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Nürnberg - Senkrechtstarter Andreas Wolff steht sinnbildlich für den Erfolg der deutschen Handballer. Er weiß, den Hype zu nutzen, mahnt aber auch zur Bodenhaftung.

Ein Phänomen ist schwer zu greifen. Andreas Wolff ist unumstritten eines. Das wissen seit dem sensationellen EM-Triumph der Nationalmannschaft in Polen Millionen Deutsche. Und der Hexer, Hüne, Handball-Held bastelt weiter an seiner Aura.

Wolff war gar nicht auf dem Feld am Freitagabend beim All Star Game der DKB Handball-Bundesliga, da zog an seiner statt DHB-Mannschaftsarzt Dr. Kurt Steuer im grellgelben Torwart-Trikot mit der Nummer 33 die Blicke auf sich.

Erst verwandelte er - wenn auch eher mühevoll - einen Strafwurf, dann parierte er unter dem Jubel der 7622 Fans in der ausverkauften Nürnberger Arena noch einen Ball.

Es war eine von zahllosen lustigen Anekdoten in dem Showmatch, in dem sich die besten Spieler der Eliteliga mit dem Sensation-Europameister ein munteres Schützenfest lieferten. 36:36 hieß es am Ende nach diversen Kempa-Tricks und Kunstwürfen.

Knallharte Analyse

Das Ergebnis war natürlich völlig egal, ging es doch darum, den Fans eine gute Show zu bieten und den EM-Helden eine Chance, sich noch einmal ordentlich feiern zu lassen.

Und doch analysiert Wolff die Szene hinterher bierernst. "Diese Einwechslung hat auf jeden Fall etwas gebracht. Er hat einen Ball gehalten, 50 Prozent Quote", lobt er im Gespräch mit SPORT1, ohne mit der Wimper zu zucken: "Dadurch haben wir Unentschieden gespielt. Bester Torhüter am heutigen Tag. Da muss man seinen Hut ziehen."

So spricht das neue Gesicht des deutschen Handballs. Der erst 24-jährige Wolff steht mit seiner erfrischenden, offensiven und gleichzeitig pragmatischen Art sinnbildlich für die Qualitäten, mit denen die Mannschaft die Sportnation während der EM in ihren Bann gezogen hat.

Unheimlicher Aufstieg

Sein raketenhafter Aufstieg ist fast unheimlich. Zur Erinnerung:  Seine Nominierung an Stelle Silvio Heinevetters kam überraschend. Internationale Erfahrung? Gleich Null. Doch im Turnier wuchs Wolff, am Ende zum besten Torhüter der EM gekürt, über sich hinaus, ließ die Weltelite verzweifeln mit seinen Paraden und wurde zum Garanten für den Titel.

Kein Wunder, dass Wolff, ein Berg von einem Mann (1,98 m / 105 kg) von den Fans mächtig gefeiert wurde. Tenor im Netz: Dieser Mann kann alles halten.

"Stört mich überhaupt nicht, ist doch lustig", sagt der "Handballwolff", wie er auf Twitter heißt.

Den Hype nutzen

Doch der Hype geht auch an die Substanz. Am Freitag war Wolff der letzte Spieler, der noch auf dem Feld stand und die unzähligen Autogrammwünsche erfüllte. "Es ist auf jeden Fall sehr viel stressiger als vorher. Mein Bett habe ich noch nicht so häufig gesehen", sagt er: "Und man merkt, dass man auf der Straße häufiger angesprochen wird. Aber es ist eben gut für den deutschen Handball, deshalb mache ich das auch gerne mit."

Er kostet den Erfolg aus, mahnt jedoch, sich nicht auf dem Gipfel  auszuruhen. "Wir sollten bodenständig bleiben. Ich möchte nicht, dass das eine Eintagsfliege war. Deshalb wichtig, jetzt noch härter zu arbeiten."

Zwischen den Pfosten mit seinem Verein, der HSG Wetzlar, die am nächsten Samstag beim HBW Balingen-Weilstetten wieder in die Liga startet. Im Kampf um die Tickets für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro im August, für die die DHB-Auswahl nun sicher qualifiziert ist. Und als neues Zugpferd der Sportart in der rasant erlernten Rolle als PR-Profi.

Doppelpass als krönender Abschluss

Ein TV-Termin jagte zuletzt den anderen, am Samstag geht es für die Mannschaft zum Ball des Sports und ins Aktuelle Sportstudio. Wolffs Fernsehwoche gipfelt dann mit dem Auftritt im Volkswagen Doppelpass am Sonntag (11 Uhr LIVE im TV und in unserem Sportradio SPORT1.fm). "Ich bin ein wahrer Fußballexperte", so Wolff: "Ich weiß, dass die Bayern immer Meister werden - und das als Bayern-Fan."

Auch das war natürlich nicht ernst gemeint. Man darf sich also auf den einen oder anderen Spruch gefasst machen, den Wolff am Fußball-Stammtisch mit unbewegter Miene loslässt.

Und auch danach wird der Keeper, der im Sommer zum THW Kiel, dem FC Bayern des Handballs, wechselt, Deutschlands Sportfans noch beschäftigen. "Ich schwebe auf einer Wolke, auf einem Dauerhoch", sagt das Phänomen Wolff unumwunden: "Und ich habe Hunger auf noch mehr."

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