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Stefan Kretzschmar begleitet die WM 2015 für SPORT1 als Kolumnist und Experte © getty

Auch gegen den Topfavoriten der Gruppe lässt Deutschland es krachen. SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar ist nach dem Remis gegen Dänemark begeistert von der Mischung in der Truppe.

Hallo Handball-Fans,

man muss bei all dem guten Gefühl nach dem 30:30 gegen Dänemark auch mal auf die Euphoriebremse treten. Es sind erst drei Spiele absolviert!

Dass wir gegen die Favoriten unserer Gruppe fünf Punkte mitnehmen, hätte keiner gedacht. Wir spielen wirklich einen sehr guten Handball. Ich bin positiv überrascht darüber, wie die Jungs den Ball laufen lassen und dass sie nicht typisch deutsch nur mit Kraft und einer Hau-drauf-Mentalität, sondern auch technisch anspruchsvoll spielen.

Aber ob das schon Weltklasse ist? Alle Favoriten tun sich bisher schwer. Frankreich spielt unentschieden gegen Island und Dänemark gegen uns. Polen und Spanien haben sich auch nicht mit Ruhm bekleckert.

Bleibt die Frage: Was ist drin? Wir müssen unbedingt Erster oder Zweiter werden, um Frankreich und den überraschend starken Schweden aus dem Weg zu gehen. Das Ziel muss deshalb sein, die anderen beiden Mannschaften auch noch zu schlagen (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Argentinien ist sehr unangenehm. Saudi-Arabien muss man aber besiegen. Ich lasse mich nicht dazu hinreißen, das Halbfinale zu fordern. Wir müssen sehen, wer im Achtel- oder Viertelfinale kommt.

Dennoch: Wir sind tonangebend in dieser Gruppe. Deswegen hoffe ich, dass die Jungs weiter solch attraktiven Handball bieten und vor allem die Leute zuhause begeistern. Wenn man sieht, was in den sozialen Netzwerken los ist und wer sich alles dafür interessiert, dann ist es großartig für den deutschen Handball, was die Jungs bisher bewegt haben.

Mit Benedikt Höwedes und Hans Sarpei haben zwei absolute Social-Media-Monster aus dem Fußball meinen Post vom Dienstag geteilt. Es ist super, dass wir uns in der Gunst der Zuschauer zurückarbeiten.

Die erste Sieben spielt überragend: Martin Strobel zeigt auf der Mittelposition eine tolle Weltmeisterschaft, Paul Drux ist auf der Halbposition unfassbar. Steffen Weinhold ist für mich aber der wichtigste Mann. Wir haben zudem einzelne Spieler, die uns punktuell besser machen.

Stefan Kneer rackert etwa in der Abwehr. Und Mimi Kraus kann noch wichtig werden in diesem Turnier. Ein Spieler, der unberechenbar ist.

Dennoch befürchte ich, dass wir einen kleinen Bruch bekommen, wenn die erste Sieben nicht auf dem Feld steht. Wenn der erste Rückraum fehlt, merkt man das. Michael Müller ist zum Beispiel nicht auf einem Niveau eines Steffen Weinhold, der durch dieses Turnier geht, als würde er schon ewig auf diesem Niveau spielen.

Da nimmt sich aber keiner wichtig, die unterscheiden nicht zwischen erster und zweiter Sieben. Weinhold geht natürlich voran. Jedes Mal flach in der Luft zu liegen und einen solchen Wurf abzufeuern - ich weiß gar nicht, wo er das gelernt hat. Hat der mal Wrestling gemacht?

Wenn man nur einmal sieht, wie die Kreisläufer sich vorne reinlegen und aufreiben: Diese Mannschaft ist eine einzige Kampfmaschine - aber nicht nur, sie sind auch Spielmäuse.

Dagur Sigurdsson hat zudem ein gutes Bauchgefühl, was die Keeper betrifft. Er entscheidet intuitiv. Die Einwechslungen sind ohnehin seine Stärke. Das hat immer Hand und Fuß. Auch, was das Taktische betrifft. Eine 5:1-Deckung zu spielen und trotzdem Mikkel Hansen wegzunehmen, sprich eigentlich eine 4:2 zu spielen, hat den Dänen ganz schön weggetan.

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Sigurdsson ist dafür bekannt, etwas selber zu entwickeln und seine eigene Linie zu fahren. Und das merkt man dieser Mannschaft auch an. Für mich ist wichtig bei diesem Turnier, wie sich die Mannschaft präsentiert. Und das ist grandios. Die Leute sind begeistert, ich bin begeistert.

Ich sehe eine Entwicklung bei der Mannschaft. Als es 28:28 steht, verlieren wir dieses Ding nicht, sondern sind ebenbürtig in dieser Situation. Jetzt kommt Argentinien. Das ist eine unangenehme Mannschaft. Sie spielen sehr dynamisch mit vielen Showeffekten, lassen sich viel fallen und schinden so zwei Minuten.

Aber sie haben unter anderem mit den Simonet-Brüdern schnelle und spielerisch überzeugende Leute. Körperlich ist es das erste Spiel, in dem wir vielleicht stärker sind als der Gegner. Sie werden unangenehm zu spielen sein. Deswegen werden wir erstmals der Favorit sein.

Ich bin gespannt, wie die Mannschaft mit so einer Herausforderung umgeht. Ich würde deswegen auch nichts abschenken und arrivierten Kräften gleich eine Pause gönnen. Besser ist, immer erst abzuwarten, wie das Spiel läuft. Dennoch gilt es auch Kräfte fürs mögliche Achtelfinale zu schonen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" während der WM regelmäßig vor Ort das Geschehen in Katar.

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