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SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar hat Gold im Blick © SPORT1-Grafik/Getty Images

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar beschreibt die Nacht nach dem Triumph gegen Dänemark. Jetzt glaubt er an den Turniersieg - und hat eine deutliche Botschaft an die Liga.

Hallo Handball-Fans,

die Nacht nach dem Sieg gegen Dänemark ist schwer zu beschreiben. Alle mussten erst einmal runterkommen. Es war ein Überangebot von Emotionen. Ich habe mit den Kollegen noch ein paar Bier getrunken und bin dann um eins ins Bett gegangen.

Das war alles sehr aufwühlend. Deshalb waren die Spieler bestimmt noch länger wach, auch als sie schon wieder auf ihren Zimmern waren. Viele spielen ihr erstes Turnier. Wenn du so einen Meilenstein ganz früh in deiner handballerischen Karriere setzt, dann ist das natürlich Wahnsinn.

Die Jungs genießen den Moment, sind dann aber schon wieder fokussiert. Wenn man ihnen zuhört, wie sie vom großen Traum EM-Titel reden, dann nimmt man ihnen das ab. Sie wollen etwas ganz Großes erreichen.

Ich hatte im gesamten Turnier immer ein gutes Gefühl. Es gab auch vor dem Dänemark-Spiel keine wirklichen Zweifel, auch wenn die Dänen Favorit waren. Ich traue Deutschland den großen Wurf zu.

Wir hatten schon immer guten Nachwuchs - der Sprung in die Bundesliga erschien vielen Vereinsmanagern nur zu groß und zu riskant. Dagur Sigurdsson hatte Mut und hat viele getestet, wird dafür jetzt belohnt. Ich hoffe, dass sich die Bundesliga-Manager daran ein Beispiel nehmen und nicht eine Position mit dem fünft-, sechst- oder siebtbesten Serben besetzen.

Wir haben zum Beispiel vier sehr gute halblinke Rückraumspieler, vier sehr gute halbrechte. Diese Generation kann in den nächsten Jahren konstant um Medaillen mitspielen. So einen großen Fundus hatten wir in Deutschland selten an guten Nationalspielern.

Spieler wie Paul Drux, Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Patrick Wiencek oder die seit dem Russland-Spiel ausgefallenen Steffen Weinhold und Christian Dissinger werden um ihre Plätze kämpfen, wenn sie wieder fit sind.

(Training Heroes: Kretzsche macht Dich fit!)

In jedem Spiel überrascht mich ein anderer Spieler. Gegen Dänemark Fabian Wiede, natürlich muss man Andreas Wolff nennen, Tobias Reichmann als abgezockten Siebenmeterschützen, Steffen Fäth mit einer unglaublichen Leistungssteigerung und immer so weiter.

Die Jungs sagen selbst, sie spielen jetzt um den Titel. Norwegen ist genauso eine Überraschungsmannschaft wie wir im Halbfinale. Da ist keiner in der Favoritenrolle.  Beide Teams sind miteinander zu vergleichen.

Die Mannschaft macht nicht den Eindruck, als hätte sie irgendwelchen Druck. Das ist sehr beeindruckend. Insofern kann sie den nächsten Schritt machen.

Natürlich kann Deutschland auch die letzten beiden Spiele verlieren. Wer hätte überhaupt gedacht, dass wir ins Halbfinale kommen? Man muss es realistisch einschätzen. Es ist kein Misserfolg, wenn wir am Ende Vierter werden.

Diese Mannschaft reißt aber nicht nur sportlich alle mit, sondern ist so unfassbar sympathisch, dass es ein ganzes Land infiziert. Deutschland ist wieder im Handball-Fieber.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 42, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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