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Carsten Lichtlein führte Deutschland gegen die Russen mit acht Paraden in 36 Minuten zum knappen Sieg
Carsten Lichtlein führte Deutschland gegen die Russen mit acht Paraden in 36 Minuten zum knappen Sieg © Imago

Breslau - Carsten Lichtlein rutscht bei der EM in die altbekannte Nebenrolle, ragt aber gegen Russland mit Superlative heraus. Doch wer Nummer 1 ist, kümmert den Keeper nicht.

Carsten Lichtlein genoss den Trubel um seine Person in vollen Zügen. Die anderen deutschen Handball-Helden standen längst unter der Dusche, da turnte "Lütti" noch immer durch die Katakomben der Jahrhunderthalle von Breslau und gab beschwingt Interviews.

Als es im Krimi gegen Russland (30:29) darauf ankam, schlüpfte der Torhüter bei der EM in Polen in die Rolle des Hauptdarstellers. Endlich.

"Ich bin schwer ins Turnier gestartet, das weiß ich selber", sagte Lichtlein, "aber ich habe immer an mich geglaubt, und es freut mich, dass ich so zurückgekommen bin. Wenn der Trainer mich braucht, dann bin ich da." Mit seinen Paraden hatte der Keeper im zweiten Abschnitt entscheidenden Anteil am knappen Erfolg gegen die Russen.

Wie so oft nur die Nebenrolle

"Ich habe gewusst, dass er uns noch helfen wird. Das war nie die Frage", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der große Stücke auf seinen Keeper hält und ihn vor der EM sogar zum Vize-Kapitän beförderte.

Das Lob von höchster Stelle ging bei Lichtlein runter wie Öl. Die vergangenen Tage, das war dem Team-Oldie in Breslau deutlich anzumerken, hatten an ihm genagt.

Erstmals war der deutsche Dauerbrenner als offizielle Nummer eins in ein großes Turnier gestartet, doch Youngster Andreas Wolff hatte ihn schon nach zwei Spielen aus der Stammsieben verdrängt und mit überragenden Leistungen für Schlagzeilen gesorgt.

Lichtlein blieb wie so oft in seiner inzwischen über 15-jährigen Nationalmannschaftskarriere nur die Nebenrolle.

"Man darf Lütti nicht abschreiben"

Doch gegen Russland kehrte der 35-Jährige zurück ins Rampenlicht. Mit teils spektakulären Paraden zog er den gegnerischen Angreifern den Zahn und machte seinem Ruf als Siebenmeter-Killer mit einem gehaltenen Strafwurf mal wieder alle Ehre.

Damit schraubte Lichtlein seine Quote in Polen auf über 50 Prozent (5 von 9) - weltklasse, und mit Abstand der Bestwert aller EM-Torhüter.

"Man darf Lütti einfach nicht abschreiben", sagte Rechtsaußen Tobias Reichmann: "Es ist einfach unsere große Stärke, dass, wenn jemand mal einen schlechteren Tag hat, der nächste einen raushaut. Und das war jetzt der Lütti."

Handtuch reichen, Tipps geben

Lichtlein selbst blieb gewohnt bescheiden. Seinen Stammplatz forderte der Familienvater nicht zurück, so etwas ist nicht seine Sache.

"Warum sollte ich? Andi hat doch bisher super gehalten", sagte Lichtlein und ergänzte mit Blick auf das "Endspiel" um den Halbfinaleinzug gegen Dänemark am Mittwoch (18 Uhr im LIVETICKER): "Mir ist es egal, wen der Trainer als nächstes aufstellt. Hauptsache, es hält einer die Bälle, und das wird gegen Dänemark der Fall sein."

Sigurdssons Hexer-Doppel: Andreas Wolff (l.) und Carsten Lichtlein
Sigurdssons Hexer-Doppel: Andreas Wolff (l.) und Carsten Lichtlein © Getty Images

Die Chemie stimmt im deutschen Tor - das ist unverkennbar. Obwohl es das erste Turnier von Wolff und Lichtlein als neues Torwart-Duo ist, verstehen sich die beiden blind.

Jeder gehaltene Ball wird auch vom jeweils anderen frenetisch gefeiert, nach jeder Aktion suchen Wolff und Lichtlein Blickkontakt, reichen sich das Handtuch und geben sich Tipps.

"Wir verstehen uns abseits des Feldes sehr gut und ergänzen uns im Spiel optimal", sagte Wolff am Montag: "Wenn der eine mal einen nicht
optimalen Tag hat, springt der andere in die Bresche und holt die Kohlen  aus dem Feuer. Das zeichnet uns aus."

Ohne eine Spielminute zu Gold

Lichtlein gehört mit 209 Länderspielen inzwischen zum Inventar der Nationalmannschaft, hat fast so viele DHB-Einsätze absolviert wie der Rest der deutschen Rasselbande zusammen.

Schon 2004 stand der Gummersbacher im Team, als Deutschland in Slowenien Europameister wurde. Als die ganze Nation bei der Heim-WM drei Jahre später ihr goldenes Wintermärchen feierte, durfte Lichtlein in zehn Spielen keine einzige Minute spielen und feuerte seine Kollegen stattdessen von der Tribüne aus an.

Die Hauptrolle bekleideten andere - dies könnte in diesem Jahr anders werden. So oder so: Lichtlein ist bereit.

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