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Dagur Sigurdsson DHB-Team Bank
Dagur Sigurdsson gibt der deutschen Mannschaft eine Perspektive © imago

München - Viele junge deutsche Spieler haben bei der WM überzeugt. Die Entwicklung der Mannschaft fängt aber gerade erst an. Die Heim-WM ist dabei das große Ziel.

Wenn ein Satz mit "wenn" anfängt, kann die Sache rutschig werden. So äußerte sich SPORT1-Experte Stefan Kretzschmar vor zwei Jahren in seiner Kolumne: "Wenn Spanien geschlagen wird, ist auch der WM-Titel drin."

Eine damals berechtigte Annahme. Statt des Pokals folgten auf das Aus im WM-Viertelfinale aber 18 peinliche Monate für den deutschen Handball. Nach der WM in Katar stellt sich erneut die Frage: Was ist drin in absehbarer Zukunft?

Blick in die Zukunft macht Spaß

Als Siebter beendet Deutschland das aktuelle Turnier noch um zwei Plätze schlechter als 2013. Und doch macht der Blick in die Zukunft diesmal mehr Spaß.

Die deutsche Mannschaft hat sich innerhalb eines halben Jahres erst zum Gespött gemacht und dann den verlorenen Respekt zu einem großen Teil zurückgeholt.

Hilfreich dabei war sicher die geringe Fallhöhe. "Wenn uns das einer vor dem Turnier gesagt hätte, dann hätten wir das wahrscheinlich sofort genommen", sagte Kapitän Uwe Gensheimer SPORT1 mit Blick auf das deutsche Endergebnis in Katar.

Aufschwung währt oft nur kurz

Die erhaltene Olympia-Chance lässt die WM in Dur ausklingen statt in Moll. Fröhliche Töne ließen sich in den vergangenen Jahren aber jeweils nur kurz halten beim DHB.

Was Hoffnung macht: Hinter den Bewährten spielen sich mehrere aufregende Kandidaten langsam nach vorne. Mit Paul Drux gehörte der Jüngste im deutschen Kader schon zum Stamm, nur drei Feldspieler standen in Katar insgesamt länger auf dem Feld.

Lob für Drux

Kretzschmar über den Mann im linken Rückraum: "Der 19-Jährige spielt wie ein alter Hase, der fast jede Chance nutzt. Er ist nicht der dominante Spieler, was die Tore angeht, aber er reißt viele Lücken für die Mitspieler auf", urteilte er in seiner SPORT1-Kolumne nach dem Sieg gegen Russland.

Johannes Sellin (24), Matthias Musche (22), Jens Schöngarth (26) und Erik Schmidt (22) hatten darüber hinaus alle im Verlauf des Turniers positive Auftritte. Ihnen allen fehlt aber noch die nötige Konstanz - die Aufgabe für die kommenden Monate.

Schwäche auf der Bank

Die WM hat nämlich gezeigt: Am Limit spielend hält die erste deutsche Wahl mit den Besten mit, an Ersatz mangelt es noch.

Zuviel hängt ab von Kapitän Uwe Gensheimer, seinem Stellvertreter Steffen Weinhold, Patrick Groetzki und Martin Strobel. Hinzu kommen Paul Drux und Patrick Wiencek, fertig ist die Stammformation im Feld. Fürs Erste ist diese gesetzt bei wichtigen Spielen.

Steffen Fäth (24) von der HSG Wetzlar sowie die Lemgoer Finn Lemke (22) - beide fielen für die WM verletzt aus - und Tim Suton (18) sind die ersten Kandidaten, um sich frisch in den deutschen Kader zu spielen.

Sigurdsson der entscheidende Faktor

Der entscheidende Faktor für die Weiterentwicklung der Mannschaft ist aber Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Noch fünf Monate lang muss er sich zweiteilen, kann sich erst ab dem 1. Juli komplett auf die Nationalmannschaft konzentrieren. Bis dahin trainiert er gleichzeitig auch die Füchse Berlin.

In der ersten Jahreshälfte steht der Rest der Qualifikation für die EM 2016 an, der Stress bleibt also hoch für den Isländer.

Neuer Star auf der Königsposition

Ein Positives hat seine Doppelrolle: Sigurdsson kümmert sich in Berlin so lange noch täglich um Drux und garantiert, dass Deutschland auf der Königsposition ein neuer Star wächst. An dieser Stelle lässt sich die traditionell quietschende Zusammenarbeit zwischen Liga und Verband ölen.

Hier wartet eine weitere große Aufgabe auf Sigurdsson. DHB und DKB HBL bestätigen sich seit Jahren wortgewaltig und öffentlichkeitswirksam, dass die WG-Küche schlimm aussieht; abspülen will aber niemand.

Mit seinen zwei Rollen könnte Sigurdsson endlich ein besseres Bewusstsein für deutsche Nachwuchsspieler in der Liga wecken. Und zwar so, dass sich die Vereine nicht bevormundet fühlen.

Großes Ziel WM 2019

Zeit bleibt kaum, nach der EM stehen sofort die Olympia-Qualifikation und im besten Fall danach das Turnier in Rio an. Das größte Ziel aus deutscher Sicht ist aber die Weltmeisterschaft 2019, die der DHB gemeinsam mit Dänemark austrägt. Dann soll der steile Weg zur Weltspitze abgeschlossen sein und am liebsten mit Gold belohnt werden.

Die Zeit bis dahin brauchen Sigurdsson und die Mannschaft auch. Denn neben der noch zu schwach besetzten Bank gibt es auch bei der Stammformation unbeantwortete Fragen.

Suton könnte Kraus überholen

Spielmacher Martin Strobel etwa sieht mit Balingen nur zu, wenn die meisten anderen Nationalspieler im Europapokal gefordert werden. Mit seinen 28 Jahren ist Strobel aktuell der älteste der ersten sechs Feldspieler.

Ersatzmann Michael Kraus nutzte seine Chance nicht. Entsprechend gut sind Sutons Aussichten, kann er im Rückraum doch links und zentral spielen.

Sigurdssons vielleicht größte Leistung bislang: Seine Mannschaft hält bedingungslos zusammen. "Ich mag, wie sie in Interviews auftritt, gegenüber Kollegen, gegenüber den Menschen hier vor Ort. Sie ist sehr sympathisch - das waren nicht alle deutschen Handball-Nationalmannschaften", fand Kretzschmar.

Motor bei voller Fahrt abstimmen

Alles gute Ansätze, die jetzt kultiviert werden wollen. Lange hangelte sich die DHB-Auswahl von Turnier zu Turnier

Bernhard Bauer und Bob Hanning holten genau gegen dieses Denken Sigurdsson. Mit möglicherweise vier großen Turnieren bis 2019 muss der Bundestrainer den Motor seiner Mannschaft aber bei voller Fahrt abstimmen; das alte Handball-Problem.

Die Frage wird sein, wie viele schlechte Spiele Sigurdsson und seinen Talenten zugestanden werden. 

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