vergrößernverkleinern
Stefan Kretzschmar und Uwe Gensheimer
SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar erfreut sich weiter an der deutschen Mannschaft um Uwe Gensheimer © SPORT1

Dank des deutschen Erfolgs bei der Handball-WM spürt SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar international gewachsenen Respekt. Die Weltspitze ist nah.

Hallo Handball-Fans,

sind wir jetzt wieder wer? Wir sind auf jeden Fall im Viertelfinale, das ist schon mal etwas.

Es ist nicht so, dass wir vor zwei Jahren in Spanien nicht auch im Viertelfinale gewesen wären. Damals sind wir nur leider auf den Gastgeber getroffen - wie im Übrigen jetzt auch.

Aber der Gastgeber hieß damals Spanien. Unsere Chancen sind dieses Mal gegen Katar größer.

Wie wir uns präsentiert haben und wie uns auch andere Nationen wahrnehmen, lässt Grund zur Hoffnung, dass wir uns wieder Respekt in der Welt verschafft haben. Viele sehen in Deutschland die spielstärkste Mannschaft des Turniers. Bis jetzt können wir auf jeden Fall stolz sein.

Was Carsten Lichtlein beim Achtelfinal-Sieg gegen Ägypten gezeigt hat, war weit entfernt von dem, was andere Torhüter bislang gespielt haben: Sicher auch für ihn eines der Spiele seines Lebens.

Die Ägypter wussten nicht mehr, was sie machen sollten. Er war ein um Lichtjahre entfernter Torwart. Ohne die letzten paar Minuten hätte er über 60 Prozent der Bälle auf sein Tor gehalten. Das war eine herausragende Torhüterleistung.

In den ersten 15 Minuten dachte ich noch: Um Gotteswillen, wie knacken wir dieses ägyptische Bollwerk?

In dieser Phase haben die Ägypter unfassbar gut verteidigt. Dann aber haben wir das auf so clevere Art auseinandergespielt, dass wir den Willen der Ägypter nach relativ kurzer Zeit gebrochen hatten. Und wir haben die vielen Zeitstrafen gegen Ägypten gut ausgenutzt.

Wieder mit einem tollen Rückraum: Weinhold, Strobel und Drux funktionieren fantastisch. Groetzki hat eine tolle Partie gespielt, und man darf auch nicht vergessen, wie die Kreisläufer geackert haben.

Es war ein sehr körperbetontes und hartes Spiel, aber nie unfair. Es ist auch eine Qualität unserer Mannschaft, dass wir einen solchen Kampf annehmen und das Spiel dominieren. Wir haben die Zuschauer recht früh aus dem Spiel genommen. Die Halle ist nochmals explodiert, als Ägypten von acht auf sieben Tore Rückstand verkürzt hat - das muss man sich mal überlegen.

In den letzten Spielen ist die deutsche Selbstsicherheit gewachsen. Wir wissen, dass wir brenzlige Situationen überstehen können und was wir spielerisch drauf haben. Und vor allem: Wir wissen, dass wir uns auf unsere Abwehr und unsere Torhüter verlassen können.

Wir haben eine sehr athletische Abwehr: Dort hat Dagur Sigurdsson die richtigen Leute nominiert mit Schmidt, Pekeler, Wiencek oder Müller. Dagegen hatten die Ägypter körperlich nichts zu setzen.

Bei dem Spielverlauf war Sigurdssons Taktik wieder gut gewählt, auch was die Wechsel betrifft. Am Ende konnte er die erste Sieben dann durchatmen lassen. Das ist von außen beeindruckend zu beobachten. Er geht mit großer Ruhe in die Auszeiten und sagt auch den Bankspielern immer wieder, was er gesehen hat.

Wir dürfen jetzt auch davon träumen, Katar zu schlagen. Das ist ein realistisches Ziel. Wir dürfen dieses Spiel aber nicht bis zum Ende offen gestalten. Denn dann werden die Schiedsrichter kaum auf unserer Seite sein. Ich hoffe, dass die Schiedsrichter gar nicht in die Gefahr kommen, am Ende eingreifen zu müssen.

Wer dann im Halbfinale steht, hat auch das nötige Selbstvertrauen. Ich gebe vielen Experten Recht: Ich habe keine Mannschaft gesehen, die so viel besser spielt als wir. Zunächst wäre aber schon das Halbfinale ein Riesenerfolg für unsere Mannschaft (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Wann waren wir zuletzt derart zufrieden mit einer deutschen Mannschaft? Nicht nur vom Ergebnis, sondern auch handballerisch? Ich sehe, dass die Meinung in der Heimat immer noch gespalten ist unter den Fans. Aber Deutschland hat absolut seine Daseinsberechtigung bei dieser Weltmeisterschaft. Mehr noch: Wir gewinnen im Ausland viele Sympathien zurück.

Unterschätzen darf man den Gastgeber trotzdem auf keinen Fall. Sie haben gute Spieler mit Markovic halbrechts oder Capote halblinks, die Torgefahr ausstrahlen. Mit Stojanovic und Saric haben sie zudem ein grandioses Torhüterduo.

Wir müssen deshalb sehr abgeklärt agieren und dürfen die Emotionen nicht hochkochen lassen.

Ich erwarte morgen eine volle Halle, auch wenn man die Jubelgewohnheiten der Kataris durchaus gewöhnungsbedürftig finden kann: Das ist eher eine organisierte Klatschparty, als dass es etwas mit Emotion zu tun hätte. Im Gegensatz dazu herrschte gegen Ägypten südländische Atmosphäre.

Unsere drei Aufgaben gegen Katar sind also: Emotion ausschalten, aggressiv zu Werke gehen gegen die katarischen Haupttorschützen und die Schiedsrichter nicht ins Spiel kommen lassen.

Ich hoffe, dass die Jungs genügend Körner haben. Im Idealfall warten jetzt noch drei Spiele bis ins Finale. Da denkt keiner daran, Kräfte zu schonen und merkt auch keine Wehwehchen. Deshalb wird die Mannschaft das durchstehen, auch wenn sie mal Schwächephasen haben wird.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" während der WM regelmäßig vor Ort das Geschehen in Katar.

teilentwitternsammelnE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel