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Hendrik Pekeler Stefan Kretzschmar Handball-EM Europameister Boom Sigurdsson
Hendrik Pekeler (r.) und die Handball-Europameister wurden in Berlin stürmisch empfangen © SPORT1/Getty Images

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar prophezeit den Handball-Europameistern eine rosige Zukunft - und setzt darauf, dass sie dem ganzen Sport nach vorn helfen.

Hallo Handball-Fans,

Was wir bei der EM in Polen erlebt haben, war die größte Sensation, die es im Handball jemals gegeben hat. Diese Leistung ist vergleichbar mit der der dänischen Fußball-Nationalmannschaft, die 1992 Europameister geworden ist, eine absolute Sternstunde.

Wenn man beim Finalsieg gegen Spanien in der Halle vor Ort war und die Energie gespürt hat, die die Mannschaft und die Zuschauern ausgestrahlt haben, ist man emotional immer noch sehr ergriffen.

Ich bin dankbar, das Spiel vor Ort erlebt zu haben. Das waren unbeschreibliche Gefühle.

Dass sich das DHB-Team im Vergleich zum Halbfinale im Endspiel noch einmal gesteigert hat, hat viele Gründe. Zum einen wollte unsere Mannschaft den Titel deutlich mehr als die Spanier. Wir haben alles, was wir hatten, in die Waagschale geworfen, jeder einzelne Spieler.

Der zweite Grund ist, dass in diesem Spiel niemand Angst, Respekt oder Druck hatte. Das ist sehr ungewöhnlich für eine so junge Mannschaft. Jeder hat sein Herz in beide Hände genommen und befreit aufgespielt.

Der dritte und vielleicht wichtigste Grund ist, dass das Trainerteam um Dagur Sigurdsson der Mannschaft einen ganz klaren Plan mit auf den Weg gegeben hat, wie sie zu verteidigen und im Angriff zu spielen hat und wie sie auftreten soll. Jeder hat gewusst, worum es geht und was er zu tun hat.

Der letzte Grund ist Andreas Wolff. Es gibt keine Worte, die ausdrücken könnten, was er geleistet hat. Es war eine der besten Torhüterleistungen, die ich je gesehen habe.

Die Spanier - und das ist eine Nation mit sehr abgezockten Spielern - wussten nicht mehr, was sie machen sollen. Sie hatten Angst vor Wolff. Er war in den Köpfen der Spanier drin und sie haben sich nicht mehr getraut, aufs Tor zu werfen - und wenn, waren es Würfe, die die Spanier normalerweise gar nicht nehmen würden.

Und auch was in der Abwehr abgeliefert wurde, vor allem von Finn Lemke, der ein super Turnier gespielt hat, war phänomenal. Zusammen mit Hendrik Pekeler, der die Defensive wie ein alter Hase organisiert hat, war er nahezu unüberwindbar. Beide waren trotz aller Härte sehr fair. Vor dieser deutschen Abwehr kann man nur den Hut ziehen. Die Spanier zur Halbzeit bei sechs Toren zu halten, war eine herausragende Leistung.

Dagur Sigurdsson hat sehr viel Mut bewiesen. Er hat der Mannschaft eine klare Linie und eine Spielkultur verliehen. Deutschland kämpft nicht nur Handball, sondern spielt auch Handball, und das auf eine sehr spektakuläre Art und Weise.

Jeder Spieler weiß bei Sigurdsson genau, was er zu tun hat. Jeder wurde bis ins kleinste Detail auf jeden Gegner perfekt eingestellt. All diese Faktoren zusammen haben bewirkt, dass Deutschland bei der EM perfekt verkörpert hat, was Handball ist: ein Teamsport.

Wie sieht nun die Zukunft dieses Teams aus? Rosig! Die Generation, die Sigurdsson nun zur Verfügung steht, kann über Jahre hinweg um Medaillen spielen. Das muss auch die Maßgabe sein. Diese Mannschaft ist gerade erst am Anfang ihrer Entwicklung und noch nicht am Zenit ihrer Leistungsfähigkeit.

(Training Heroes: Kretzsche macht Dich fit!)

Es wäre dennoch vermessen zu denken, wir wären auf dem Weg zu einer unschlagbaren Handball-Nation. Davon sind wir noch weit entfernt.

Wie Sigurdsson auch gesagt hat, sollte man sehr dankbar und demütig sein, für das was gerade in Polen passiert ist. Aber wie immer nach solchen Triumphen sind weitere Erfolge nur möglich, wenn man weiterhin hart erarbeitet und sich nicht auf den Lorbeeren ausruht.

Das nächste Ziel heißt erst einmal genießen und feiern. Die nächsten Wochen muss man das zelebrieren und der Mannschaft Respekt zollen, sei es beim All Star Game am kommenden Freitag (ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1), bei anstehenden Länderspielen oder in der DKB HBL. 

Danach muss man daran arbeiten, den Erfolg zu nutzen, um die Sportart wieder populärer zu machen. Der Zuspruch und die Begeisterung im Land für diese Mannschaft sind groß.

Man kann und muss diese sympathische Mannschaft vermarkten, die Spieler und ihr tolles Auftreten in den Fokus rücken.

Darüber hinaus bildet sich hoffentlich eine neue Euphoriewelle, im Zuge derer viele Kinder wieder Handball spielen wollen, sich die Akteure dieser Mannschaft zum Vorbild nehmen, die sie vorher vielleicht noch gar nicht kannten. Den aktuellen Hype muss man nutzen, um neue Sponsoren zu generieren und mehr Zuschauer in die Liga zu locken.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 42, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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