vergrößernverkleinern
Stefan Kretzschmar ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1 © Getty Images / SPORT1

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar hält den Kader Kiels für zu dünn besetzt, die Lobhudeleien für die Löwen kommen zu früh. Flensburg muss improvisieren.

Hallo Handball-Fans,

Flensburg hat vor der Saison ordentlich aufgerüstet und sich einen richtig tiefen Kader zusammengestellt. In der Champions League gegen Paris St. Germain und im Topspiel gegen Kiel wurde deutlich, wozu diese fantastische Mannschaft fähig ist.

Gegen Wetzlar und Melsungen lief es dann nicht so gut, aber das zeigt - und da wiederhole ich mich gerne - was das für eine irre und spannende Saison wird. So eine Leistungsdichte hatten wir seit Jahren nicht mehr.

Kein Team ist momentan in der Lage, das Niveau konstant und jeden Spieltag so hoch zu halten. Ich weigere mich also, das Spiel gegen Wetzlar zu dramatisieren. Das war ein mieser Tag, da ging nichts und sowas kann immer mal passieren.

Die einzige Ausnahme sind, zumindest Stand jetzt, die Rhein-Neckar Löwen. Zu den Barca-Bezwingern aber gleich noch mehr.

Die Breite des Kaders erweist sich in Flensburg jetzt schon als Segen, denn mit dem Kreuzbandriss von Anders Zachariassen wird der SG das Herz genommen. Trotz seiner überschaubaren Größe ist er ein ganz wichtiger Faktor in der 6-0 Abwehr. Der Job der Leitfigur muss jetzt auf mehrere Schultern verteilt werden.

Tobias Karlsson ist für mich nach wie vor einer der besten Abwehrspieler auf diesem Planeten, er ist der ruhende Pol und behält immer kühlen Kopf. Als emotionaler Leader ist Thomas Mogensen mehr denn je gefragt. Er ist der Motor dieses Teams. Sollte der Markt aber noch einen brauchbaren Spieler für das Abwehrzentrum hergeben, dann müssen sich die Verantwortlichen in Flensburg zusammensetzen.

Rivale Kiel sollte jetzt schon mal beten, dass sich Domagoj Duvnjak und Joan Canellas nicht verletzen. Die zwei spielen aus Mangel an Alternativen fast durch und ein Ausfall wäre in dieser Mördersaison nicht zu kompensieren.

Im Vergleich mit Flensburg läuft es in der Liga natürlich besser, aber die Champions-League-Pleite in Zagreb schmerzt ziemlich. Und das in doppelter Hinsicht, denn für mein Empfinden hatte das am Ende des Spiels wenig mit Handball zu tun. Das war ziemlich brutal von Zagreb und die Schiedsrichter haben zu viel durchgehen lassen.

So, jetzt aber zu den Löwen. Nach dem Sieg gegen Barcelona hat Trainer Xavier Pascual sie das "beste Team Europas" genannt, Hannover-Coach Jens Bürkle sprach vom "kommenden Deutschen Meister".

Die Lobhudeleien sind groß, auch von Fachleuten im Handball. Trotzdem würde ich noch nicht ganz so weit gehen. Sie machen zwar momentan den stärksten Eindruck, haben sich in ihrer Spielkultur nochmal gesteigert, aber zum jetzigen Zeitpunkt Titel zu verteilen, ist mir einfach zu früh.

International wäre es natürlich schön, eine Mannschaft im Final-Four-Turnier zu sehen, aber realistisch betrachtet ist Paris das individuell stärkste Team. Und sofern sie sich finden, auch das mannschaftlich stärkste.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel