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Dagur Sigurdsson ist seit August 2014 Nationaltrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft

München - Stefan Kretzschmar stimmt das Debüt von Dagur Sigurdsson optimistisch. Der SPORT1-Experte fordert aber auch Verbesserungen.

Hallo Handball-Fans,

beim Debüt von Dagur Sigurdsson habe ich einige positive Ansätze gesehen.

Mir gefällt vor allem die Herangehensweise vom Trainer. Es war der richtige Zeitpunkt noch einmal einige Spieler zu testen.

Und mir imponiert, dass Dagur trotzdem sofort gewinnen will. 

Natürlich ist noch nicht alles Gold, was glänzt: Das haben die Spiele gegen die nicht erstklassigen Schweizer gezeigt. 

Die klare Handschrift, von der Bernhard Bauer (Präsidenten des Deutschen Handballbundes, Anm. d. Red.) gesprochen hat, darf man aber noch nicht überbewerten.

Und Dagur versucht natürlich, seine Ideen schnellstmöglich einzubringen und umzusetzen.

Entscheidend ist für mich aber, dass er die Spieler mental perfekt einstellt, um dann in Drucksituationen voll da zu sein.

Zudem finde ich sehr gut, dass er vielen jungen Spielern aus der DKB Handball-Bundesliga die Chance gibt, zugleich aber auch Persönlichkeiten herausbilden möchte.

Genau die nämlich haben in den letzten Jahren gefehlt: Silvio Heinvetter, Uwe Gensheimer und die Müller-Zwillinge sind diese Persönlichkeiten, die den Teamgeist vorleben und Führungsansprüche haben.

Spieltechnisch braucht die Mannschaft aber noch Zeit, um sich zu entwickeln. Das hat man in vielen Situationen gegen die Schweiz gesehen.

Die Woche mit den zwei Testspielen war insofern einfach wichtig, um sich gegenseitig kennenzulernen.

Ich konnte aber schon eine gute Mentalität sowie sehr viel Lust und Spielfreude erkennen. Das stimmt mich positiv.

Jetzt muss möglichst zügig eine Stammformation gefunden werden, auf die man sich in den Drucksituationen verlassen kann.

Auf der Mittelposition müssen wir aber zulegen. Wir können uns keine Spieler schnitzen, aber wir müssen versuchen, Spieler zu formen, die in absehbarer Zeit auf dieser Position mal Weltspitze sein werden.

Paul Drux sehe ich aber nicht in der Mitte, sondern eher auf Halblinks. Er ist von seiner Statur eher ein Shooter. Das Spielgenie ist er in meinen Augen nicht.

Dagur wird sich in der Liga sicher weiter umgucken und auch eine Lösung für diese Position finden.

Unser Hauptaugenmerk muss nach meiner Meinung auf einer starken Abwehr liegen. Im hinteren Bereich gab es gegen die Schweiz einige Probleme.

Aber da muss ich auch einmal Andy Schmid von den Löwen loben.

Was dieser Mann im zweiten Spiel gespielt hat, war unfassbar stark und eine der genialsten Leistungen, die ich je von einem Spieler gesehen habe.

Mit Prognosen für dieses Team möchte ich mich aber noch zurückhalten. Wenn die ersten Qualifikationen-Spiele absolviert sind, kann man sicher mehr sagen.

Gegen Finnland sollte es kein Problem werden. Aber das Spiel in Österreich wird ein erster Gradmesser werden.

Nach dem Duell gegen den Nachbarn können wir darüber reden, wozu das Team wirklich in der Lage ist.

Wenn man die individuelle Qualität der Spieler betrachtet, ist unserer Mannschaft einiges zuzutrauen.

In den vergangenen Turnieren jedenfalls hat sich unsere Mannschaft zu oft unter Wert verkauft - daher gibt es auch noch keinen Grund für übertriebenen Medaillen-Optimismus mit Blick auf die WM 2015.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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