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Andreas Rojewski (l.) spielt seit 2001 in Magdeburg
Andreas Rojewski (l.) spielt seit 2001 in Magdeburg

Andreas Rojewski ist ein seltener Linkshänder mit Weltformat. Einer, wie ihn der DHB bräuchte. Der bleibt stur. Das kann sich rächen.

Von Robin Wigger und Patrick Mayer

München/Magdeburg - Andreas Rojewski gehört einem besonderen Spielertypus an.

Der 29-Jährige kann's mit Links von Rechts. Und diese Handballer sind bei Trainern beliebt, weil selten. Sie sind der X-Faktor im Positionsangriff.

Rojewski hat diese Qualität. Er ist einer der besten Halbrechten der DKB HBL. Jüngst wurde er in die Mannschaft des 5. Spieltages gewählt. Einer für die Nationalmannschaft. Eigentlich. Erst recht, nach dem Rücktritt von Holger Glandorf.

Sechs Länderspiele hat er bestritten. Doch der Magdeburger war den Bundestrainern offenbar nicht mehr gut genug. Martin Heuberger nicht; und auch Nachfolger Dagur Sigurdsson ließ ihn außen vor.

Rojewski reicht's. Er verkündete, künftig für sein Geburtsland Polen zu spielen. Fürs DHB-Team droht diese Personalentscheidung zum Bumerang zu werden.

Fehlende Wertschätzung

"Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht und mit offenen Armen empfangen zu werden", meinte Rojewski vielsagend zu seiner Entscheidung.

Diese sorgte für Aufsehen. 2004 wurde er unter Heuberger immerhin Junioren-Europameister. Und auf der Website des DHB ist ein Spielerprofil des Linkshänders zu finden.

Sein letzter Einsatz für Deutschland liegt jedoch schon eine Weile zurück. Am 14. März 2012 lief er in Mannheim beim Test gegen Island im DHB-Trikot auf.

Seither wurde er nicht mehr nominiert - für "Roje", wie die Fans in Magdeburg ihn rufen, ein klares Zeichen.

Zerrüttetes Verhältnis

"Das Thema ist durch, ich sehe da keine Perspektive für mich. Man muss nur die Augen und Ohren aufmachen, um zu wissen, was Sache ist und nach welchen Kriterien die Kader berufen werden", sagte er der "Volksstimme": "Doch wenn sich eine Tür schließt, dann öffnet sich eine andere."

Welche angeblichen Kriterien ihn kritisch stimmen, ließ er in seinem Zorn nicht durchblicken. Das Verhältnis zum DHB, so viel scheint klar, litt schon länger.

Alte Bekannte

Er baut sich ein neues auf. In Polen. Mit Polen. Für Polen.

Abwegig ist diese Entscheidung nicht. Er ist im polnischen Neustadt (Wejherowo) geboren, beherrscht die Sprache fließend und kennt viele seiner künftigen Teamkollegen bestens.

Den ersten Kontakt stellte Nationaltrainer Michael Biegler her. Der stand ihm schon mal als Coach zur Seite. In der Saison 2008/'09 in Magdeburg war das.

Jurecki half mit

"Das Ganze haben wir mit Bartosz Jurecki ins Rollen gebracht", schilderte Rojewski bei SPORT1. Der Kreisläufer spielt seit 2006 beim SCM und bemühte sich offenbar intensiv für eine Berufung seines Teamkollegen.

"Die Gepräche wurden intensiviert und wir haben bei der IHF geprüpft, ob es möglich ist", erzählte Rojewski und sparte nicht mit Lob für seinen Magdeburger Kollegen. "Bartosz ist ja das Sprachrohr in der Mannschaft."

Beide bilden im Klub im Zusammenspiel der Achse Kreis-Halbposition ein kongeniales Duo, das sich blind versteht. Biegler dürft's freuen.

Wechsel regulär

Und den DHB? Generalsekretär Mark Schober erklärte, den Fall prüfen zu lassen. Laut IHF-Regularien dürfte dem Wechsel Rojewskis aber nichts im Wege zu stehen.

Ein Nationalspieler muss die Staatsbürgerschaft des betreffenden Landes besitzen. Rojewski ist gebürtiger Pole.

Und er darf drei Jahre vor dem ersten Einsatz kein Pflichtspiel für ein anderes Land bestritten haben. Die Partie gegen Island war ein Freundschaftsspiel.

Das letzte Pflichtländerspiel Rojewskis liegt damit fast sechs Jahre zurück.

Kretzschmar hat Verständnis

Eine lange Zeit des Wartens.

Unter anderem Stefan Kretzschmar kann seine Entscheidung deshalb nachvollziehen.

"Er hat die Chance, für eine große, ambitionierte Nation vielleicht noch einen Titel zu gewinnen. Er ist in diesem Land geboren und wurde in Deutschland schon lange nicht mehr nominiert - also: warum nicht?", meinte der SPORT1-Experte. Und traf damit den Kern der Sache.

Rojewski nannte die Aussicht auf Olympia in Rio 2016 und die Heim-EM in Polen 2015 als mitentscheidende Gründe für seinen Entschluss.

"Ein internationales Turnier im Geburtsland ist neben Olympia, das Größte und Schönste, was einem Sportler passieren kann", erklärt er auf seiner Facebook-Seite.

Ausgerechnet gegen Deutschland

Olympia hatte Deutschland zuletzt verpasst.

Und auch die Qualifikation für die WM in Katar 2015 misslang - gegen Polen. Nur dank einer höchstumstrittenen Wildcard wird das DHB-Team im Januar im Emirat mit dabei sein.

Dort trifft es ausgerechnet auf Polen. Dem DHB-Team droht ohne den Flensburger Glandorf einer von Weltformat auf Halblinks zu fehlen.

Fabian Wiede (20) von den Füchsen Berlin ist noch nicht so weit. Steffen Weinhold vom THW Kiel kann diese Position zwar spielen, muss aber mangels Alternativen oft in die Mitte ausweichen.

Polen dagegen hat jetzt einen weiteren solchen Spieler. Einen, der es auch mit Links kann.

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