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Stefan Kretzschmar über den SC Magdeburg
SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar spielte neun Jahre lang für den SC Magdeburg © SPORT1-Grafik: Philipp Heinemann/Imago

München - SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar analysiert in seiner Kolumne die aktuelle Situation des SC Magdeburg und bewertet den Würgegriff von Torhüter Dario Quenstedt.

Hallo Handball-Fans,

Niemand lebt und liebt den SC Magdeburg so sehr wie Bennet Wiegert. Er ist die absolute Identifikations- und Kultfigur. Der Trainer der Magdeburger hat sicher am meisten unter der herben 24:34-Niederlage gegen den Abstiegskandidaten aus Minden gelitten.

Es war an der Zeit, nach so einem Debakel einige klare Worte an die Mannschaft zu richten. Und das hat er getan. Wenn der Trainer davon spricht, dass die Mannschaft "blutleer" und "ohne Herz" aufgetreten ist, dann ist das kein gutes Zeugnis für die Spieler.

In dieser Liga gibt es keine leichten Gegner, aber mit zehn Toren in Minden zu verlieren, ist natürlich schon ein Ausrufezeichen.

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Hut ab und Respekt vor der Leistung der Mindener. Aber man muss klar sagen: Das ist nicht das, was sich der SCM vor der Saison ausgemalt hatte. Die Magdeburger hinken klar ihrem eigenen Anspruch hinterher.

Schon letzte Saison lief es nicht so gut, da hat der Pokalsieg einiges kaschiert. Aber in der Liga hatte man auch schon ernsthafte Probleme. Das setzt sich in diesem Jahr fort. 

Magdeburg hat gute Einzelspieler. Die große Frage wird sein: Wie schnell kann daraus eine ernsthaft konkurrierende Mannschaft entstehen? Das wird die große Herkules-Aufgabe für Wiegert sein. Fakt ist: Noch hat er kein Patentrezept für dieses Team gefunden.

Es wäre allerdings äußerst unklug, in dieser Phase der Meisterschaft den Trainer zu wechseln. Eher sollte man überlegen, einigen Spielern mit Suspendierungen zu drohen. Der Trainer ist momentan der am wenigsten Schuldige beim SCM.

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Vielmehr sind die Spieler in der Pflicht. Ich bin mir nicht sicher, ob sich alle Spieler hundertprozentig mit dem Verein identifizieren und den Arsch aufreißen. Wer wie ich beim SCM gespielt hat, weiß: In Magdeburg lebt man Handball.

Die Fans stehen hinter ihrem Team wie eine Wand. Wenn man dann nicht alles gibt, blutleer und herzlos spielt, versteht das in Magdeburg keiner. Jeder einzelne hat eine Verantwortung, derer er sich bewusst werden muss.

Dario Quenstedt ist einer derjenigen, die immer alles geben. Gegen Minden war es aber etwas zu viel. Dass sein Würgegriff gegen Marian Michalczik mit der Roten und der Blauen Karte geahndet wurde, ist korrekt. 

Die neue Blaue Karte halte ich übrigens für überflüssig. Auch früher wurde eine Tätlichkeit im Spielberichtsbogen vermerkt. Ob man das nun also gleich während des Spiels oder danach macht, ist total egal.

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Dario ist ein tadelloser Sportsmann und ein hervorragender Torhüter, der am SCM hängt und mit dem Verein blutet. So etwas ähnliches ist ihm im Heimspiel gegen Leipzig auch schon einmal passiert.

Er ist sehr emotional, aber trotz allem einer der Besten der Liga. Er ist mit Sicherheit kein unsportlicher oder unfairer Spieler. Dass mit ihm da so die Gäule durchgegangen sind, lag einzig und allein an der Frustration, die in diesem Spiel aufgebaut wurde. 

Jetzt gilt es, den Blick nach vorne zu richten. Es beginnt so etwas wie die "Woche der Wahrheit". Mit Kiel im Pokal (Mi., 20 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) und den Füchsen in der Bundesliga stehen zwei schwere Aufgaben bevor.

Allerdings möchte ich auch nicht in der Haut der Kieler stecken. Die Magdeburger sind angepiekst und wollen vor heimischem Publikum Wiedergutmachung betreiben. Die Fans werden mit Argusaugen auf ihre Mannschaft schauen und ich bin mir sicher, dass die Spieler auch eine Antwort liefern werden. Jede andere Reaktion würde mich verblüffen und enttäuschen. Der THW kann sich warm anziehen.

Klar, eine Niederlage wäre der nächste Nackenschlag für den SCM. Allerdings kann man gegen den THW nicht von vorneherein erwarten, dass man dieses Spiel gewinnt. Wenn man verliert, aber kämpft und alles gibt, wird einem in Magdeburg keiner den Kopf abreißen. Auch dem Trainer nicht.

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 43, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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