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Nach dem Spiel sah man viele hängende Köpfe beim THW Kiel
Nach dem Spiel sah man viele hängende Köpfe beim THW Kiel © Getty Images

Köln - Der THW Kiel scheitert völlig verdient an MKB Veszprem und steht vor einem schweren Gang. Kapitän Filip Jicha übt Selbstkritik, der Manager sieht die Ursache in der Schaltzentrale.

Das letzte Aufflackern des Kieler Kampfgeistes erlosch so schnell, wie es gekommen war.

Drei Tore Rückstand gegen MKB Veszprem, zwei Minuten und 47 Sekunden sind noch zu spielen, das Spiel macht Anstalten zu kippen.

Filip Jicha ist zum Konter durchgestartet, fängt den Hochrisikopass von Torhüter Andreas Palicka, die Zuschauer halten den Atem an. Doch der Kapitän scheitert am gegnerischen Keeper Mirko Alilovic.

Jicha hadert mit sich

Aus den THW-Fans unter den 19.750 Zuschauern in der ausverkauften Kölner Arena entwich in diesem Moment die letzte Hoffnung, ihr Team könne eine Aufholjagd starten und doch noch das Traumfinale der Champions League gegen Rekordsieger FC Barcelona perfekt machen.

THW Kiel v MKB-MVM Veszprem - VELUX EHF FINAL4 Semi Final
Filip Jicha vergab kurz vor Schluss eine große Chance © Getty Images

Stattdessen schlichen die THW-Profis wenig später mit gesenkten Köpfen vom Feld, während die Ungarn sich auf den Showdown gegen Rekordsieger FC Barcelona am Sonntag freuen durften. "Den Wurf muss der Kapitän ins Tor machen, das habe ich leider nicht", sagte Jicha: "Ich weiß nicht, ob wir das Spiel dann gewonnen hätten, aber es war eine kleine Chance. Das macht mich traurig."

Auch er konnte allerdings nicht die Augen davor verschließen, dass es eine völlig verdiente Niederlage war. Deutschlands Vorzeigeklub erwischte beim 27:31 (13:13) gegen die Ungarn keinen guten Tag. Vor allem die an sich so prominent besetzte Schaltzentrale produzierte ungewöhnliche Fehler und viel Leerlauf, von Aron Palmarsson, der gegen seinen neuen Klub antrat, abgesehen.

Tiefschlag gegen Toft Hansen

"Im Rückraum war das vielleicht ein bisschen wenig", bestätigte Manager Thorsten Storm, betonte aber auch angesichts der exquisiten Besetzung des diesjährigen Final Four in Köln: "Wir wussten, dass es ein enges Spiel wird, das durch Kleinigkeiten entschieden wird".

Dass um jeden Zentimeter Boden verbissen gekämpft wurde, bekam naturgemäß Kreisläufer Rene Toft Hansen am deutlichsten zu spüren. Nach einem Ellbogen-Tiefschlag von Renato Sulic ging der Däne getroffen zu Boden und hinterher wie sein Gegner für zwei Minuten vom Feld.

"Ich hatte das Gefühl, es war Absicht. Aber so ist das manchmal auf dem Spielfeld", sagte Toft Hansen zu SPORT1 und erklärte seine lautstarke Beschwerde, die zur Hinausstellung führte: "Natürlich war ich sauer."

Später kam die Enttäuschung darüber hinzu, dass das Duell der beiden aktuell wohl weltbesten Handball-Mannschaften vorerst keine Neuauflage findet und erstmals seit 2011 kein deutscher Klub im Endspiel der Champions League steht.

Karabatic eine Klasse für sich

Barcelona hatte sich im ersten Halbfinale mit 33:28 (16:14) gegen KS Kielce durchgesetzt, große Zauberkunst blieb auch dabei aus. Barca gewann vor den Augen von Fußballer Carles Puyol dank des besseren Torhüters, einem Plus bei den Gegenstößen und der extremen individuellen Klasse seiner Superstars.

Vor allem Nikola Karabatic ließ erneut durchblicken, dass er nicht von diesem Planeten zu kommen scheint. Nicht nur, dass ihm acht Treffer gelangen, er hechtete nach jedem Ball, steckte mächtig ein und bediente dennoch seine Mitspieler aus teils unmöglichen Situationen.

"Ich liebe diesen Typen", erklärte Teamkollege Gudjon Valur Sigurdsson, der endlich erstmals die Königsklasse gewinnen will: "Ein Vorbild in jeder Hinsicht. Es ist eine Ehre, mit ihm zu spielen. Sportlich in einer eigenen Liga, ist er dennoch immer Teamplayer und denkt an das Kollektiv."

Auf die Frage, wie er den Hunger auf diese Trophäe beschreiben könne, der in ihm mittlerweile angewachsen ist, fand der Isländer nach kurzem Überlegen dann eine schöne Metapher: "Wissen Sie, was ein Bär fühlt, wenn er aus dem Winterschlaf erwacht?"

Wenig Lust auf Spiel um Platz drei

Die Kieler müssen nun mit der deutschen Meisterschaft den letzten möglichen Titel in dieser Saison nach Hause bringen. Mit ihm können sie sich dann - um im Bild zu bleiben - in ihrer Höhle verkriechen. Doch vorher steht am Sonntag noch das undankbare Spiel um Platz drei (ab 15 Uhr im LIVETICKER) gegen Kielce an.

Jicha erklärte freimütig: "Ich persönlich würde das Spiel am liebsten gar nicht spielen. Aber aus Dank und Respekt vor den Fans ist es natürlich unsere Pflicht, noch einmal Leistung zu bringen."

Vielleicht würde er lieber die Zeit zurückdrehen und noch einmal auf Alilovic zulaufen, mit zwei Minuten und 47 Sekunden auf der Uhr.

Die Spiele im Stenogramm:

THW Kiel - MKB Veszprem 27:31 (13:13)

Tore: Palmarsson (9), Canellas (5/3), Sprenger (3), Dahmke (3), Toft Hansen (2), Jicha (2), Vujin (2), Weinhold (1) für Kiel - Ilic (8/4), Nagy (7), Ivancsik (7/1), Sulic (4), Nilsson (2), Lekai (2), Zeitz (1) für Veszprem.

FC Barcelona - KS Vive Kielce 33:28 (16:14)

Tore: Karabatic (8), Lazarov (7/2), Sigurdsson (5), Nöddesbo (4), Tomas (3), Entrerrios (2), Sarmiento (2), Sorhaindo (2) für Barcelona - Bielecki (7/2), Cupic (3), Aguinagalde (3), Lijewski (2), Reichmann (2), Strlek (2), Buntic (2), Tkaczyk (2), Musa (1), Rosinski (1), Jachlewski (1), Chrapkowski (1), Jurecki (1) für Kielce.

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