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Don Riddell (l.) ist Moderator und Sportkorrespondent der CNN-International-Sendung 'World Sport' © Getty Images

CNN-Experte Don Riddell schreibt in seiner Kolumne über sein Treffen mit Wettbetrüger Wilson Raj Perumal.

Hallo Fußball-Freunde,

er behauptet, dass er nie berühmt sein wollte, sondern lediglich auch ein Stück vom Kuchen abbekommen wollte.

Er behauptet, kein echter Krimineller zu sein, und doch hat er mehr als zehn Jahre im Gefängnis verbracht.

Er behauptet, Fußball sei ein wunderbarer Sport, aber gleichzeitig hat kaum ein anderer dessen Ruf mehr Schaden zugefügt.

Wilson Raj Perumal gilt als ideenreichstes Mitglied eines der berüchtigtsten Wettsyndikate, und ich sitze ihm in der ungarischen Hauptstadt Budapest direkt gegenüber. Es ist das erste Mal, dass er für das Fernsehen interviewt wird.

Angeblich 80 Prozent Erfolg bei 100 Spielen

Vor Kurzem hat Perumal seine Memoiren veröffentlicht: Kelong Kings. Darin erzählt er von seiner erstaunlichen und fragwürdigen Karriere, die fast zwei Jahrzehnte umspannt und in der er, so behauptet er jedenfalls, mit einer Erfolgsquote von etwa 80 Prozent 100 Fußballspiele weltweit manipuliert haben soll.

Besonders aktiv war er in den drei Jahren bis zu seiner Festnahme im Jahr 2011.

Perumal behauptet, von den Olympischen Turnieren bis zu den WM-Qualifikationsspielen, dem CONCACAF Gold-Cup, der Fußball-Afrikameisterschaft, der Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen und unzähligen anderen Freundschaftsspielen in vorderster Front eines asiatischen Wettsyndikats operiert zu haben, das Geschäfte auf vier Kontinenten betrieb.

Fünf Millionen Dollar Gewinn

Die meisten Drahtzieher im illegalen Millionen-Geschäft der Sportwetten bleiben anonym.

Laut den Ermittlern, die dem Fußball-Betrug nachgehen, ist Wilson Raj Perumal zwar nur die Spitze des Eisbergs, doch seit seiner Festnahme im Jahr 2011 (das vierte Mal, dass er für Vergehen im Zusammenhang mit Fußball vor Gericht gestellt und verurteilt wurde), gibt er der ansonsten anonymen Spielmanipulationen ein Gesicht.

Die Veröffentlichung seiner Geschichte erlaubt einen spannenden Blick auf eine globale und im Geheimen operierende Organisation.

Perumal ist eine faszinierende Persönlichkeit. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen in Singapur und hat es bis zu einem ranghohen Mitglied in einem perfekt organisierten, millionenschweren Wettsyndikat gebracht.

Als er mir erzählt, mit illegalen Geschäften etwa fünf Millionen Dollar verdient zu haben, zeigt er dabei keinerlei Reue. Aber er bedauert es auch nicht sehr, das Vermögen anschließend wieder aufgrund seiner Spielsucht verloren zu haben.

Über erfahrene, korrupte Schiedsrichter

Perumal spricht über seine Aktivitäten in sachlich-nüchternem Ton, erinnert sich dann aber voller Begeisterung an anerkannte Schiedsrichter, die er leicht manipulieren konnte.

"Er war der Beste", stellt er fest, als wir auf YouTube gemeinsam alte Spiele ansehen, die er angeblich manipuliert hat, und fügt schließlich ein wenig schelmisch hinzu: "Natürlich nicht der beste Schiedsrichter für die FIFA!"

Während wir ein weiteres Freundschaftsspiel ansehen, beklagt er sich über die schlechte Leistung des Mannes in der Mitte des Platzes und meint, dass ein "erfahrenerer" Schiedsrichter länger gewartet hätte, bis er eine Strafe erteilt.

"Sie meinen damit einen erfahreneren korrupten Schiedsrichter", korrigiere ich ihn.

"Ja", sagt er und lacht.

