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Daniel Stephan über den THW Kiel und Andreas Wolff
Daniel Stephan (l.) analysiert die Krise des THW Kiel © SPORT1-Grafik: Getty Images

SPORT1-Kolumnist Daniel Stephan bezeichnet die Situation beim THW Kiel als bedenklich. Trainer Gislason ist gefordert. Das Thema Wolff hinterlässt Spuren.

Hallo Handball-Fans,

drei Pleiten nach sechs Spielen, Tabellenplatz acht: Der Saisonstart des THW Kiel lief alles andere als nach Plan.

Man muss aber auch sagen, dass die Messlatte von Manager Thorsten Storm sehr hoch gelegt wurde - schließlich fällt Spielgestalter Domagoj Duvnjak monatelang aus.

Doch mit seinem Kader muss der THW auch ohne Duvnjak anders auftreten. Es ist keine Spielkultur im Angriff zu erkennen, im Moment stimmt nur die kämpferische Leistung.

Kiel hat nicht mehr die ganz großen Individualisten und das gebundene Mannschaftsspiel ist im Moment zu schlecht, um selbst gegen normale Gegner zu bestehen. (THW Kiel blamiert sich in Wetzlar)

"Man erkennt keine Fortschritte"

Es herrscht sehr großer Druck, das merkt man sowohl der Mannschaft als auch Alfred Gislason an. Er versucht sicher Impulse zu geben, aber es gibt im Moment kein Zusammenspiel zwischen Torwart, Mannschaft und Trainer. Man erkennt keine richtigen Fortschritte, das ist bedenklich.

Gislason steht enorm unter Druck - wie alle beim THW. Wie ich Alfred kenne, wird auch er sich hinterfragen. Das Siegergen, das den THW immer ausgemacht hat, ist seit dem letzten Jahr nicht mehr vorhanden. Die anderen Teams haben nicht mehr so großen Respekt. Sie wissen auch, dass sie Kiel schlagen können.

Es rächt sich, dass man auf der halblinken Position in Nikola Bilyk und Lukas Nilsson nur sehr junge Spieler verpflichtet hat. Die beiden haben zwar Qualität, können diese aber einfach noch nicht konstant abrufen.

Steffen Weinhold ist ein Kandidat, der die Mannschaft führen kann, aber er reibt sich in 1-gegen-1-Situationen auf. Ich sehe niemanden, der auf dem Spielfeld das Heft in die Hand nimmt. Patrick Wiencek macht das in der Abwehr - aber teilweise zu extrem.

"Thema Wolff schwebt über allem"

Zudem schwebt das große Thema Andreas Wolff über allem. Die Spieler sagen zwar immer, das interessiere sie nicht - aber es ist natürlich trotzdem ein Thema und belastet die Mannschaft. Da haben sich beide Parteien nicht gut verhalten, die auch nur noch übereinander statt miteinander sprechen.

Was ich aus Kiel gehört habe, setzt sich Wolff für die Mannschaft ein - auch im Training. Aber seine Leistung im Tor stimmt einfach nicht.

Seine Reaktion im Melsungen-Spiel - als er in 38 Minuten Spielzeit drei Paraden gezeigt hat und dann ausgewechselt wurde, darüber sehr sauer war und das auch alle spüren ließ - ist in dieser Phase natürlich auch nicht positiv für die Mannschaft. (Tabelle und Spielplan der Handball-Bundesliga)

Das Hauptproblem ist, dass viele Spieler nicht an ihre Leistungsgrenze kommen. Sie müssen auf Duvnjaks Rückkehr hoffen, damit man wieder in ruhiges Fahrwasser kommt.

Trotz aller Probleme muss der THW in der Meisterschaft noch nicht abschenken. Aber im Moment sind alle Augen auf Kiel gerichtet.

Bis zum nächsten Mal,
Euer Daniel

Handball-Experte Daniel Stephan, 44, hat 183 Länderspiele für Deutschland absolviert. Der erste deutsche Welthandballer (1998) wurde mit dem TBV Lemgo 1997 und 2003 Deutscher Meister sowie 1995, 1997 und 2002 DHB-Pokalsieger. Mit der Nationalmannschaft gewann der Rückraumspieler unter anderem 2004 die Europameisterschaft und Silber bei Olympia in Athen. Von 1997 bis 1999 wurde er dreimal in Folge zum Handballer des Jahres gewählt.

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