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Kiels Trainer Alfred Gislason sieht den Ruin den Handballs voraus
Kiels Trainer Alfred Gislason sieht den Ruin des Handballs voraus © DPA Picture-Alliance

Schon in Rio gelten fünf gravierende Änderungen. Den Bundestrainer plagen 1000 Gedanken, Kiels Coach befürchtet den Ruin des Handballs - und einen Vorteil für die Brutalen.

Neue Auslegung des Zeitspiels, Torwart als siebter Feldspieler, blaue Karte bei groben Verstößen: Am Freitag kommt es zur Regel-Revolution im Handball. Es treten fünf gravierende Änderungen in Kraft, nach denen schon bei den Olympischen Spielen in Rio gespielt wird. Die Reform sorgt für Unmut - auch bei den deutschen Europameistern. 

"Es ist ein etwas komischer Zeitpunkt für diese Änderungen mit den Olympischen Spielen vor der Brust", sagte Bundestrainer Dagur Sigurdsson Er habe sich bereits "Tausende Gedanken" dazu gemacht und werde die Mannschaft in den bevorstehenden Lehrgängen intensiv darauf vorbereiten.

Die modifizierte Satzung des Weltverbandes IHF gilt ab dem 1. Juli - und die Nationalmannschaften werden in Rio, ob gewollt oder nicht, zwangsläufig zum Versuchskaninchen.

"Natürlich ist es besser, wenn man sich bei solchen Änderungen erstmal zurücklehnen und schauen kann", sagte Sigurdsson und verkniff sich weitere Kritik, "das können nun die Vereinstrainer". Ursprünglich waren die neuen Richtlinien erst für Juli 2017 geplant.

Gislason: Wer knüppelt, profitiert

Weit weniger diplomatisch als sein Landsmann gibt sich Alfred Gislason. Der Trainer des deutschen Rekordmeisters THW Kiel bezeichnete die neuen Statuten als "komisch", sie könnten den "Handball ruinieren".

Mannschaften, so Gislason in den Kieler Nachrichten, die mit viel Härte spielen, "werden massiv bevorzugt. Insgesamt sehe ich eine Sabotage an unserer Sportart."

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Gravierendste Änderung ist die neue Regelung des Zeitspiels. Um zeitlich ausufernde Angriffe zu vermeiden, hat die Mannschaft in Ballbesitz nach der Anzeige des Vorwarnzeichens, gehobener Arm des Schiedsrichters, künftig nur noch maximal sechs Pässe Zeit, um den Torwurf vorzubereiten. Das Zählen der Pässe liegt bei den Schiedsrichtern.

Siebter Feldspieler ohne Leibchen 

Auch die übrigen Regeländerungen sorgen in der Szene für heftige Diskussionen. So kann ein Torwart in Zukunft als siebter Feldspieler eingesetzt werden, ohne wie bislang ein Leibchen tragen zu müssen. In diesem Fall darf er den eigenen Torraum allerdings nicht betreten.

Zudem muss ein verletzter Spieler, der auf dem Spielfeld medizinisch behandelt wird, künftig zwingend das Feld verlassen und darf erst nach drei abgeschlossen Angriffen seiner Mannschaft zurückkehren. Als einzige der neuen Regeln gilt diese nicht im Amateur- und Jugendbereich.

"Die IHF hat uns ein schönes Ei ins Nest gelegt", sagte Peter Rauchfuß, Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes (DHB), unmittelbar nach Bekanntwerden der Änderungen zu SPORT1, "die muss es ja nicht umsetzen. Sie sagen 'Wir spielen bei Olympia so. Nun macht mal!'"

Die Umsetzung hält er für verfrüht und "unausgegoren". "Man sieht, dass das Schnellschüsse sind. Die sind für meine Begriffe zu kritisieren", sagte Rauchfuß.

Zwingend Rot in den letzten Sekunden

Handball-Fans müssen sich zukünftig auch an die Blaue Karte gewöhnen. Sie wird vom Schiedsrichter nach dem Zeigen einer Roten Karte bei groben Verstößen nur dann gezückt, wenn ein schriftlicher Verweis in den Spielbericht aufgenommen wird.

Dann entscheidet die Disziplinarkommission im Nachgang des Spiels über weitere Maßnahmen.

Die fünfte und letzte Änderung betrifft die letzten 30 Sekunden eines Spiels. Begeht ein Spieler in diesem Zeitraum eine grobe Regelwidrigkeit oder unterbindet regelwidrig eine Wurfausführung, wird er direkt mit einer Roten Karte bestraft - und die andere Mannschaft bekommt einen Siebenmeter.  

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