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Stefan Kretzschmar lobt Patrick Groetzki
SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar hebt Patrick Groatzki heraus © SPORT1

Der WM-Modus kann trügerisch sein. SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar schätzt daher eine deutsche Qualität besonders. Außerdem fällt er ein besonderes Urteil über Patrick Groetzki.

Hallo Handball-Fans,

Kräfte schonen ging gegen Argentinien gar nicht, weil wir in der ersten Halbzeit noch zurücklagen. Dann war wieder eine Ansprache von Dagur Sigurdsson nötig, um eine Reaktion in der zweiten Halbzeit zu zeigen.

Zum Glück haben wir es am Ende des Spiels umgebogen und souverän gewonnen. Argentinien war eine unangenehme Mannschaft, deswegen konnte man nicht mit angezogener Handbremse agieren. Bis auf die letzten fünf Minuten war es zu keinem Zeitpunkt des Spiels sicher, dass wir das Spiel gewinnen würden.

Jetzt gehen natürlich alle davon aus, dass Deutschland Saudi-Arabien am letzten Gruppenspieltag schlagen wird. Aber das muss die Mannschaft erst einmal schaffen, kann sich keine Niederlage leisten, wenn sie Gruppensieger werden will (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Auch dieses Spiel wird deswegen so angegangen, als würde man gegen Frankreich oder Spanien spielen. Ich erwarte die beste Formation zu Beginn. Wenn Deutschland sich im Spiel dann absetzt, könnte man durchwechseln und Stammkräfte schonen.

Das große Ziel ist der Gruppensieg - wobei, wenn ich mir Gruppe C ansehe, wüsste ich nicht, gegen wen ich am liebsten spielen würde. Es ist unfassbar, wer dort wen schlägt und wie stark jede Mannschaft auftritt. Tschechien kann Gruppenvierter werden, es kann aber auch Ägypten sein oder Island. Zu Beginn der Gruppenphase hätte ich gesagt, dass die Tschechen den schwächsten Eindruck machen. Jetzt schlagen sie aber Island mit elf Toren, was ihnen natürlich einen Kick gibt.

Ägypten ist auch ein sehr unangenehmer Gegner, sie spielen unorthodox und ungewohnt für uns Europäer. Island hat auch schon gegen Frankreich unentschieden gespielt. Das heißt: Die Frage nach dem Achtelfinalgegner ist sehr schwierig. Am wichtigsten ist es daher, ungeschlagen als Gruppenerster weiterzukommen. Das gibt Selbstvertrauen.

Unter den früheren Turniermodi wäre die Ausgangslage jetzt ideal, weil Deutschland so viele Punkte wie noch nie in die Zwischenrunde mitnehmen würde. Mit dem K.o.-System ist es völlig egal, wie viele Punkte man in der Vorrunde gesammelt hat. Wenn du das Achtelfinale verlierst, war alles umsonst.

Wir sind alle sehr glücklich über die Vorrunde, aber jetzt gibt es nur noch Endspiele. Ob Deutschland ins Halbfinale kommen kann, ist abhängig von den Gegnern, die dann kommen. Die Erkenntnis aus der Vorrunde ist aber: Wir müssen uns vor keinem Gegner in die Hose machen.

Auch die großen Favoriten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Andererseits ist es aber auch möglich, gegen Ägypten zu verlieren. Wer ins Achtelfinale kommt, kann auch über sich hinauswachsen, man selbst kann einen schlechten Tag erwischen. Die wichtigste Erfahrung für unsere Jungs war: Sie behalten die Nerven, auch in kritischen Situationen.

Im deutschen Tor ist Carsten Lichtlein eine Bank. Das Gespann mit Silvio Heinevetter passt sehr gut; auch weil sie so unterschiedlich sind. Außerdem gefällt mir die Art, wie Sigurdsson hier wechselt. Gegen Argentinien ließ er Lichtlein durchspielen, in den Spielen davor hatte er Heinevetter den Rücken gestärkt.

Ich habe noch als Spieler Lichtleins Anfangszeit in der Nationalmannschaft erlebt. Damals hat er sich nie beklagt und immer auf seine Chance gewartet, ist immer positiv geblieben. Deswegen hat er diese Spielzeit jetzt verdient. Seine Leistungen zeigen: Er ist in einer sehr guten Verfassung.

Ein anderer sehr positiver Fall ist Paul Drux. Der letzte 19-Jährige, bei dem ich eine solche Konstanz gesehen habe, war Nikola Karabatic. Man sollte Paul aber den Gefallen tun, diesen Vergleich nicht zu ziehen. Die Beispiele Drux oder auch Erik Schmidt zeigen: Wir haben sehr gute junge deutsche Spieler, nur haben wir oft Angst, sie in den Vereinen auch einzusetzen.

Es muss nicht immer der dritte slowenische Kreisläufer sein, den man einem deutschen Talent vorzieht. Auch Spieler wie Jens Schöngarth oder Fabian Böhm können führende Rollen einnehmen. Ich hoffe, dass sich die Bundesliga-Manager das genau ansehen.

Auch Martin Strobel spielt ein sensationelles Turnier. Er zeigt die Abgeklärtheit, die wir von ihm immer erwartet haben. Es hat bei ihm oft am Selbstvertrauen gefehlt. Aber hier ist er der Mittelmann, der die Fäden zieht.

Und das mit ganz wenigen technischen Fäden. Er ist in dieser Mannschaft Mr. Zuverlässig. Dabei wird er selbst immer torgefährlicher und nimmt sich auch mal den beidbeinigen Sprungwurf oder den Wurf aus dem Lauf.

Ich hoffe nur, dass unsere erste Rückraumreihe das Turnier konditionell durchsteht. Das könnte ein Fragezeichen sein. Drux, Strobel und Weinhold gehen an ihre Grenzen.

Bei Patrick Groetzki  ist eine deutliche Entwicklung zu sehen. Früher hatte er auch mal eine falsche Wurfauswahl. Erfahrungen wie das WM-Viertelfinale vor zwei Jahren in Spanien gegen Spanien oder die Champions League mit den Rhein-Neckar Löwen haben aber auch ihn wachsen lassen. Von der Athletik her und dem Wurfrepertoire ist er der beste Mann, den wir in Deutschland haben.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" während der WM regelmäßig vor Ort das Geschehen in Katar.

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