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Rouen - Dagur Sigurdsson geht bei der Handball-WM auf seine letzte Mission mit dem deutschen Team. Ein Annäherungsversuch an einen ungewöhnlichen Typen.

Wer Dagur Sigurdsson verstehen will, läuft Gefahr, sich bei der Spurensuche zu verzetteln.

Vielfältig sind die Aktivitäten des Handball-Bundestrainers, der so gar nicht dem Stereotypen des akribischen Sportfachmannes gleicht.

Ein Fachidiot ist der Bundestrainer wahrlich nicht. "Ich bin kein Handballfreak", sagt er über sich selbst, was ja per se schon überraschend ist.

Dafür Schachspieler, Musiker, Motorradfahrer, Unternehmer. Seine Geschäfte, manche mehr, manche weniger erfolgreich, sind vielleicht der interessanteste Weg, sich der Person zu nähern.

Die Spurensuche beginnt also im "Kex", einem hippen Hostel in der isländischen Hauptstadt Reykjavik. Sigurdsson ist einer der Teilhaber. Unscheinbar steht das alte Fabrikgebäude fast direkt am Wasser, ein winziges Schild markiert den Eingang, ohne Wegbeschreibung würde es wohl kaum finden.

Understatement, auch so ein Sigurdsson-Ding. Sie bräuchten keine Werbung, heißt es, wenn man mit den Mitarbeitern spricht.

Keine große Nummer in der Heimat

"Ich glaube, das ist nicht sein Hauptjob", sagt Nev über seinen Boss. Nev ist ein betont cooler Typ Mitte 20, Nasenring, weit offenes Holzfällerhemd , er trägt eine schwere Holzkette um den Hals.

Nev schmeißt die Rezeption. Dass Sigurdsson fernab der Heimat eine große Nummer ist, scheint ihm nicht so recht geläufig. Vielmehr wundert er sich, dass jemand nach ihm fragt. 

Im "Kex" fanden sich Ende 2015 die Bad Boys zum Teambuilding in Mehrbettzimmern ein, nur wusste damals noch niemand außerhalb des Teams, dass sie sich so nennen. 

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Das stets gut gebuchte Hostel ist eines von zahlreichen Projekten, die Sigurdsson neben seiner Trainertätigkeit am Laufen hat.

Gastronom und App-Erfinder

Schwerpunkt ist die Gastronomie, aber auch der Handel mit Autoteilen gehört dazu. Eine eigene App hat er entwickeln lassen, man kann darin seine Trophäen in einer virtuellen Vitrine zur Schau stellen.

"Feuer und Eis" heißt die Autobiographie des Mannes, der vor Ideen nur so sprüht und der mit seiner ungewöhnlichen Art den deutschen Handball binnen kurzer Zeit zurück in die Weltspitze geführt hat. Schon der Titel spiegelt recht gut wider, wie der "Verwandler" (Frankfurter Allgemeine Zeitung) tickt.

Typische Sigurdsson-Entscheidung

Ein unangepasster Typ mit klaren Ansichten, für den Stillstand Rückschritt bedeutet. Und so passt auch die Entscheidung zu ihm, aus dem Vertrag beim DHB auszusteigen, um die japanische Nationalmannschaft zu übernehmen. Er verlässt damit eines der erfolgversprechendsten Teams im Welthandball, das seinen Zenit noch nicht erreicht hat.

Doch er scheint mit den Japanern treffliche Bedingungen vereinbart zu haben. Das Arbeiten in Blöcken, womit er mehr Freiraum für seine Familie hat. Mehr Zeit im rauen Westen Islands möchte er gern verbringen, wo er ein Haus gekauft hat. Wirtschaftlich wird es ihm auch nicht zum Nachteil gereichen.

Und was gar das Wichtigste sein könnte: ein neues, spannendes Projekt. Olympia 2020 in Tokio. Eine Medaille mit Handballzwerg Japan? Nicht einmal das scheint bei Sigurdsson unmöglich.

Doch vorerst gilt die Konzentration der letzten Mission mit den Bad Boys bei der WM in Frankreich. "Wer Dagur kennt, der weiß, dass er bis zum letzten Tag alles geben wird um möglichst sportlich erfolgreich zu sein", sagt Bob Hanning.

Seine Mannschaft weiß Sigurdsson sowieso hinter sich.

"Im Hinterkopf habe ich das natürlich", sagt Sigurdsson im Gespräch mit SPORT1 über das Projekt Japan: "Es wird ein großer Cut in meinem Leben, ich ziehe mit der Familie nach Island. Dann werde ich pendeln. Aber das kommt erst im Februar." 

Wehmut verspüre er noch nicht. Aber nach der WM, da könne es schon "etwas emotionaler" werden.

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