alte und wohl auch neue deutsche Titelträger: In seiner sechsten Auflage ist das Final Four der Champions League wohl so stark besetzt wie nie.

Umso härter macht das die Aufgabe für den THW Kiel: Erst wartet im Halbfinale am Samstag MKB Veszprem (18 Uhr, LIVETICKER bei SPORT1), in einem möglichen Finale dann der Sieger zwischen dem FC Barcelona und Vive Tauron Kielce (Sa., 15.15 Uhr, LIVESCORES bei SPORT1).

Einen Außenseiter gibt es dieses Mal nicht, eine Sensation wie im vergangenen Jahr durch die SG Flensburg-Handewitt ist somit ausgeschlossen. SPORT1 analysiert mit Experte Stefan Kretzschmar die Aussichten jedes Teams:

THW Kiel: Der Dauergast

Seit der Saison 2002/03 gewann Kiel in jeder Saison mindestens einen Titel - eine im deutschen Handball einmalige Serie, die der Verein mit seinem vierten Titel in der Champions League fortführen kann.

"Der THW ist für mich in jedem Wettbewerb Favorit, an dem er teilnimmt", sagte Stefan Kretzschmar SPORT1. "Mit seinem Kader ist Kiel nach wie vor das Maß der Dinge in Europa." Zum vierten Mal bei der fünften Austragung ist der deutsche Meister in Köln dabei.

Stefan Kretzschmar
Stefan Kretzschmar begleitet als Co-Kommentator die TV-Übertragungen der DKB HBL auf SPORT1 © SPORT1

Auch in dieser Saison hatten die Kieler viele Verletzungen zu verkraften: Filip Jicha fehlte lange im Herbst, Dominik Klein beendete die Saison viel zu früh mit einem Kreuzbandriss und Torhüter Andreas Palicka musste wegen eines Sehnenrisses im Oberschenkel aussetzen.

Das Rezept: "Kiel hat auch in der Breite Topleute", sagte Kretzschmar. "Mit Joan Canellas haben sie nochmal Weltklasse dazugekauft. Selbst wenn sich Weltklassespieler wie Jicha oder Palmarsson verletzen, warten dahinter Leute wie Duvnjak oder Canellas."

Aron Palmarsson zog sich erst einen Muskelfaserriss in der Gesäßmuskulatur zu, dann wurde ihm bei einem Überfall das Jochbein gebrochen.

All das warf Alfred Gislasons Männer nicht um: Seine Gruppe gewann Kiel mit neun Siegen und einer Niederlage deutlich vor Paris St. Germain, wischte Flensburg mit insgesamt 14 Toren Vorsprung im Achtelfinale beiseite und bog gegen Pick Szeged im Viertelfinale ein 29:31 im Rückspiel letztlich souverän um.

"Die einzige Achillesferse sind die Torhüter, aber auch das haben sie gut gelöst. Auch mit der überragenden Abwehr kompensieren sie das", urteilte Kretzschmar.

THW Kiel v Pick Szeged  - VELUX EHF Champions League Quarter Final
Der Kieler Jubel nach dem Sieg im Viertelfinal-Rückspiel gegen Szeged © Getty Images

Das Halbfinale gegen Veszprem soll nur Vorspiel sein für das Finale gegen Barcelona, wenn im Idealfall die beiden bestimmenden Handballvereine der Welt zum ersten Mal seit 2010 wieder auf der größten Bühne aufeinandertreffen.

THW-Manager Thorsten Storm fand jedoch nach der Auslosung: "Veszprem ist auch nicht schwächer als Barcelona." Kretzschmar lässt das nicht ganz gelten, warnt aber: "Je nach Spielverlauf kann man es nicht unbedingt als riesige Enttäuschung werten, gegen Veszprem auszuscheiden."

FC Barcelona: Der Dauerfavorit

Die Spanier pflügten bislang am gnadenlosesten durch Europa in dieser Saison, vor allem in den K.o.-Runden: 60 Tore im Achtelfinale gegen Aalborg, 68 gar im Viertelfinale gegen Zagreb.

"Barcelona ist das stärkste Team der restlichen drei", ordnet Kretzschmar Kiels Konkurrenten ein. "Allein schon weil sie in ihren Reihen Nikola Karabatic haben, für mich immer noch den besten Spieler der Welt."

EHF Champions League Final Four - 3rd Place
Siarhei Rutenka (M.) ist Barcelonas Waffe am Kreis © Getty Images

Hinzu kommen mit Danijel Saric und Gonzalo Perez de Vargas das wohl beste Torhüterduo der Champions League und mit Kiril Lazarov der laut Kretzschmar "beste Shooter auf seiner Position".

