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Bob Hanning ist seit 2005 der starke Mann der Füchse © SPORT1-Grafik: Paul Haenel / Getty Images

München - Der DHB-Vizepräsident spricht bei SPORT1 über den Führungszoff im Verband, Bundestrainer Sigurdsson und das Kreieren von Helden. Eine Medaille in Rio sei kein Muss.

Er ist eine der umtriebigsten Figuren im deutschen Handball und wohl auch deswegen eine der umstrittensten.

Bob Hanning, Vizepräsident des DHB und Manager des Klub-Weltmeisters Füchse Berlin, versteht sich als Reformer, doch Handball-Ikone Heiner Brand beurteilt den 48-Jährigen als machtgierigen Narzisten

Im Machtkampf um die DHB-Spitze setzte sich Hanning - obwohl ihn angeblich einige Landesfürsten absägen wollten - durch und verhinderte eine neue Amtszeit von Bernhard Bauer.

Stattdessen ist seit September 2015 Andreas Michelmann Präsident und derjenige, der vier Monate später an Hannings Seite Deutschlands EM-Triumph in Krakau feierte. 

SPORT1: Herr Hanning, gut dreieinhalb Monate nach dem sensationellen EM-Titel: Was hat sich verändert?

Hanning: Die Handball-Welt schaut anders auf uns. Für mich ist nach wie vor das Schönste, dass man sich mit uns gefreut hat. Ob du mit dem spanischen Verbandspräsidenten sprichst oder mit den Kroaten - uns kommen Respekt und Anerkennung entgegen für diesen Weg, den wir eingeschlagen haben.

SPORT1: Und hierzulande?

Hanning: Die Wertschätzung, die Aufmerksamkeit und die Popularität sind eine ganz andere. Viele Jugendliche wollen wieder Handball spielen. Man muss aber auch kritisch sagen, dass wir in Berlin beispielsweise an dem Erfolg überhaupt nicht richtig partizipieren können, was den Kinder-  und Jugendhandball angeht. Unsere Vereine in Berlin können niemanden mehr aufnehmen, weil die Hallen mit Flüchtlingen gefüllt sind. Von daher wird es in Berlin diese Entwicklung nicht geben können, die wir uns alle wünschen. Wobei das in dem Kontext natürlich das deutlich kleinere Problem ist.

SPORT1: Dagur Sigurdsson wurde gefeiert wie ein Heilsbringer - ist er es?

Hanning:  Dagur hat dem Handball unglaublich viel gegeben, das ist völlig unstrittig. Er hat aber auch stark davon profitiert, dass die Arbeit der Leistungszentren in der HBL eine Vielzahl von Spielern herausgebracht hat, mit denen er arbeiten konnte. Er hat es geschafft, die Kräfte zu bündeln und mit dem Titel der "Bad Boys" etwas zu kreieren, hinter dem sich alle versammeln konnten. Das ist ihm in herausragender Art und Weise gelungen, von daher ist er der größte Schlüssel zu diesem Erfolg. Es bedarf jedoch vieler Schlüssel. Damit meine ich die Vereine und auch den DHB, der über das von Wolfgang Sommerfeld (DHB-Sportdirektor, Anm. d. Red.) eingeführte Elite-Förderprogramm seinen Beitrag geleistet hat.

SPORT1: Es gab auf dem Weg zum Triumph viel Unruhe im Verband. Sind die Streitereien nun Geschichte?

Hanning: Wenn man Verbandsarbeit macht, dann darf man nicht von einer Sache leben, sondern muss für eine Sache leben. Man hat zu dienen. Es braucht Charakter, um in gewissen Situationen Dinge zu entscheiden, die auch mal gegensätzlich zur weitläufigen Meinung sind. Das habe ich mit hundertprozentiger Konsequenz getan. Natürlich war die Situation des Konflikts im letzten Jahr für den Handball nicht erträglich. Aber das ist jetzt Geschichte.

SPORT1: Inwiefern hat Sie die steile Entwicklung danach überrascht?

Hanning: Vielleicht war dieser Streit, ich will es mal Brandstiftung nennen, gar nicht schlecht. Er hat dazu geführt, dass die jetzige Führungsspitze sehr eng zusammengerückt ist. Wir waren der Meinung, gemeinsam etwas bewegen zu müssen. 

