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München und Mannheim - Trotz aller Kniffe von Gislason verliert der THW die Löwen aus dem Auge. Die Probleme drücken, Trainer und Manager sind zweier Meinung. Wird Landin zur tragischen Figur?

Kiels letzte Hoffnung platzte drei Minuten vor Ende des Gipfels: Domagoj Duvnjak will den THW aus dem Rückraum auf 20:21 heranbringen, doch Löwe Gedeon Guardiola blockt den Wurf ab.

Kiels Keeper Niklas Landin versucht den Konter zu unterbinden, eilt aber zu spät aus seinem Kasten. Patrick Groetzki umkurvt seinen ehemaligen Mitspieler und trifft ins leere Tore. Der Gipfel der DKB Handball-Bundesliga ist entschieden, der Spitzenreiter Rhein-Neckar Löwen hat sechs Punkte zwischen sich und den Rekordmeister gelegt.

Vorne ohne Durchschlagskraft, hinten ausgetanzt - und dennoch redete THW-Trainer Alfred Gislason den herben Rückschlag schön.

Kiel habe beim 20:24 (7:13) "eine sehr gute zweite Halbzeit gezeigt", stellte er bei SPORT1 heraus: "Unsere Abwehr stand gut, Niklas stand gut."

Dass die Entmachtung des Rekordmeisters voranschreitet, ließ sich aber nicht wegdiskutieren. Kiel, neunmal Meister in den vergangenen zehn Jahren, war letztmals 2011 mit einem Sechs-Punkte-Rückstand konfrontiert - damals machte der HSV Hamburg sein Meisterstück. (SERVICE: Die Tabelle)

Leichte Meinungsverschiedenheit mit Storm

Und nun? Treten bei der Einordnung des Krachers gegen die Löwen Meinungsverschiedenheiten auf. 

Geschäftsführer Thorsten Storm hatte bei SPORT1 weit weniger milde über die Kieler geurteilt: Keiner bringe den nötigen Mut und die Entschlossenheit auf, keiner nehme das Heft in die Hand.

"Naja, das ist seine Meinung", meinte Gislason dazu: "Natürlich war auch ich nicht zufrieden mit der Angriffsleistung, aber die Abwehr stimmt."

Probleme im Rückraum unübersehbar

Vorne waren vor allem im Rückraum nach dem Verlust von Filip Jicha die Probleme unübersehbar.

Joan Canellas und Duvnjak ließen nur selten ihre Klasse aufblitzen, Marko Vujin und Steffen Weinhold traten fast gar nicht in Aktion.

Löwen-Spielmacher Andy Schmid (M.) glänzte gegen Kiel, THW-Keeper Niklas Landin (hinten) nur in der 2. Halbzeit © Getty Images

"Leider waren wir etwas zu behäbig und es haben uns die Ideen gefehlt", kritisierte Gislason, der auch Verschleißerscheinungen bei seinen Akteuren erkannte: "Man hat bei Canellas und Duvnjak gesehen, dass sie zum Schluss sehr müde waren."

Im Gegensatz zu den Löwen, bei denen Spielmacher Andy Schmid brillierte, fehlte Kiel ein Gestalter. Sieben Tore zur Halbzeit zeigten das deutlich auf, zumal Kiel sich gegen die Deckung der Mannheimer auch noch einige Patzer leistete.

"Wir haben uns im Angriff sieben technische Fehler in der ersten Halbzeit geleistet, dazu haben uns die zwei, drei Gegenstöße doppelt weh getan", ärgerte sich Gislason.

Taktische Kniffe verpuffen oder gehen nach hinten los

Dabei hatte der Coach taktisch fast alles versucht, in der Deckung zwischen 4-2 und 6-0 gewechselt und gleich beim ersten Angriff und dann regelmäßig den Torhüter zugunsten eines siebten Feldspielers ausgewechselt.

"Das mit dem zusätzlichen Feldspieler hat zunächst gut geklappt", meinte Kiels Coach, der Kniff ging allerdings gleich zweimal nach hinten los. Löwen-Abwehrchef Guardiola bestrafte Kiel nach Ballverlusten Mitte der ersten und am Ende der zweiten Spielhälfte mit Distanzwürfen in den verwaisten Kasten.

Achterbahnfahrt für Landin

Tatenlos zuschauen musste dabei der frühere Löwen-Keeper Landin, der beim ersten Spiel gegen seine alten Kollegen eine Achterbahnfahrt erlebte.

Nach einer schwachen ersten Hälfte an alter Wirkungsstätte drehte der Däne nach der Pause mächtig auf und führte den THW mit einigen Klasseparaden - unter anderem beim Siebenmeter gegen Uwe Gensheimer - wieder bis auf 14:15 heran.

Beim Knackpunkt des Spiels agierte Landin dann aber unglücklich, als er sich bei seinem Ausflug im Stile von Fußball-Nationalkeeper Manuel Neuer verschätzte.

Bitteres Deja-vu droht

Landin droht ein ganz bitteres Deja-vu. Nachdem er bereits mit den Mannheimern zweimal den Meistertitel ganz knapp verpasst hat, könnte ihn dieses Schicksal nun im dritten Jahr in Folge ereilen.

Und das, obwohl er im Sommer zum Rekordmeister gewechselt ist, der seinen Löwen 2013 im Herzschlagfinale noch die Schale entrissen hatte.

Gerade der Blick auf die Historie darf Kiel aber Hoffnung machen, auch SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar wollte nicht von einer Vorentscheidung sprechen.

Auch wenn sich die Löwen nicht nur gegen Kiel in bestechender Form präsentierten: In den letzten beiden Jahren hielten die Nerven nicht.

Zudem muss der Vizemeister von 2013 und 2014 noch nach Kiel und und zweimal gegen Pokalsieger SG Flensburg-Handewitt ran. (SERVICE: Ergebnisse und Spielplan)

Gislason gab sich daher auch kämpferisch: "Die Saison ist noch sehr lang - und wir sind der THW Kiel, wir geben sowieso nie auf!" Storm dagegen glaubt in der Saison nach seinem Weggang aus Mannheim an die Löwen: "Wenn sie nicht nervös werden, wird es für sie in dieser Saison klappen."

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