Inspiriert durch Amanda Knox

Das erste Mal in seinem Erwerbsleben kann Wilson Raj Perumal nicht vorhersagen, was als Nächstes geschehen wird - er muss abwarten, was die Zukunft für ihn bereithält. Nach wie vor liegt gegen ihn ein internationaler Haftbefehl vor und in Singapur wartet eine längere Haftstrafe auf ihn - möglicherweise ohne Verhandlung.

Er plant aber nicht, wieder nach Hause zurückzukehren, um dort mit einigen seiner ehemaligen Kollegen hinter Gitter gesperrt zu werden. Stattdessen konzentriert er sich lieber auf seine junge Familie: Seine Freundin hat Anfang des Jahres Zwillinge zur Welt gebracht und auch eine Hochzeit ist in Planung.

In ihrem Zuhause in Debrecen, das in östlicher Richtung einige Stunden entfernt von Budapest liegt, plant er gerade ein neues Projekt - vielleicht ein Geschäft im Bereich Food-Courts oder Kleidung.

Er hofft, dass ihm die Veröffentlichung seines Buches dabei helfen wird, dieses Kapitel seiner Vergangenheit abzuschließen - es dürfte für ihn auch schwierig sein, weiterhin im Bereich des Wettbetrugs und der Spielmanipulation zu arbeiten, nachdem sein Gesicht inzwischen weitläufig bekannt ist.

Zudem trägt das Buch vielleicht auch dazu bei, einen neuen Lebensabschnitt zu finanzieren. Er erzählte mir, dass er bereit war, seine Memoiren zu Papier zu bringen, nachdem er gelesen hatte, dass Amanda Knox für ihren Vertragsabschluss mit Harper Collins ein paar Millionen kassierte.

Gefesselt von einem frechen Windhund

Während die Verkaufszahlen für Kelong Kings bislang eher bescheiden ausfallen, besteht bestimmt Interesse an Perumals Geschichte. Und zwar aus demselben Grund, aus dem Martin Scorceses Hollywoodfilm "Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia" so beliebt ist. Die Leute scheinen gefesselt von einem Windhund, der sich traut, das System zu schlagen. Über seine Facebook-Seite erhält Perumal täglich hunderte Nachrichten.

Doch die Botschaft seiner Geschichte ist gleichsam sehr ernst. Dass Perumal in der Lage war, so zu operieren, wie er es getan hat - so frech und gleichsam unbehelligt - stellt für den Fußball ein riesiges Problem dar. CNN fragte bei den betroffenen Verbänden nach, ob inzwischen Untersuchungen eingeleitet worden seien, nachdem Perumal in seinem Buch teils sehr genaue Anschuldigungen erhob.

Mit unseren Fragen wurden wir jedoch nur abgewiesen oder ignoriert. Die Antwort der FIFA war auch nicht viel besser. Dort hieß es lediglich, dass die Integrität des Spiels oberste Priorität habe; Details zu den Untersuchungen wurden nicht bekannt gegeben.

Letzten Endes muss man sich fragen, wie viel wirklich getan wird, um die Spielmanipulation im Fußball zu verhindern. Mittlerweile könnten bereits einige weitere Betrüger wie Wilson Raj Perumal parat stehen, um ihr Stück vom Kuchen abzubekommen und dabei gleichzeitig den bereits angeschlagenen Ruf des Sports gänzlich ruinieren.

Don Riddell, 41, ist Moderator und Sportkorrespondent der CNN-International-Sendung 'World Sport', die täglich aus Atlanta gesendet wird. Er arbeitet seit 2002 für CNN International und berichtete unter anderem über die Fußballweltmeisterschaft 2010, den Ryder Cup, die Tour de France und fünf Champions-League-Finals. Seit November 2013 veröffentlicht er eine monatliche Kolumne bei SPORT1, in der er interessante Hintergrundinformationen zum US-Sport und seinen Sportlern liefert und diese in einen internationalen Kontext setzt. Riddells Kolumnen und seinen Twitterfeed finden Sie auf der CNN-Homepage und seiner Facebook-Seite.

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