Nur die eigene Dominanz steht Barca im Weg. Von den letzten 150 Spielen der spanischen Liga gewann die Mannschaft 147. Die letzten beiden Titel holte Barcelona jeweils mit perfekter Punkteausbeute.

"Das ist wie im Fußball beim FC Bayern: In der Liga ist das ein Spaziergang, aber in Europa treffen sie dann auf einmal auf ebenbürtige Mannschaften", sagte Kretzschmar. Barcelonas Ausnahmespieler werden zu selten auf höchstem Niveau gefordert.

Das rächte sich beispielsweise im vergangenen Jahr, als Trainer Xavier Pascual im Halbfinale gegen Flensburg zu früh seine erste Sieben vom Feld nahm und den sicheren Sieg verschenkte.

MKB Veszprem: Der Aufsteiger

Schon 2014 waren die Ungarn Kiels Gegner im Halbfinale, unterlagen 26:29. Obwohl auch dieses Mal die Sache einigermaßen klar scheint, mahnt Kretzschmar: "Veszprem ist eine sehr abwehrstarke Mannschaft. Während der Saison waren sie in der Champions League schon der Geheimfavorit."

MKB Veszprem KC v THW Kiel - EHF Champions League Final Four Semi Final
Schon im letzten Jahr traf Kiel mit Aron Palmarsson (M.) auf Veszprem © Getty Images

Wobei: So geheim nun auch wieder nicht. Seit Jahren steigern sich die Ungarn auf europäischer Ebene, haben mittlerweile dank eines Energieunternehmens als drittem Großsponsor auch das Geld, um auf dem Transfermarkt mit Kiel, Barcelona und Paris mitzuhalten. Der Transfer von Aron Palmarsson für die kommende Saison ist ein Beleg dafür.

Bis ins Halbfinale trug die Ungarn vor allem "ihre Heimstärke in ihrem unfassbaren Hexenkessel", wie Kretzschmar es ausdrückt.

Prunkstücke sind der Rückraum und die Abwehr: "Mit Laszlo Nagy haben sie einen der besten Linkshänder der Welt. Er ist der Anführer in Abwehr und Angriff, hat einen hohen spielerischen IQ."

Auf halbrechts wechselt sich der mittlerweile 34-jährige Nagy mit dem gleichaltrigen  Ex-Kieler Christian Zeitz ab - beide verschaffen sich so gegenseitig die nötigen Pausen. Halblinks macht Momir Ilic die Sache fast alleine, ist der mit Abstand beste Torschütze des Klubs.

"Ich sehe es im Grunde so, dass wir im letzten Jahr schon das Lehrgeld bezahlt haben", sagte Nagy. Der Titel soll jetzt endlich her.

KS Vive Tauron Kielce: Die vielleicht letzte Chance

Wenn man bei diesem Final Four von einem Außenseiter sprechen kann, dann sind es die Polen. "Aber sie haben die besten polnischen Spieler. Und deren Nationalmannschaft war in den letzten Jahren nicht so unerfolgeich", gibt Kretzschmar zu bedenken.

Rhein-Neckar Loewen v KS Vieve Kielce - Velux EHF Champions League
Talant Dujshebaev ist der einzige, der sowohl als Spieler als auch als Trainer die Champions League gewonnen hat © Getty Images

Im Tor Slawomir Szmal, im Rückraum Karol Bielecki, Krzysztof Lijewski und Michal Jurecki: Seit Jahren sind das die wichtigsten Spieler in Polen. Dazu noch der Kroate Ivan Cupic rechtsaußen und am Kreis Julen Aguinagalde – fertig ist eine Mannschaft auf sehr hohem Niveau.

Vor allem der Spanier hat die Mannschaft seit 2013 verändert. "Der beste Kreisläufer der Welt. Das Spiel ist stark auf ihn ausgerichtet", sagte Kretzschmar. "Sie spielen einen schnellen Handball, aber vor allem versuchen sie über den Kreis zum Erfolg zu kommen."

Der Nachteil: Die meisten Leistungsträger sind über 30, ihnen steckt die Saison tiefer in den Knochen als der Konkurrenz. In dieser Konstellation könnte es die letzte Chance sein auf den ganz großen Erfolg.

Läuft alles ansatzweise normal im Halbfinale, ist gegen Barcelona Schluss.

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