SPORT1: Die wenigsten Europameister werden von der breiten Masse auf offener Straße erkannt. Was kann man in der Vermarktung noch besser machen?

Hanning: Der Sport lebt immer von Gesichtern, die medial verkaufbar sind – das ist gar keine Frage. Andi Wolff ist einer der Spieler, die das können. Uwe Gensheimer ist auch einer. Du brauchst verschiedene Typen für verschiedene Zielgruppen.

SPORT1: Man muss sie aber auch aktiv verkaufen.

Hanning: Das kritisiere ich immer wieder bei mir im Verband. Mit einem Pressesprecher und einem Volontär kriegen wir das nicht hin. Sie machen wirklich einen tollen Job, aber wir brauchen eine Kommunikationsabteilung, die das Thema Handball jeden Tag bespielt. Das ist in der jetzigen Situation mit nur einem Mitarbeiter gelinde gesagt nicht einmal Drittliga-Niveau. Das kann es nicht sein. Wir müssen jetzt anfangen, weiter zu wachsen.

SPORT1:  Wo wollen Sie ansetzen?

Hanning: Wir haben viele Baustellen. Das kann in so einem Verband auch gar nicht anders sein. Wir werden für Sponsoren immer interessanter. Aber genauso wie in der Liga dürfen wir das Geld nicht nur nehmen, um Spieler zu finanzieren, sondern müssen es auch in unsere Strukturen investieren. Der DHB hat noch unfassbar großen Nachholbedarf, um die Aufgabenstellungen in die richtige Richtung zu lenken.

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SPORT1: Auch die Liga muss kämpfen. Kiel steht als einziger deutscher Verein im Final Four der Champions League. Droht die DKB HBL ihren Status als stärkste Liga der Welt zu verlieren?

Hanning: Erst einmal finde ich es gut, dass nicht immer gleich zwei deutsche Vereine im Final Four stehen. Unser Problem ist, dass es in den internationalen Ligen ein bis zwei starke Vereine gibt. In Spanien hat man nur noch Barcelona. In Ungarn hast du Szeged und Veszprem, in Polen hast du Kielce. Mir wäre lieber, diese Länder hätten zehn Vereine auf gleichem Niveau. Je stärker die anderen Ligen, desto besser für uns. Der Sieg von Frisch Auf Göppingen (im EHF Cup, Anm. der Red.) hat einmal mehr gezeigt, wie stark unsere Liga ist.

SPORT1:Mit dem Nordderby hat sich der THW Kiel aus dem Meisterschaftsrennen verabschiedet. Lassen sich die Löwen das noch nehmen von Jäger Flensburg?

Hanning: Nein, das schaffen sie. Sie haben es in der Hand und keine Belastung mehr durch die Champions League.  Das ist auch gut und richtig so. Sie sind dran und haben es endlich einmal verdient.

SPORT1: Olympia rückt näher. Nach der Auslosung der Gruppen war der Tenor: absolut machbar. Auch ein Zeichen des neuen Selbstbewusstseins?

Hanning: Wir wissen, wie Erfolg funktionieren kann. Von daher kann man da schon von einem neu erarbeiteten Selbstvertrauen sprechen. Wir wollen in Rio ins Viertelfinale, das ist der Anspruch. Dann kommen jedoch schon Kroatien, Katar, Dänemark, Frankreich - und in diesen Spielen sind wir nicht Favorit. Das muss man realistisch sehen.

SPORT1:Gold 2020 war ursprünglich das Fernziel. Muss man dann nicht jetzt mehr wollen?

Hanning: Wir müssen gar nichts. Die Zielsetzung lautet nach wie vor, ein organisches Wachstum der Nationalmannschaft zusammen mit der Liga herzustellen. Ich habe immer gesagt, dass es auf dem Weg dorthin Rückschläge geben wird.

SPORT1: Bei Olympia werden wieder neue Helden aus anderen Sportarten geboren. Wie wichtig ist es, dass der Handball in Rio funktioniert?

Hanning: Ich freue mich über jeden Helden, der geboren wird – unabhängig von der Sportart. Olympia bedeutet, hinter Deutschland zu stehen. Auch da sollten wir nicht so kleingeistig denken. 

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