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Die Beteiligten schwärmen nach dem Rekordspiel der Rhein-Neckar Löwen gegen den HSV. Kritische Untertöne bleiben aber nicht aus.

Aus Frankfurt berichten Holger Luhmann und Anett Sattler

Oliver Roggisch war zum Scherzen aufgelegt.

"Die Schiedsrichter haben mir gesagt, dass es so leise im Stadion war, dass sie auf der Platte jedes Wort verstanden haben", erklärte der Teammanager der Rhein-Neckar Löwen.

Ein Grinsen konnte sich Roggisch bei seiner Aussage aber nicht verkneifen.

Richtig ist, dass der frühere Weltmeister wegen wortgewaltiger Proteste in der ersten Halbzeit die Gelbe Karte gesehen hatte.

Schwenker hofft auf "Beginn einer Tradition"

Dass die Weltrekordkulisse von 44.189 Zuschauern aber nicht für eine außergewöhnliche und lautstarke Stimmung gesorgt hatte, war schlichtweg eine Mär. Das Gegenteil war der Fall in der Frankfurter Commerzbank Arena.

Und so zeigten sich alle Beteiligten nach dem 28:26 (17:8) der Löwen gegen den HSV Hamburg am vierten Spieltag der DKB HBL im eigentlichen Fußball-Tempel begeistert.

"Wenn ich die Wahl hätte, würde ich jede Woche vor so einer Kulisse spielen", sagte Löwen-Kapitän Uwe Gensheimer bei SPORT1.

Geht es nach HBL-Präsident Uwe Schwenker, soll eine Wiederholung kein Wunschtraum bleiben. Schwenker machte klar, dass er auf den "Beginn einer Tradition" hofft.

SPORT1-Experte Stefan Kretschmar, der im Vorfeld die Stimmung im Promi-Duell angeheizt hatte, sprach von einer "epischen" Veranstaltung und sieht auf jeden Fall ein "positives Zeichen für die Sportart".

Insgesamt wurde die Weltrekordpartie in 45 Ländern gezeigt. SPORT1 berichtete drei Stunden live aus Frankfurt.

Nachhaltigkeit noch unklar

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass der Handball in Deutschland erstmals aus PR-Gründen in eine Fußball-Arena umgezogen war.

Im September 2004 verfolgten 30.925 Zuschauer die Begegnung zwischen dem TBV Lemgo und dem THW Kiel in der Gelsenkirchener Veltins-Arena.

Damals blieb eine nachhaltige Wirksamkeit aus. Welche positiven Folgen der Weltrekord von Frankfurt haben wird, muss sich noch zeigen.

"Natürlich hoffen wir auf einen positiven Effekt", sagte der neue Löwen-Geschäftsführer Lars Lamade und versprach: "Wir werden das genau analysieren."

Roggisch: "Vielleicht alle zwei Jahre"

Roggisch mahnte bei aller Euphorie jedenfalls an, es in Zukunft nicht zu übertreiben.

"Man muss aufpassen. Wenn so etwas vielleicht alle zwei Jahre auf die Beine gestellt wird, ist es gut", sagte der 36-Jährige: "Wenn es jedes Jahr stattfindet, ist es kein Event mehr."

Zumal es auch kritische Untertöne gab.

Nicht gut für den Nacken der Spieler

"Die Zuschauer waren ganz schön weit weg", stellte Gensheimer fest.

Gewöhnungsbedürftig für die Spieler. Und eben nicht gerade zuschauerfreundlich.

Das auf dem Rasen aufgebaute Handball-Feld wirkte im weiten Rund der Commerzbank Arena ein wenig verloren. Und große Leinwände fehlten.

Der Videowürfel war da kaum eine Hilfe. Weder für die weit entfernten Besucher auf den Rängen noch für die Spieler unmittelbar unter dem Videowürfel.

"Ich habe sowieso schon Nackenschmerzen", meinte Gensheimer trocken.

Jacobsen: "80 Prozent reichen nicht"

Auch sportlich hinterließ das Weltrekordspiel Fragezeichen.

Zwar behaupteten die Löwen mit nunmehr 8:0-Punkten die Tabellenführung. Doch nach grandioser erster Halbzeit ließ der Vize-Meister im zweiten Durchgang die nötige Souveränität vermissen.

"Wenn man nur 80 Prozent gibt, reicht das nicht. Ich hoffe die Spieler haben das gemerkt", sagte Trainer Nikolaj Jacobsen.

Am Mittwoch geht es für die Löwen bereits weiter beim VfL Gummersbach (ab 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und LIVESTREAM). Da werden schlechte Erinnerungen an den 24. Mai wach, als der Meistertitel im dramatischen Fernduell mit dem THW Kiel verspielt wurde.

HSV mit Sorgen statt Sieg

Der runderneuerte HSV hat da ganz andere Sorgen.

Mit 2:6-Zählern warten die Hamburger noch immer auf den ersten Saisonsieg.

Zwar bäumten sich die Hanseaten in der zweiten Halbzeit auf und erfüllten ihren Teil, dass auch das Spannungselement im Weltrekordspiel nicht zu kurz kam. Doch zu Beginn der Partie wirkte der HSV phasenweise wie paralysiert.

Fitzek kündigt Nachspiel an

"Die Schuld nehme ich auch auf mich", sagte Trainer Christian Gaudin: "Ich habe die Mannschaft offenbar nicht richtig auf die besondere Atmosphäre vorbereitet."

Geschäftsführer Christian Fitzek wollte die Spieler aber nicht aus der Verantwortung entlassen und kündigte ein Nachspiel an.

"Ich bin noch nicht gewillt, die erste Halbzeit zu vergessen", sagte Fitzek: "Die Jungs müssen endlich kapieren, dass es ein Ergebnissport ist."

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