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SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar setzt große Hoffnungen in Rune Dahmke © SPORT1

SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar vertraut dem einzigen Linksaußen im deutschen Kader. Auch im Rückraum sieht er großes Potenzial. Der Teamcheck zur EM.

Hallo Handball-Fans,

das deutsche Ziel bei der EM muss in meinen Augen sein, zunächst die Hauptrunde zu erreichen und dort mindestens Dritter zu werden. Damit hätte man das Spiel um Platz fünf erreicht. Das wird schwierig genug, halte ich aber für realistisch. Es wäre ein Schritt nach vorne nach Platz sieben bei der WM 2015, und darum geht es ja.

In den Kampf um die Medaillen einzugreifen, ist auch möglich, doch dafür muss schon vieles passen.

(Training Heroes: Kretzsche macht Dich fit!)

Wir haben eine sehr interessante, variable Mannschaft, auch in Hinblick auf die nächsten Jahre. Wir sind nicht von einem Spieler abhängig, haben viele talentierte Nachwuchsleute – auch endlich mal wieder im Rückraum. Das Team wirkt auf mich homogen und gefestigt. Ich sehe uns nicht viel schlechter als die absoluten Spitzenmannschaften. An guten Tagen sind wir in der Lage, fast jeden zu schlagen.

TOR (Carsten Lichtlein/Andreas Wolff): Traditionell sind wir hier gut besetzt und müssen uns auch dieses Jahr keine Sorgen machen. Natürlich ist es ungewohnt, Silvio Heinevetter nicht dabei zu haben. Ich mag ja seine Art, gerade bei großen Turnieren, sich in die Köpfe des Gegners zu spielen. Aber sportlich lässt sich gegen die Nominierung nichts sagen. Lichtlein und Wolff spielen beide eine tolle Bundesliga-Saison, das sind zwei super Torhüter. "Lütti" ist dabei verdient die Nummer eins - endlich. Das freut mich wirklich sehr für ihn nach all den Jahren. Wolff ist sehr talentiert, hat in Wetzlar reihenweise Gegner zur Verzweiflung gebracht. Allerdings fehlt ihm jede internationale Erfahrung. Das ist nicht ohne Risiko.

LINKSAUSSEN (Rune Dahmke): Wahnsinn, was auf der Position passiert ist! Jahrelang ist der linke Flügel eine Domäne der Deutschen, mit Uwe Gensheimer haben wir den Besten der Welt. Und jetzt fallen sie alle aus und wir haben "nur" Rune. Andererseits finde ich es geil für einen jungen Spieler wie ihn, dass er jetzt der Stern werden kann. Er kann befreit und ohne Sorgen aufspielen - es gibt nur ihn. Und er hat beim THW die Messlatte schon recht hoch gelegt, auch international. Ich bin hundertprozentig überzeugt: Er wird das meistern, sofern er verletzungsfrei ist.

RÜCKRAUM LINKS (Christian Dissinger/Steffen Fäth/Finn Lemke): Dissinger ist für mich die Überraschung der Saison. Seine Entwicklung beim THW wurde nun auch mit der Vertragsverlängerung belohnt. Und er kann es nicht nur im Verein, wie wir in der Vorbereitung gesehen haben. Da sieht man, was Selbstvertrauen bei einem jungen Spieler ausmacht. Er ist eine echte Größe geworden und könnte der Überflieger für Deutschland bei der EM werden. Auch Fäth hat sich toll verbessert, gerade im Zusammenspiel mit dem Kreis. Daher setzt ihn Dagur Sigurdsson auch vermehrt auf der Mitte ein. Dazu Finn Lemke, der einfache Tore beisteuern kann - das ist ein richtig guter Rückraum. Ich kann mich an Jahre erinnern, wo wir nicht ansatzweise so viel Talent auf dieser Position hatten.

RÜCKRAUM MITTE (Martin Strobel/Niclas Pieczkowski/Simon Ernst): Strobel ist für mich der Kopf der Mannschaft. Er hat das Spiel verstanden, spielt sehr ruhig, aufgeräumt, ohne viele Fehler. Das braucht diese junge Mannschaft, einen erfahrenen Anführer, der auch Torgefahr ausstrahlt. Pieczkowski ist die Young Gun, geht mehr Risiko, zeigt eine starke Dynamik. Ernst hat seine Stärken in der Abwehr und ist Backup. Mit Fäth und auch Steffen Weinhold gibt es weitere Variationsmöglichkeiten. Ich sehe uns auf der Mitte gut besetzt.

RÜCKRAUM RECHTS (Steffen Weinhold/FabianWiede): Weinhold ist mein Lieblingsspieler und die uneingeschränkte Leitfigur. Unser gefährlichster Mann, der sich bedingungslos in die Zweikämpfe wirft. Mit Wiede ist das ein ganz starkes Paket, er hat zu einer tollen Form gefunden in Berlin. Vielleicht haben wir auf dieser Position sogar weltweit in der Breite das beste Spielermaterial. Danach hätten sich selbst die Franzosen jahrelang die Finger geleckt.

RECHTSAUSSEN (Tobias Reichmann/Johannes Sellin): Zwei sehr gute Optionen. Wie auf Links würden wir auch hier mit dem verletzten Patrick Groetzki auf einem anderen Niveau spielen. Aber Reichmann hat in Kielce Champions-League-Erfahrung gesammelt und sehr hohe Athletik, Sprungkraft, Wurfvariabilität. Sellin hat auch ein super Repertoire und ein starkes Umschaltspiel aus der Abwehr in den Angriff. Er ist fast noch ein Stück abgezockter, dem würde ich bedingungslos beim letzten Wurf die Verantwortung geben. Nervlich sehe ich da bei beiden keine Probleme, dass sie dem Druck nicht gewachsen sein könnten.

KREIS (Hendrik Pekeler/Erik Schmidt/Jannik Kohlbacher): Schmidt ist ein sehr guter Abwehrspieler, der sich auch vorne gemacht hat. Stabiler Körper, ruhiger Typ, guter Charakter. Pekeler hat seine Stärken ebenfalls in der Deckung. Kann super in der 5:1 vorne spielen, verschiebt gut, erkennt die Abläufe früh. Ein mitdenkender, spielerischer Kreisläufer. Kohlbacher ist die Überraschung, in jungen Jahren mit einem super Körper ausgestattet. Für mich ist er offensiv am stärksten, da setzt er sich phänomenal durch. Aber es ist sein erstes großes Turnier, dem Jungen muss man also einiges verzeihen. Aber das ist schon ein Trio, mit dem wir sehr gut leben können.

TRAINER (Dagur Sigurdsson): Mich begeistert der Bundestrainer. Er schöpft natürlich aus dem Vollen, geht aber mit immer neuen, jungen Spielern auch das entsprechende Risiko. Früher gab es Stammformationen, man setzte auf Spieler, die sich jahrelang bewährt hatten. Sigurdsson zeigt Mut, und nun sieht man die Früchte der Arbeit, seiner Kreativität. Er hat sich tolle Variationsmöglichkeiten geschaffen. Wir haben nicht nur eine erste Sieben, mit der das ganze Turnier steht und fällt. Wenn Sigurdsson sagt, Deutschland ist für ihn eine der interessantesten Mannschaften weltweit, auch was die nächsten Jahre angeht, dann nehme ich ihm das absolut ab. Er gibt mir Hoffnung.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 42, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" wöchentlich in seiner Kolumne das Handball-Geschehen.

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