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In der Donbass Arena fanden 2012 fünf EM-Spiele statt © Getty Images

München - Unter dem Krieg leiden Fans und Klubs, Schachtjors Trainingszentrum treffen Granaten: Wie der Krimkonflikt den Fußball in der Ukraine betrifft.

Von Mathias Frohnapfel und Michel Marcolesco

Die Bilder haben Anna einen Stich gegeben. Ein Bombenanschlag.

Eine weitere Wunde, die der Krieg in der Ukraine geschlagen hat. Diesmal mitten in das Herz des Fußballs. Der Eingangsbereich der schmucken Donbass-Arena in Donezk ist zerstört.

Dort, wohin 2012 noch singende Fans zum EM-Halbfinale zwischen Portugal und Spanien strömten, liegen jetzt Trümmer. "Das Stadion so zu sehen, schmerzt unglaublich", sagt Anna im Gespräch mit SPORT1.

Die junge Frau hat während der Europameisterschaft Journalisten betreut, ist selbst Anhängerin von Schachtjor Donezk.

Mittlerweile lebt sie in Berlin, ihre Gedanken sind aber oft bei ihrem Verein und ihrer Stadt, die mittlerweile eine Frontstadt geworden ist, besetzt von den russischen Separatisten.

Schachtjor weicht aus 

Der Champions-League-Klub Schachtjor residiert und trainiert daher in der Hauptstadt Kiew, die Heimspiele finden in Lwiw statt - mehr als 1.100 Kilometer von Donzek entfernt.

Vertrieben und entwurzelt. Nur so lässt sich die Situation des wichtigsten Klubs des Landes beschreiben. Es wäre so, als ob der FC Bayern plötzlich in Hamburg trainieren und im Stadion des VfL Bochum spielen würde.

Der Schachtjor-Eigentümer, Rinat Akhmetov, hat die Umsiedlung angeordnet, in Kiew wohnt das Team im Hotel "Opera", das zu Akhmetovs Imperium gehört. Genauso wie Schachtjor wichen auch die Donezker Klubs Metalurh und Olimpik in den Großraum Kiew aus.

Liga schrumpft auf 14 Mitglieder 

Der Krieg zwischen den russischen Separatisten und den Regierungstruppen der Ukraine stellt den Fußball auf den Kopf. Betroffen ist auch die ukrainische Premier-Liga, die von 16 auf 14 Klubs schrumpfte.

Das Stadion von Sorja Luhansk, der hart umkämpften Stadt nahe der Grenze zu Russland, ist beinahe komplett zerstört worden, der Verein ging nach Saporischja, das sind Luftlinie gut 300 Kilometer.

Ultras als Soldaten 

"Für die Leute in Donezk war es erstmal seltsam, dass Schachtjor jetzt in Lwiw spielt", berichtet Anna. "Einige von ihnen mögen die Westukraine und besonders Lwiw nicht."

Schachtjor-Fan zu sein, gleiche inzwischen "einem politischen Statement", erklärt die Studentin. Wer Schachtjor unterstütze, nehme eine proukrainische Position ein. "Einige unserer Ultras sind sogar in die Freiwilligen Armee gegangen."

Aus Fußballfans wurden Soldaten. Welch' ein Kontrast zur vergangenen Saison, als das Team von Kapitän Darjo Srna noch in den Heimspielen Bayer Leverkusen und Manchester United empfing!

Granaten treffen Trainingsplatz 

Und heute? In der vergangenen Woche besetzten bewaffnete Männer das Büro des Eliteklubs, wenige Tage zuvor schlugen auf dem Trainingsplatz zwei Granaten ein.

Die aktuelle Waffenruhe zwischen den Separatisten und der ukrainischen Regierung erscheint wackelig.

