SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar lobt nach dem Sieg gegen Russland die deutsche Geschlossenheit. Angst vor Übermut hat er nicht.

Hallo Handball-Fans,

am Sieg der deutschen Mannschaft gegen Russland hat mich am meisten überrascht, dass das Team in Stresssituationen absolut die Nerven behält. Das war schon gegen Polen beim Stand von 20:20 so, und gegen Russland hat sich das in der Schlussphase erneut gezeigt.

All das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Erstens wechselt Dagur Sigurdsson super ein und aus. Als er Mimi Kraus gebracht hat, hat der zwei wichtige Tore gemacht. Als er körperliche Härte brauchte, hat er Michael Müller gebracht, der Zwei-Minuten-Strafen rausgeholt hat.

Und auch die Hereinnahme von Carsten Lichtlein für Silvio Heinevetter hat sich noch einmal ausgezahlt.

Zweitens haben die Jungs mittlerweile auch einen Glauben an sich, der sie die entscheidenden Würfe eben nicht verwerfen lässt. Das ist ein großer Unterschied zu dem, was wir in den letzten Jahren von der Nationalmannschaft gesehen haben.

Dennoch hat das Team auch noch Luft nach oben. Sie können die Chancen noch konsequenter nutzen. Gerade Patrick Wiencek hat in der Anfangsphase zwei oder drei Möglichkeiten vom Kreis ausgelassen.

Er bewegt sich sensationell, aber im Abschluss ist er häufig zu nervös oder zu fehlerlastig. Das ist der einzige Punkt, wo wir noch nicht optimal unterwegs sind.

Trotzdem ist die Präsenz von Wiencek in Abwehr und Angriff Gold wert. Wie er im Angriff für die anderen arbeitet, die Sperren für die Mitspieler stellt und seinen Körper in Position bringt, ist hervorragend.

Eine echte Problemposition habe ich im deutschen Team ohnehin noch keine ausgemacht. Das deutsche Team verlagert das Spiel sehr gut und macht über halblinks viel Druck. Martin Strobel lässt den Ball gut laufen. Dadurch bekommt Steffen Weinhold viel Raum und die Möglichkeiten, in die Zweikämpfe zu gehen. 

Vor allem bin ich aber immer noch von Paul Drux begeistert. Der 19-Jährige spielt wie ein alter Hase, der fast jede Chance nutzt. Er ist nicht der dominante Spieler, was die Tore angeht, aber er reißt viele Lücken für die Mitspieler auf (DIASHOW: Der deutsche WM-Kader).

In der entscheidenden Phase habe ich mir dafür ein paar Sorgen um Uwe Gensheimer gemacht. So souverän wie er vorher aufgetreten ist, hat er am Ende Nerven gezeigt und in der Schlussphase zweimal ein bisschen gewackelt. Es hat sich zum Glück nicht negativ ausgewirkt - und bis dahin war er der überragende Mann.

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Auch Mimi Kraus war gegen Russland richtig wichtig. Er kommt aufs Feld und nimmt sich nach kurzer Zeit direkt einen Wurf. Dann rennt er zur Auswechselbank mit einer Mimik, die sagt: "Jungs, macht euch mal locker. Ich mach' das hier schon."

Positiv geisteskrank wie er manchmal ist. Er nimmt sich die Pille und haut das Ding rein. Und das macht er dann gleich noch ein zweites Mal.

Diese breite Brust tut der deutschen Mannschaft gut - und ich glaube auch nicht, dass das in Arroganz umschlagen wird. Selbstbewusst kann man mit 4:0 Punkten und zwei Siegen gegen unangenehme Gegner schon sein.

Polen und Russland muss man erst einmal schlagen. Das war im Vorhinein nicht zu erwarten (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Das ergebnisorientierte Spiel, das Dagur Sigurdsson vorgegeben hat, setzt die Mannschaft perfekt um. Daher kann das Team nach dieser Leistung auch selbstbewusst in die nächsten Partien gehen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Kretzsche

Stefan Kretzschmar, 41, ist seit 2009 als Experte und Co-Kommentator das Handball-Gesicht von SPORT1. Der neben Heiner Brand wohl bekannteste deutsche Handballer hat in 218 Länderspielen 817 Tore für den DHB erzielt, gewann unter anderem Olympia-Silber in Athen 2004. In der Bundesliga war der ehemalige Weltklasse-Linksaußen für den SC Dynamo Berlin, Blau-Weiß Spandau, den VfL Gummersbach und zuletzt den SC Magdeburg aktiv, mit dem er 2002 die Champions League gewann. Bei SPORT1.de analysiert "Kretzsche" während der WM regelmäßig vor Ort das Geschehen in Katar.

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