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Arsene Wenger will beim FC Arsenal viel ändern. <strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> analysiert den mäßigen Saisonstart.

Als während der Weltmeisterschaft die ersten Fotos von Arsene Wenger beim lustigen Ipanema-Strand-Fußball auftauchten, fielen die Reaktionen der Gunners-Fans ziemlich negativ aus. Der Franzose solle sich lieber um neue Spieler kümmern, lautete der Tenor in den sozialen Medien.

Die Stimmung drehte sich, nachdem der 64-Jährige mit Chiles Alexis Sanchez (36 Millionen Euro) im Gepäck zurück kam und wurde im Anschluss an die Verpflichtung von Nationalspieler Danny Welbeck von Manchester United (20 Millionen Euro) regelrecht euphorisch.

Arsenal wurde als ernsthafter Anwärter auf die Meisterschaft angesehen - zumindest vom eigenen Anhang.

Exakt 18 Jahre nach seinem Dienstantritt beim Arsenal Football Club hat Wenger nun wieder die Ernüchterung eingeholt. Vom Titel spricht nach dem 1:1 gegen Tottenham im Nord-Londoner Derby niemand mehr.

Arsenal steht nach sechs Partien schon wieder exakt da, wo Wenger das Team in den vergangenen Jahren frustrierend häufig hinführte: auf dem vierten Platz. Gegen Galatasaray muss die Elf von Per Mertesacker, Lukas Podolski und Mesut Özil unbedingt gewinnen.

"Wir sind unter Druck", gab der Trainer zu. Dass mit Aaron Ramsey und Mikel Arteta zwei weitere Stammspieler mit muskulären Problemen ausfallen, macht die Sache nicht leichter. Mit Pech allein lässt sich die Misere im Zentrum nicht erklären.

Zum einen hat Wenger im Sommer versäumt, einen Spezialisten für die "Sechser"-Position zu verpflichten, und zum anderen gehören die Oberschenkelzerrungen im Emirates-Stadion schon lange so fest zum Programm wie die donnernde Einpeitscher-Musik kurz vor Anpfiff.

Von "taktischer Naivität" spricht ein deutscher Trainer, der regelmäßig Spiele der Londoner besucht; "fundamentale Dinge" wie das richtige Anlaufen des Gegenspielers oder das Setzen von Auslösern für Pressing fänden nicht statt.

Arsenal zieht sich ohne Ball oft tief in die eigene Hälfte zurück, weil Konzepte für eine Balleroberung fehlen. Ein Mittelfeldspieler beklagte sich neulich bei einem Bekannten, dass er zwar zwölf Kilometer pro Match laufe, aber oft nicht wisse, wohin.

Wengers Erfolgsrezept bestand lange darin, möglichst vielen Technikern möglichst viele Freiheiten zu lassen, doch die Entwicklung hat ihn überholt. Wahrscheinlich hat er das sogar selbst erkannt.

In dieser Saison finden erstmals (!) regelmäßige Sessions mit einem Videoanalysten statt. Bisher war es jedem Spieler selbst überlassen gewesen, sich die Szenen von einem Server runter zu laden.

Wenger wird wohl die Zeit bekommen, sich neu zu erfinden; Vereinsbesitzer Stan Kroenke schätzt das vorsichtige Finanzgebaren des Diplom-Volkswirt. Den Preis dafür werden jedoch die Fans zahlen müssen.

Spitzenwerte erreicht ihr Arsenal im nationalen und internationalen Vergleich vorerst weiter nur, was die Kartenpreise betrifft. Das billigste Jahresticket kostet saftige 1250 Euro.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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