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Stefan Kretzschmar
© Getty Images

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar vergleicht Kiel mit einer Weltauswahl. Den HSV lobt er. Für Michael Kraus freut er sich.

Hallo Handball-Fans,

zu Beginn muss ich erst einmal vor dem HSV den Hut ziehen. Die Hamburger haben mit einer durchaus dezimierten Truppe dem THW Kiel gestern ganz klar den Schneid abgekauft und mit sehr viel Leidenschaft und Engagement dagegengehalten.

Mit solchen Leistungen wird der HSV sehr viele Sympathien zurückerkämpfen. Für die ganz vorderen Plätze in der DKB HBL (im TV auf SPORT1) wird es aber noch nicht reichen.

Bei Kiel hab ich meine ganz eigene Theorie: Diese Mannschaft kann man mit einer Weltauswahl vergleichen. Ich selbst habe zwei Mal in so einer Auswahl spielen dürfen. Wenn man nur von Superstars und den besten Spielern umringt ist, entwickelt man eine ganz eigene Mentalität und lässt alles ein wenig lockerer angehen.

Ich glaube einige Spieler haben genau das verinnerlicht. Das man, ohne an seine Grenzen zu gehen, die Spiele schon gewinnen wird.

Das ist aber eine Rechnung, die nicht aufgehen wird. Auch eine Weltauswahl wird nicht im Vorbeigehen deutscher Meister.

Deswegen muss das Team jetzt schnellstmöglich zusammenwachsen. Die anderen Mannschaften werden in jedem Spiel mit allen Mitteln dagegenhalten.

Nur individuelle Klasse wird dann nicht reichen. Daher hat mich auch gewundert, dass die Kieler nach dem Spiel einen Kreis gebildet haben, um den Sieg gegen den HSV zu feiern.

Denn eine Glanzleistung war es bei Weitem nicht.

Ich bin mir aber sicher, dass Kiel jetzt zügig den Ernst der Lage erkennen und sich extrem steigern wird. Topfavorit auf den Titel bleibt der THW auf jeden Fall.

Die Löwen sind für mich ein Team, das wieder die ganze Saison dagegenhalten wird. Sie haben sich jetzt einen ersten kleinen Vorsprung erarbeitet. Mit den drei Auftakterfolgen haben sie ihre Mitfavoritenrolle direkt untermauert. Dass sie die Qualität haben die Meisterschaft zu holen, ist ja sowieso klar.

Die Entscheidung um Michael Kraus habe ich natürlich auch verfolgt. Für Schusseligkeit muss niemand bestraft werden. So ist Mimi. Solange ich ihn kenne, ist er ein Chaot. Er weiß manchmal heute nicht, was morgen passiert.

In diesem Fall muss meiner Meinung nach aber einfach Gnade vor Recht gelten. Er hat nicht gedopt und sich nicht strafbar gemacht, sondern nur eine paar Termine verpennt.

Es wäre traurig gewesen, wenn man an ihm jetzt ein Exempel statuiert hätte und er für eine längere Zeit bestraft worden wäre.

Ich kenne ihn ja noch aus gemeinsamen Zeiten. Er lässt einem manchmal, die Haare zu Berge stehen. Aber dafür muss man ihn auch wieder gern haben. Ich freue mich, dass das Thema jetzt erledigt ist.

Das ist für Göppingen natürlich auch eine sehr gute Nachricht, die mit drei Erfolgen sehr gut gestartet sind. Mimi Kraus wird dem Team mit seiner Rückkehr noch mehr Qualität geben.

Ich finde es schön zu sehen, dass sich Göppingen nach der durchwachsenen vergangenen Saison scheinbar gefangen hat.

Das Beispiel Göppingen zeigt aber auch wie attraktiv, unberechenbar und unfassbar spannend die Liga momentan ist. Prognosen lassen sich aktuell ja gar nicht mehr aufstellen. Denn es ist fast alles möglich.

Die Ergebnisse versprechen schon jetzt ein superspannendes Jahr. Darauf können wir uns alle freuen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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