Die Frage ist, wie es mit den Klubs auf der von Russland annektierten Krim weitergeht. Die Teams von Simferopol und Sewastopol haben sich dem russischen Verband angeschlossen, spielen in der dritten russischen Liga. Die UEFA erkennt allerdings die Ergebnisse dieser Klubs nicht an, wie Generalsekretär Gianni Infantino kürzlich betonte.

Am 18. September soll bei der UEFA in Nyon zwischen dem russischen und ukrainischen Verband ein Treffen zur Vermittlung stattfinden.

Artikel 84 entscheidend 

Sportrechtler Christian Keidel erläutert im Gespräch mit SPORT1 die Hintergründe. Die internationalen Statuten setzten voraus, dass ein Klub, der die Verbandszugehörigkeit wechseln will, die Zustimmung beider Verbände und der UEFA brauche. Das stehe klar in Artikel 84.

Dass die beiden Vereine sich nun in FK TSK Simferopol und FKSK Schwarzmeerflotte Sewastopol umbenannt haben, macht für den Münchner Juristen keinen Unterschied. "Die vermeintliche Neugründung ist ein Versuch, den Verstoß gegen die Statuen zu umgehen", sagt er. Das funktioniere aber nicht.

Stattdessen könnten aus Keidels Sicht die Ukrainer Zwangsmaßnahmen einfordern. "Der ukrainische Verband könnte bei der FIFA beantragen, den russischen Verband wegen Artikel 84 zu sanktionieren", sagt der Experte.

"Die FIFA könnte den russischen Verband über eine Verwarnung, über eine Geldstrafe, bis hin zu einem Ausschluss sanktionieren", nennt er den möglichen Rahmen für das Strafmaß.

Blatter steht zu Russland 2018 

Bei einer Suspendierung Russlands wäre natürlich auch die WM 2018 vom Tisch. Doch in den Gremien wird so etwas im Moment nicht einmal ansatzweise diskutiert.

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter sicherte stattdessen dem Gastgeber der nächsten Weltmeisterschaft seine Unterstützung zu.

"Ein Boykott irgendeines Sportereignisses hat noch nie etwas gebracht. Wir sind im Moment in der Situation, in der wir den Organisatoren der WM 2018 und 2022 (in Katar, d.Red.) unser Vertrauen aussprechen", sagte der 78-jährige in der vergangenen Woche im "Camp Beckenbauer".

"Nur den Sportlern geschadet" 

Auch Wolfgang Niersbach sagte mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele vor 34 Jahren in Moskau: "Der Boykott von 1980 hat nichts gebracht. Es hat nur den Sportlern geschadet."

Damals sei "man der Meinung gewesen, dass der Sport Druck auf die Politik ausüben könne", meinte der DFB-Präsident: "Niemand von uns kann das Wort Boykott in den Mund nehmen, und das wird auch von der Politik nicht erwartet."

Im Moment wird von Seiten des Sports ein WM-Boykott nicht mal als Drohung debattiert. Dagegen brachte die EU-Kommission das zumindest in die öffentliche Wahrnehmung ein. Man wolle den Mitgliedsstaaten vorschlagen, einen solchen Boykott zu erwägen, hieß es.

Sportgroßereignisse zum Nutzen Putins 

Russlands Präsident Waldimir Putin, so das Kalkül, könnte hellhörig werden.

Nur zu gern schmückt er sich mit Premium-Sportveranstaltungen wie den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Oder der Formel 1, die ab Oktober ebenfalls in Sotschi gastiert.

Sanktionen scheinen aktuell schwer vorstellbar, wobei natürlich auch der Einfluss russischer Großsponsoren wie Gazprom nicht zu vergessen ist.

"Es ist offensichtlich, dass es einen Unterschied macht, ob es um Russland geht, das aus Sponsorensicht sehr wichtig ist, oder ein anderes Land", stellt Jurist Keidel die Ausgangslage dar.

Immerhin hat die UEFA bei der Auslosung der Champions-League- und Europa-League darauf geachtet, ein Aufeinandertreffen von russischen und ukrainischen Klubs zu verhindern.

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