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Der THW Kiel kassierte gegen Balingen bereits die zweite Saisonniederlage © Getty Images

München und Balingen - Nach der Blamage von Balingen steht fest: Der THW Kiel hat einen Fehlstart hingelegt. Der nächste Gegner wittert seine Chance.

Von Adrian Geiler und Patrick Mayer

In Zeiten wie diesen ist der Blick auf den Twitter-Account vom THW Kiel eine schmerzhafte Angelegenheit für die Fans.

So ziemlich alles, was in der Presse über den Rekordmeister geschrieben wird, wird getwittert. Und so liest sich das Grauen des vergangenen Abends in der DKB Handball-Bundesliga.

"THW Kiel blamiert sich in Balingen", "THW Kiel verliert sensationell in Balinger", "Balingen schockt den THW" oder "THW Kiel hat die Hälfte seiner Spiele verloren".

Kiel ist Mittelmaß

Trainer Alfred Gislason stapfte mit gesenktem Kopf vom Spielfeld, in den starren Gesichtern seiner Spieler stand die pure Ratlosigkeit. Statt wie gewohnt an der Tabellenspitze das Geschehen zu kontrollieren, ist Rekordmeister THW Kiel in der Handball-Bundesliga derzeit nicht mehr als Mittelmaß.

Denn die völlig unerwartete 21:22 (13:10)-Niederlage beim letztjährigen Fast-Absteiger HBW Balingen-Weilstetten war schon die zweite Saisonniederlage.

Die Tabelle weist folgerichtig einen für die Gäste gänzlich ungewohnten zehnten Platz aus.

"Vielleicht sogar bis Weihnachten"

Fünf Spiele hatte sich der Coach eigentlich Zeit gegeben, um den neu formierten Rückraum in sein Starensemble zu integrieren.

Doch der verpatzte Start in die neue Spielzeit hat die Planungen des Isländers gehörig ins Wanken gebracht: "Wir haben im Angriff eine extrem schlechte Quote. Wir müssen da wirklich dringend zulegen, aber das kann Monate dauern, vielleicht sogar bis Weihnachten", sagte der 54-Jährige und nestelte dabei nervös an seiner hippen Brille herum.

Nicht zu Unrecht, denn die Defizite in der Offensive sind dramatisch. 23 Tore warfen die Zebras bislang im Durchschnitt pro Bundesliga-Partie, keiner der 18 anderen Liga-Klubs unterbietet diese Quote.

Grausame Zahlen, die auch Nationalspieler Dominik Klein nervös machen: "Wir brauchen jetzt endlich mal ein gutes Auswärtsspiel."

Fragezeichen Canellas und Duvnjak

Die Möglichkeit dazu bietet sich recht schnell, denn schon am Freitag geht die Terminhatz für die Norddeutschen mit einem Gastspiel bei der HSG Wetzlar weiter.

Doch ob dann besonders die beiden vom finanziell angeschlagenen Ligarivalen HSV Hamburg an die Förde gelockten Rückraum-Asse Joan Canellas und Domagoj Duvnjak schon zu der Verfassung finden, die man von ihnen aus ihrer Zeit bei den Hanseaten kennt?

Sehr fraglich nach dem schwachen Auftritt in Balingen.

Hätte der Titelverteidiger nicht in der vergangenen Woche wenigstens das Landesderby gegen Champions-League-Sieger SG Flensburg-Handewitt für sich entschieden, man wäre im Kampf um die Meisterschaft schon fast aussichtslos zurückgefallen.

"Noch überhaupt nicht eingespielt"

"Mir obliegt es nicht, über die Gegner zu urteilen. Aber man merkt, dass die Teams zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison noch überhaupt nicht eingespielt sind. Dann kommen solch untypischen Ergebnisse bei heraus", meinte HBW-Coach Markus Gaugisch im Gespräch mit SPORT1.

"Das kann Balingen aber genauso passieren, wie Erlangen oder eben einer Weltauswahl wie der des THW." Die offensive 3-2-1-Abwehr der Schwaben war Gift für die offensichtlich noch nicht aufeinander abgestimmten Kieler Stars.

Vor allem das schnelle Zuspiel an den Kreis des Meisters kränkelte gehörig. Erst recht, nachdem Palmarsson mit Rot von der Platte musste. Das sei "sehr schmerzhaft" gewesen, sagte Gislason: "Aron hat uns gefehlt."

"Sowas macht sich natürlich bemerkbar. Palmarsson, Filip Jicha und Marko Vujin bilden die einzig eingespielte Reihe bei den Kielern", meinte auch der 40 Jahre alte Gaugisch.

Gaugisch macht sich um Kiel keine Sorgen

Ob bei Tempogegenstößen, im Positionsangriff oder in Überzahl - die Mechanismen greifen beim Deutschen Meister noch lange nicht so, wie es sich Trainer Gislason wünscht. Seine Mannschaft warf in vermeintlich einfachen Situationen ungewohnt häufig den Ball weg. (Die stärkste Liga der Welt - LIVE im TV auf SPORT1)

Sein Gegenüber Gaugisch ist jedoch überzeugt davon, dass sich das im Saisonverlauf einstellen wird.

"Dann werden wir einen anderen THW Kiel sehen", sagte er und nannte einen weiteren Grund für die Sensation: "Meine Spieler haben dieses Leuchten in den Augen, für sie ist ein solches Spiel nicht alltäglich."

Beim THW, dessen Spieler sich zwischen Nationalmannschaft und Champions League in der DKB HBL von Topspiel zu Topspiel hangeln, sieht das freilich anders aus.

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar meinte jüngst bereits in seiner Kolumne, dass genau diese Routine zur Schwachstelle bei den Kielern werden könne (KOLUMNE: "Nur individuelle Klasse reicht nicht").

Wetzlar wittert die Chance

Am Freitag muss der THW Kiel also zur HSG Wetzlar. Die Hessen sind in der vergangenen Saison Elfter geworden.

Eine Pressemitteilung des Vereins lässt erkennen: Wetzlar spürt, dass die Zebras angeschlagen sind.

"Wir haben Bock das nächste Heimspiel zu gewinnen", verkündet Rechtsaußen Tobias Hahn. Und Trainer Kai Wandschneider fügt an: "Kiel hat eine unglaubliche Qualität, bringt diese aber derzeit nur schwerlich auf die Platte. Wir haben uns etwas einfallen lassen."

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