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Der Franzose Christian Gaudin (2. v. r.) ist seit dieser Saison Trainer der Hanseaten

Die Folgen des Erdbebens in Hamburg sind noch nicht beseitigt. Doch der neue HSV strebt nach alten Zielen - früher als gedacht.

Von Patrick Mayer

München/Hamburg - Hamburg. 1,8 Millionen Einwohner. Kaufmannsmetropole. Ein Tor zur Welt.

Viele Superlative umgeben die Hansestadt. Sie ist lukrativ für Investoren - auch im Spitzensport. Und so war Handball in Hamburg eines der erstrebenswertesten Projekte der DKB HBL. Doch im Frühjahr drohte der Super-Gau.

Der Gigant HSV Hamburg war zahlungsunfähig. Ein Champions-League-Sieger, den Verbindlichkeiten schier erdrückten. Erst nachträglich gab's die Lizenz (Die stärkste Liga der Welt - LIVE im TV auf SPORT1).

Das, da waren sich die Kritiker einig, sollte es erst mal gewesen sein mit Spitzenhandball. Sie täuschten sich. Mit einer kleinen, aber feinen Mannschaft sowie einer nie dagewesenen Bescheidenheit erarbeitet sich der Klub verloren gegangenes Vertrauen zurück - und strebt nach alten Ansprüchen.

Kretzschmar ist begeistert

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar ist begeistert.

"Sie haben so viel Kredit in ihrer Stadt verspielt", sagt der 41-Jährige. "Was ich gut finde, ist, dass sie sich das Vertrauen zurückholen und die Begeisterung wieder wecken."

Er schwärmt vor dem Heimspiel der Hanseaten gegen die Füchse Berlin (ab 17.10 Uhr im LIVESTREAM): von einem jungen, hochmotivierten Trainer; von einem wagemutigen Rest, der sich auf der Platte aufopfert; von Fans, die die Liebe zu ihrem Klub wiederentdecken.

Auf dem Weg dahin hatte das neue Präsidium um Geschäftsführer Christian Fitzek Schwerstarbeit zu verrichten.

Vertrauen war aufgebraucht

"Vieles kam bei den Leuten ganz anders an, als sich die Realität dargestellt hat", schildert der 53-Jährige im Gespräch mit SPORT1. "Es kam so rüber, als hätten wir ungerechterweise die Lizenz erteilt bekommen, als sei es ein Zauberkunststück des HSV gewesen."

Doch das Umfeld war verunsichert. Sponsoren und Fans wussten nicht mehr, was oder wem sie noch glauben sollten.

Noch im Mai fehlten dem Klub angeblich 2,5 Millionen Euro, um den Etat zu stemmen. Mäzen Andreas Rudolph hatte sich zurückgezogen. Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Wie nur, fragte sich Handball-Deutschland, kann man in eine solche Schieflage geraten.

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Superstars gingen nach Kiel

Fitzek vertraut deshalb beharrlich auf eine neue Eigenschaft: Bescheidenheit.

"Wir haben auf spektakuläre Spielerverpflichtungen verzichtet und sind stets bestrebt, in Hamburg ein Bild zu vermitteln, dass wir sehr verantwortlich mit den wirtschaftlichen Mitteln umgehen", erzählt der frühere Nationalspieler.

Mit einem Minikader spart der Klub hohe Personalkosten ein. Die Superstars Domagoj Duvnjak und Joan Canellas ließ man zum Rekordmeister THW Kiel ziehen.

Wie hoch die Verbindlichkeiten noch sind, wie hoch der Etat, verrät er trotz der neuen Offenheit dennoch nicht. Die Zahlen könnten falsch interpretiert werden, meint er.

3.800 Dauerkarten verkauft

Die Situation entspannt sich aber wohl in kleinen Schritten, auch, weil die Fans Gefallen am neuen Image finden und in die imposante O2-World zurückkehren.

3.800 Dauerkarten und damit 1.300 weniger als in der Vorsaison haben die Hanseaten verkauft. Zwar kämen pro Heimspiel 800 bis 1.000 Fans weniger, erzählt Fitzek (Foto, Copyright: imago) . Doch spätestens zur kommenden Saison sollen einstige Zuschauerzahlen wieder erreicht sein.

Dann, wenn die Hamburger altbekannte Ziele in Angriff nehmen wollen. Aktuell liegt der Klub knapp hinter den Europapokalplätzen (DATENCENTER: Die DKB HBL).

"Das versteht sich von selbst. Wir haben eine der schönsten Hallen Europas, wir leben in einer der schönsten Städte der Welt. Wir müssen hier mittelfristig wieder Spitzensport liefern", sagt er, "das heißt, dass wir wieder in Schlagdistanz zu den Champions-League-Plätzen kommen, dass wir Champions League spielen, dass wir wieder eine Mannschaft stellen, die bis in zwei, drei Jahren den Topmannschaften Paroli bieten kann."

Viele Fans stehen wieder zum HSV:

Ein verwegener Haufen

Die dafür nötige Unterstützung des Umfelds erarbeitet sich die Mannschaft Woche für Woche.

Sie kommt dabei wie ein verwegener Haufen rüber. Solidarisch in der Krise. Eng verbunden mit dem Klub. Pascal Hens, 34, Weltmeister von 2007, ist nur ein Beispiel.

"Jeder einzelne erkennt, was er mehr machen muss und was von ihm abhängt. Adrian Pfahl etwa. Er weiß, dass er der einzige Linkshänder ist und nimmt die Aufgabe auf einmal an", meint SPORT1-Experte Kretzschmar und lobt Trainer Christian Gaudin.

Kretzschmar lobt Gaudin

"Er ist ein ruhiger Typ, keiner, der während eines Spiels ausflippt. Was man so hört, trainieren die Jungs viel, mehr als zuvor", erzählt Kretzschmar.

Der deutsche Handball brauche den HSV, sagt er. "Hamburg ist ein wichtiger Standort. Allein wegen des Großstadtcharakters", meint er. "Deshalb ist es schön, zu sehen, dass er sich Sympathien zurück erarbeitet."

Sympathien, die den Klub in absehbarer Zeit wieder dahin bringen sollen, wo er sich selbst sieht: in die nationale und europäische Spitze.

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