London - Mourinho und Wenger geraten nicht zum ersten Mal aneinander. SPORT1-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> analysiert die jahrelange Fehde.

Nach dem Handgemenge mit José Mourinho an der Stamford Bridge erklärte Arsène Wenger, er habe nur von "A nach B" gehen wollen und sei dabei in Coaching Zone an einem "unfreundlichen" Objekt abgeprallt.

Das ist aus Sicht des Elsässers leider eine alte, sich stets wiederholende Geschichte.

Seit Mourinho im Sommer 2004 beim FC Chelsea anheuerte, stellen seine Blues ein unüberwindbares Hindernis für Arsenal dar.

Sieben Chelsea-Siege und zwölf Unentschieden lautet die sehr einseitige Premier-League-Bilanz aus den direkten Duellen der Trainer.

Doch das gibt das Ausmaß der Dominanz der West-Londoner nur ungenügend wieder.

Es war die Elf des Portugiesen, die mit unerhörtem Kraftfußball und Spielern wie Didier Drogba, Arjen Robben und Frank Lampard Wengers "Unbesiegbare" (keine Niederlage in der Meistersaison 2003/04) vom Thron bugsierten.

Chelseas Aufstieg zur Spitzenmannschaft fiel mit dem (relativen) Abschwung von Manchester United und Arsenals finanziell aufwändigem Stadionumzug zusammen, was das Szenario für Wenger nur noch frustrierender machte.

Seit dem zweiten Platz von 2005 sind seine Gunners nur noch Dritter oder Vierter in der Meisterschaft geworden.

Im Sommer 2006 wechselte der bei Arsenal groß gewordene Linksverteidiger Ashley Cole symbolträchtig die Seiten, nachdem ihn Mourinho höchst persönlich (regelwidrig) abgeworben hatte.

Die nächste Eskalationsstufe hatte die Männerfeindschaft jedoch schon im Oktober 2005 erreicht.

Wenger hatte sich wiederholt über die unbegrenzten finanziellen Mittel des Klubs von Oligarch Roman Abramowitsch und die negative Spielweise von Mourinho ausgelassen ("Wenn Teams belohnt werden, die nicht die Initiative ergreifen, gerät der Sport in Gefahr").

Sein Kontrahent bezichtigte ihn darauf, ein "Voyeur" zu sein. "Er schaut mit einem Fernglas auf Andere", ätzte Mourinho, "das ist eine Krankheit".

Diese Beleidigung war noch viel infamer, als man zunächst glauben möchte, denn Mourinho spielte hier sehr bewusst auf eine widerliche Zeitungsente an.

In London war 1996 das völlig haltlose Gerücht umgegangen, dass Wengers Name im Zusammenhang der Pädophilen-Bande von Marc Dutroux stände.

Der "Evening Standard" hatte darauf eine Wenger-Geschichte gedruckt, in der, ohne Details zu nennen, von einem Skandal, beziehungsweise Verdacht die Rede war.

Bis heute singen gegnerische Fans an der Stamford Bridge und im Old Trafford "Sit down you paedophile!", wenn Wenger vor der Bank steht.

Für den Franzosen hatte Mourinho damit eine wichtige Grenze überschritten. Er sei "außer Kontrolle, respektlos und hat den Bezug zur Realität verloren", giftete Wenger zurück, "manchmal werden dumme Leute noch dümmer, wenn sie Erfolg haben".

Nach Mourinhos Abschied aus der Premier League (September 2007) schien sich das Verhältnis ein wenig zu entspannen, doch vergangene Saison ging der Streit wieder los.

Mourinho erklärte, Wenger und Arsenal hätten "einander verdient" - das war eine als Kompliment verpackte Unverschämtheit.

Als Wenger später Chelsea indirekt Versagensängste im Meisterschaftsrennen unterstellte, schlug Mourinho zurück. "Da müssen Sie Wenger fragen: er ist ein Spezialist im Versagen".

Mourinho ist ein Pöbler aus Überzeugung. Rivalen aus der Fassung zu bringen, gehört für ihn mit zum Aufgabenbereich eines Trainers und ist deswegen auch legitim.

Dass Wenger am Sonntag nach dem Foul von Tim Cahill an Alexis Sanchez vor lauter Wut Hand an ihn legte, wird der Portugiese insgeheim als Erfolg verbucht haben.

"Kein Problem" wiegelte er ja auch hinterher entspannt ab.

Wenger wiederum zeigte sich schon in der Auseinandersetzung mit Alex Ferguson nicht selten als schlechter Verlierer, der gerne die Erfolge der Gegner klein redet.

Was diese Fehde so brisant macht, ist, dass beide - ganz abgesehen von den persönlichen Beleidigungen - beim anderen wunde Punkte treffen.

Mourinho hasst es, von Wenger ständig auf den Faktor Geld reduziert zu werden und ständig seine angeblich defensive Spielweise vorgehalten zu bekommen.

Wenger wiederum wird von Mourinho ständig daran erinnert, dass er seit 2005 (FA-Pokal) nur einen weiteren Titel (FA-Pokal 2014) gewonnen hat.

Er selbst sei mit so einer verheerenden Bilanz überall schon längst gefeuert worden, stichelt der Mann aus Setúbal.

Mourinho, der detailversessene, ganz auf Titel gedrillte Konzeptcoach, respektiert weder Wengers Arbeit noch dessen Arbeitsweise (viel Freiheit für die Spieler).

Umgekehrt verhält es sich wohl genauso. Und so wird diese Männerfeindschaft weiter Bestand haben - und zwischen "A" und "B" für Wenger ein "M" stehen.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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