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Markus Götz war beim Handball-EM-Finale in Krakau vor Ort
Markus Götz war beim Handball-EM-Finale in Krakau vor Ort © SPORT1/Getty Images

Krakau - SPORT1-Experte Markus Götz wird vor Ort Zeuge des deutschen Handball-Wunders. Er schildert, wie er die Sensation erlebt hat - und wie er sie sich erklärt.

Aus Krakau berichtet Markus Götz

Am fortgeschrittenen Abend nach dem Finale, in irgendeiner brechend vollen Spelunke in Krakaus Altstadt. Handball-Fans aus allen vier Halbfinal-Nationen sind da. Es wird getanzt, es wird gesungen, es wird getrunken. Und zwar kräftig. Alles friedlich. Wunderbar!

Es ist am Verhalten der einzelnen Gruppen nicht ablesbar, was an jenem Finaltag der Handball-EM 2016 passiert ist. Die Kroaten gewinnen den Sangeswettstreit. Unangefochten. Die aus Spanien tanzen sich die Seele aus dem Leib. So wie man es von ihnen erwartet. Die Norweger nutzen die Gunst der Stunde. Bier 2 Euro. Geschenkt im Vergleich zur Heimat. Die Kaltgetränke fließen in Sturzbächen. Auf diesem Terrain sind die Skandinavier an jenem Abend konkurrenzlos. Und die Fans des frischgebackenen Europameisters? Stehen irgendwie am Rande. Sind bei allem mit dabei, aber so richtig dann doch nicht. Die ganz große Euphorie will in diesem Moment nicht aufkommen.

Wie in Trance

Vielleicht geht es ja einigen hier wie mir. Ich sitze beobachtend in einer Ecke und lasse die Szenerie auf mich wirken. Keine Geschichtsklitterung! Ein Bier habe natürlich auch ich in der Hand. Nicht das erste. Nicht das letzte an diesem Abend. Aber Euphorie? Party? Die Sau raus lassen? Nein, das habe ich in diesem Moment einfach nicht in mir. Ich fühle mich eher wie benommen. Mir kommt das alles ganz und gar unwirklich vor, was ich an diesem Tag in der beeindruckenden Tauron Arena zu Krakau erlebt habe.

Nur zur richtigen Einordnung: Wir sprechen hier von nicht weniger als einer der größten Sensationen der Handball-Geschichte! Eine Bubi-Truppe, quasi erfahrungslos auf diesem Terrain, ohne echten Star, Europameister im Handball. Ich jedenfalls habe etwas Vergleichbares noch nicht gesehen ("Schwarze Bestie" - Die internationalen Pressestimmen).

Niemand, ich wiederhole: niemand (außer vielleicht der wahnsinnige Super-Wolff) hätte dieser Mannschaft, unter diesen Umständen das zugetraut. Mehr noch, es wurde von den Handball-Experten kategorisch ausgeschlossen.

Die Gründe für den Triumph

Es gibt zahlreiche rationale Ansätze diesen ungeheuren Triumph zu erklären: Ein Torwart, der zwei Wochen lang konstant top gehalten hat und im Finale große, starke, bärtige Männer aus Spanien in blanke Angst versetzte, eine nahe am Optimum agierende Abwehr, ein perfekt harmonierendes Kollektiv, dirigiert von einem Trainer, der immer eine ganz klare Linie vorgab, cool und zielorientiert.

Dann eine DHB-Führungsriege um den streitbaren Bob Hanning, die zum Teil unbequeme, aber offensichtlich auch gute Entscheidungen getroffen hat. Und eine Liga, in der junge deutsche Spieler plötzlich en vogue sind. All diese Punkte machen diesen ungeheuren Erfolg sicher ein wenig fassbarer. Aber mein Bauch sagt mir, dass das noch nicht ausreicht als allumfassende Erklärung. Da ist noch etwas anderes. Etwas nicht gänzlich Greifbares, etwas Übergeordnetes, hoch Emotionales.

Ich denke, dass in dieser Mannschaft etwas entstanden ist - nennen wir es ganz platt: einen Geist, wie er in dieser Ausprägung nur selten zuvor im professionellen Mannschaftssport da war. Schritt für Schritt hat das Kollektiv eine gewaltige, urwüchsige Kraft entwickelt, die am Ende nicht einmal von Weltklasse-Teams wie Dänemark oder Spanien zu bändigen war.

Fraglich, ob so etwas in dieser Form konservierbar ist, weshalb man aus meiner Sicht keine zu große Erwartungshaltung für die Zukunft haben sollte. Das würde diesen Geist gefährden und wäre kontraproduktiv.

Nicht falsch verstehen, wir haben eine wohl noch nie dagewesene Anzahl an sehr talentierten jungen Spielern auf allen Positionen. Und ich freue mich auf diese Mannschaft in den nächsten Jahren wie Bolle. Weitere Titel sind möglich, aber sicher nicht selbstverständlich. Andere haben auch ganz viel zu bieten und werden das deutsche Handball-Wunder zu entschlüsseln versuchen. Also, cool bleiben und erst einmal diesen wunderbaren Moment genießen. Dann dürfen wir uns auf Rio freuen.

Mit fettem Grinsen im Zug

Montag Vormittag, nach dem Finale. Ich sitze in einem Sechser-Abteil im Zug von Krakau nach Warschau. Mit mir fünf polnische Damen. Vollkommen ahnungslos, dass sich bei mir im Kopf in diesem Moment alles nur um Handball dreht. Bei mir kommt so ganz allmählich an, was eigentlich passiert ist. Ja, verdammt, wir sind Europameister!!! Ein fettes Grinsen will einfach nicht mehr aus meinem Gesicht. Ich sehe es den Damen an, sie fragen sich, ob dieser Typ da nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

Ist mir vollkommen wurscht! Denn ich war dabei, als eine der schönsten Geschichten geschrieben wurde, die ich je im Sport erlebt habe.

Euer Markus Götz

Markus Götz, 42, kommentiert seit 2003 für SPORT1 Spiele der Handball-Bundesliga, des DHB-Pokals sowie bei Welt- und Europameisterschaften. Als Aktiver spielte er bei der TSG Ehingen. Für SPORT1.de nimmt er regelmäßig Themen im Handballsport unter die Lupe. Mehr zu Markus Götz finden Sie unter http://www.markusgoetz.de

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