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Rückraumspieler Lars Kaufmann (l.) wurde 2007 mit Deutschland Weltmeister

München und Flensburg - Bei SPORT1 spricht Flensburgs Lars Kaufmann über Vergleiche mit einem Comichelden, den Kopf der Löwen und Kiels Kaufstrategie.

Drei schwere Knieverletzungen hat Lars Kaufmann hinter sich.

Was manchen Handball-Profi zur Verzweiflung treiben würde - oder zumindest zum Karriereende - motivierte den Rückraumspieler der SG Flensburg-Handewitt nur noch mehr.

Er schuftete, steigerte die Belastung, quälte sich. Anfang der Saison kehrte der 32-jährige Weltmeister von 2007 zurück - nach eineinhalb Jahren Pause.

Enttäuschung verarbeitet

Den größten Erfolg der Vereinsgeschichte hatte er verpasst: den Gewinn der Champions League im Mai. Doch das Wissen um das Privileg, wieder Profi sein zu können, half ihm über die Enttäuschung hinweg.

Vor dem Spitzenspiel der DKB HBL gegen den Tabellenführer Rhein-Neckar Löwen (Mi., ab 20.40 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 u. im STREAM) spricht er mit SPORT1 über Vergleiche mit einem Comichelden, den "Kopf" der Löwen und Argwohn gegenüber dem THW Kiel.

SPORT1: Herr Kaufmann, ziehen Sie noch genau so schnell wie früher? Schließlich wurde Ihnen einst der Beiname "Lucky Luke" verpasst.

Lars Kaufmann: Keine Ahnung, wer mir den Spitzname damals gegeben hat. Aber ich denke, dass die Wurfschärfe immer noch dieselbe ist (lacht).

SPORT1: Sie haben es wohl auf bis zu 130 km/h gebracht. Wie bekommen Sie solch einen Wurf aus dem Handgelenk, und bedarf es nicht mehr als einer Hau-drauf-Mentalität im Rückraum?

Kaufmann: Sicher muss man auch mal platziert werfen. Obwohl, manchmal reicht tatsächlich hart. In der Bundesliga ist das aber nicht der Fall. Die körperlichen Voraussetzungen müssen einfach stimmen. Ich habe von meinen Eltern ganz gute Gene vererbt bekommen (lacht). Aber ich habe eben auch sehr viel Krafttraining gemacht. Und das ist dann die Kombination, aus der ein harter Wurf wird.

SPORT1: Verstehe. Wie steht's denn mit Sprichwörtern. Wenn zwei sich streiten?

Kaufmann: ? ja, das kenne ich.

SPORT1: Dann projizieren wir's doch mal auf die DKB HBL. Der THW Kiel und die Rhein-Neckar Löwen gelten als große Favoriten auf die Meisterschaft. Wie steht's um Ihre Chancen?

Kaufmann: Wir wollen so lange es geht oben mitspielen. Aber das Wort Meisterschaft legen wir uns nicht in den Mund. Jetzt haben wir ein echtes Spitzenspiel, die Löwen kommen zu uns. Ich hoffe, dass wir mit zwei Punkten an Ihnen vorbeiziehen können.

SPORT1: Und wie soll das gehen - auch mit Blick auf die gesamte Saison?

Kaufmann: Wir haben einige Zugänge, die sich mittlerweile gut integriert haben. Das ist mitentscheidend, um dauerhaft oben mitzuspielen. Die Dichte an Spielen und Belastung ist einfach extrem. Da bedarf es eines großen Kaders. Es reicht auch nicht, nur Stars zu haben. Wir müssen eine Mannschaft sein. Damit können wir einiges wettmachen. Wir haben nicht die allerbesten Einzelspieler. Aber wir passen als Team sehr gut zusammen und haben eine gute Mentalität.

SPORT1: Nun kommen also die Löwen. Wie gehen Sie diesen Gegner an?

Kaufmann: Es kommt auf die Haupttugenden drauf an, sprich, wir müssen eine gute Abwehr hinstellen mit einem ebenso guten Torwart hinten drin. Der Kopf der Löwen ist Andy Schmid. Wenn wir ihn ausschalten und sein Zusammenspiel mit dem Kreis unterbinden, haben wir ganz gute Chancen.

SPORT1: Und wie wollen Sie Schmid bremsen?

Kaufmann: Wir müssen durch schnelle Beine das Zentrum verdichten, seine Räume eng machen, den Kreisläufer abdecken. Spielen sie den Ball dennoch schnell weiter, müssen wir ebenso schnell verrücken und verschieben.

SPORT1: Klingt plausibel. Weg von den Löwen, hin zum THW. Schauen Sie nicht mit Argwohn nach Kiel? Schließlich hat der Meister die SG durch die Verpflichtung von Steffen Weinhold enorm geschwächt.

Kaufmann: Die holen sich halt die besten Leute. Auf der einen Seite ist das legitim, auf der anderen Seite schade. Steffen (Weinhold, Anmerk. d. Red.) hat sehr gut in unser Team reingepasst und sich mit Holger Glandorf sehr gut ergänzt. Gut, wir haben jetzt Johan (Jakobsson, Anmerk. d. Red.), der auch sehr gut ist. Wir hoffen, dass er bald richtig zündet.

SPORT1: Ist das nicht wie im Fußball? Da holt sich der FC Bayern auch die Besten der Besten.

Kaufmann: Wenn man sich den Kader anschaut, ist das sicher so. Aber was soll man als Flensburger dazu noch sagen? Deswegen versuchen wir als Mannschaft noch geschlossener aufzutreten und das irgendwie zu kompensieren. Das ist der Anreiz.

SPORT1: Mit Motivation kennen Sie sich bestens aus. Nach drei schweren Knieverletzungen sind Sie in dieser Saison zurück. Jedes Spiel muss wie ein Kindergeburtstag für Sie sein, oder?

Kaufmann: Ich habe gelernt, es mehr zu schätzen. Es gab schon den einen Punkt, an dem ich gedacht habe, 'okay, vielleicht geht's doch nicht weiter'. Da habe ich schon gegrübelt, 'was mache ich dann eigentlich?'. Ich genieße seither meine Spiele und nehme sie bewusster war. Die Rückkehr war ein überragendes Gefühl, weil ich lange daraufhin gearbeitet hatte.

SPORT1: Sie haben sich damals der EMS-Therapie beholfen. Anhand von Elektroden werden Stromschläge bis in die Tiefenmuskulatur gelenkt. Not macht erfinderisch, oder?

Kaufmann: Auf jeden Fall! Ich hatte viel mit Ärzten und Physiotherapeuten gesprochen. Bei mir war die Herausforderung, die Muskulatur endlich wieder hinzubekommen. Mit Personal Training und diesem EMS hat das ganz gut geklappt.

SPORT1: Sie sind jetzt nicht mehr der Jüngste. Welche Ziele setzen Sie sich noch im Profihandball?

Kaufmann: Stimmt, ich werde im Februar 33 (lacht). Für mich zählt, dass ich überhaupt wieder spielen kann. Das ist die Hauptsache. Aber, wir spielen alle um Titel?

SPORT1: ... bald auch wieder mit der Nationalmannschaft?

Kaufmann: Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Ich spiele erst seit zweieinhalb Monaten wieder. Es wurden zuletzt viele junge Spieler eingeladen. Und das ist für mich in Ordnung. Wenn die Anfrage kommt, mache ich mir meine Gedanken. Kontakt zum Bundestrainer habe ich aber keinen.

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