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Carsten Lichtlein feiert nach dem Sieg gegen Ägypten bei der Handball-WM
Carsten Lichtlein spielt seit 2013 beim VfL Gummersbach © Getty Images

München und Doha - Er ist Frühaufsteher, kippt literweise Kaffee und redet viel: Auch dank seiner Eigenheiten hat es Carsten Lichtlein endlich nach oben geschafft. Gegen Katar wartet ein besonderer Vergleich.

Es gibt kein Bier in Katar, es gibt kein Bier. Das hat auch Dagur Sigurdsson festgestellt. "Nur Mineralwasser" werde es daher geben für Matchwinner Carsten Lichtlein nach dem 23:16 gegen Ägypten, sagte der Bundestrainer SPORT1.

Derartig Prozentiges fiele Deutschlands Handball-Torhüter Nummer eins ohnehin nie ein. "Ich möchte kein Bier. Kein Alkohol während der WM", stellte Lichtlein im Gespräch mit SPORT1 klar. "Ich hoffe, dass das so weitergeht, dann kann man nach der WM ein Bier zusammen trinken." Man glaubt ihm sofort, dass mit "einem Bier" tatsächlich ein Bier gemeint ist.

"Im Moment die Form meines Lebens"

Lichtlein wirkt beängstigend souverän. Seine aktuell herausragenden Leistungen lassen aber auch in ihm den Schelm von der Leine, wenn auch nur kurz. "Viertelfinaaale!", grölte es durch den Innenraum der Lusail Hall. Kaum hatten sich die Kollegen zu Lichtlein umgedreht, schwoll dessen Schalldämpfer im Kehlkopf schon wieder an.

"Ich hoffe, dass der Trainer mir das nicht übel nimmt", sagte er verschämt zu SPORT1 und bog sofort ab in Richtung Musterprofi: "Wir dürfen kurz glücklich sein, aber ab heute Abend stellen wir uns schon auf Katar ein." Immerhin: "Ich glaube, dass es im Moment die Form meines Lebens ist", brachte er heraus. Auch hier die schnelle Korrektur: Gibt es etwas, das er besser machen könnte? "Heute nicht, aber die erste Halbzeit gegen Dänemark", entfuhr es ihm.

Damals hielt erst Silvio Heinevetter Deutschland mit seinen Paraden im Spiel. Das hat Lichtlein nicht vergessen, auch nach so einem Auftritt. Lichtleins Geschichte ist die eines Wartenden. Oft auf der Bank in der Nationalmannschaft, manchmal sogar auf der Tribüne. Selbst vor dem Turnier in Katar war längst nicht klar, dass ihm die wichtige Spielzeit gehören würde.

Steuerfachangestellter Lichtlein

Sechs Spiele später bitten ihn Henning Fritz und Andreas Thiel an die Adelstafel deutscher Handball-Torhüter. Fritz etwa nannte ihn "Acht-Arme-Lichtlein". Womöglich stand ihm seine Nettigkeit lange im Weg. Einen Lichtlein setzt man als Trainer gern auf die Bank. Nicht dass das dem gebürtigen Würzburger gut gefiele, aber er machte nie Ärger.

Die wenigsten deutschen Handballer fallen durch Extravaganzen auf, doch selbst in diesem Umfeld sticht Lichtlein heraus mit seiner Bodenständigkeit. Frau, Kind, Hund sind ihm das Wichtigste. Und noch heute arbeitet er meist zwei Tage pro Woche als Steuerfachangestellter. Biedermännischer geht es nicht. Wenn er es mal krachen lässt, dann verletzt er sich den Finger bein Rasenmähen, wie vor zwei Jahren.

Kaffee, Kaffee, immer wieder Kaffee

In ein paar Jahren wird er aber erst zur Ruhe kommen. Bis dahin gilt: "Carsten ist ein absoluter Frühaufsteher. Sechs Uhr ist keine Seltenheit. Dann trinkt er erst mal 18 Kaffee, geht kurz aufs Zimmer die Zähne putzen, und dann sitzt er beim Frühstück, um wieder Kaffee zu trinken", sagt Teammanager Oliver Roggisch über seinen ehemaligen Zimmerkollegen. "Das hat mich manchmal verrückt gemacht."

Bei Lichtlein hört sich das dann so an: "In meinen Hardcore-Zeiten während der Ausbildung zum Steuerfachangestellten habe ich normalen schwarzen Kaffee mit einem doppelten Espresso getrunken."

Lichtlein und der Kaffee. Entsprechend holte Steffen Weinhold bei SPORT1 mit Blick auf Lichtleins Einlage nach dem Ägypten-Spiel aus: "Ich glaube, diesmal hat er noch ein koffeinhaltiges Getränk mehr getrunken als sonst." Wann immer es um den Gummersbacher geht, tanzen die Mundwinkel im deutschen Lager. Was für ein Typ! Gewissenhaft, konzentriert und im positivsten Sinn ein bisschen irre. Während und nach Spielen etwa quasselt er fast in einer Tour: "Ich muss über jede meiner Aktionen hinterher nochmal sprechen."

Duell der erfahrenen Torhüter

Der 34-Jährige ist der Erfahrenste im deutschen Kader. Gegen Katar stehen auf der anderen Seite zum ersten Mal in diesem Turnier Torhüter, die es mit seiner Routine aufnehmen können: Danijel Saric und Goran Stojanovic, jeweils 37. Trotz Kalibern wie dem Dänen Jannick Green Krejberg, dem Spanier Gonzalo Perez de Vargas oder dem Kroaten Filip Ivic treffen hier die stärksten Torhüter dieses Turniers aufeinander. Deren Vorteil: Sie sind zu zweit und teilen sich die Spielzeit gleichmäßiger als Lichtlein und Heinevetter, wobei Saric öfter auf der Platte steht.

Zwar beteuert Sigurdsson, Heinevetters großer Einsatz könne noch kommen, im Moment kommt es aber vor allem auf Lichtlein an. Zieht der sein Spiel durch, wird er kaum noch Minuten an der Seitenlinie verbringen bei diesem Turnier. Das deutsche Schicksal in Katar ist zunehmend an Lichtlein gebunden. Heinevetter kann zwar auf Anhieb heißlaufen als Einwechselspieler, nur mit Lichtleins Händen wird es aber wohl etwas mit der Medaille. Damit aus Kaffee endlich Bier werden kann.

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