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Honigstein-Kolumne-Louis van Gaal-Sir Alex Ferguson-Manchester United

Alex Ferguson überhäuft van Gaal mit Lob. Auch <strong>SPORT1</strong>-Kolumnist <strong>Raphael Honigstein</strong> meint: Der neue Trainer passt.

Es war zuletzt ein wenig still um Alex Ferguson geworden. Der ehemalige Trainer von Manchester United hatte sich mit Äußerungen zu seinem Klub und dem neuen Trainer Louis van Gala bewusst zurück gehalten.

Zum einen wollte der Schotte dem Nachfolger seines Nachfolgers (David Moyes) wohl die Zeit geben, ohne Einflussnahme von Außen seine Arbeit aufzunehmen. Zum anderen hatte Fergusons Stille allerdings auch mit einem gewissen Machtverlust zu tun.

Das Scheitern seines Wunschkandidaten Moyes war auch eine persönliche Niederlage für den 72-Jährigen gewesen; United-Geschäftsführer Ed Woodward hatte nach Moyes? Entlassung sehr kühl erklärt, dass Ferguson nicht Teil des Gremiums sein würde, welches über den nächsten Trainer entscheiden würde.

Dass Sir Alex sich am Montag in einem ausführlichen Interview mit Vereinssender "MUTV" zurückmeldete, hat in erster Linie mit der Veröffentlichung der aktualisierten Version seiner letzten Biografie zu tun, gibt aber auch tiefe Einblicke in die politischen Verhältnisse im Klub.

Ferguson präsentiert sich in dem Gespräch ganz als glühender Verehrer des Niederländers. Louis van Gaals Idee, Mannschaft und Trainerstab komplett neu aufzubauen sei "brillant", sagt Ferguson, er habe die dafür notwendige "Erfahrung, Coaching-Fähigkeiten und Reputation".

Den schwierigen Start in die Saison (drei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen in der Liga sowie das Aus im Ligapokal) verglich Sir Alex mit seinen eigenen, bescheidenen Anfängen im Old Trafford; er habe "keinen Zweifel", dass van Gaal nach einer Eingewöhnungsphase Resultate liefern würde.

Es sei interessant, mit welcher Ehrlichkeit der Fußballlehrer in den Pressekonferenzen auftrete, führt Ferguson fort. Gegen Ende des Interviews bezeichnet er van Gaal als "starken Leader mit einer starken Mentalität", der keine telefonischen Ratschläge von ihm brauche.

Der arme Moyes wird namentlich nicht erwähnt, darf sich aber durchaus angesprochen fühlen. In Fergies Lob für van Gaal spiegeln sich all seine Defizite wieder. Moyes fehlten Erfahrung, Coaching-Fähigkeiten, Reputation und Mentalität für den Reformprozess und er war auch noch so ungeschickt, der Presse von längeren Telefonaten mit Sir Alex zu erzählen.

Ferguson, der in seinem Buch vor allem über die immense Bedeutung von Macht und Kontrolle referiert, muss diese Selbstdemontage des Auserwählten peinlich berührt haben.

Van Gaal hat trotz eines Investitionsvolumens von knapp 200 Millionen Euro für neue Spieler wie Radamel Falcao, Angel Di Maria und Daley Blind den angeschlagenen Branchenkrösus nicht sofort wieder in die Spur gebracht, doch Fergusons Aussagen zeugen davon, wie groß die Zufriedenheit mit dem früheren Bayern-Trainer schon jetzt im Nordwesten der Insel ist.

Der streitbare, auf teure Neuverpflichtungen wie Luke Shaw (Southampton, 33 Millionen Euro) nicht die geringste Rücksicht nehmende van Gaal hat sich bereits als Mann mit der Kragenweite für den Job erwiesen.

Die Hosen musste er dafür, anders als einst bei einer Mannschaftssitzung an der Säbenerstrasse nicht runterlassen: mit seiner Aura der Unfehlbarkeit und dem unbedingten Glauben an sich und das Team besitzt er die nötigen "balls", um sich als Oberteufel für die Red Devils zu qualifizieren.

In den nächsten Wochen muss van Gaal den insgesamt ansprechenden Eindruck untermauern. Bisher hatte es der Spielplan (keine Partien gegen Spitzenteams) gut mit ihm gemeint, der eher schwache Saisonbeginn von Arsenal und Liverpool kam ihm ebenfalls entgegen.

Die Matches gegen Chelsea (26. Oktober), Man City (2. November) und Arsenal (22. November) werden zeigen, ob er ein Konzept findet, das die neue Offensiv-Wucht mit defensiver Stabilität vereinen kann.

Für Alex Ferguson dürften so oder so ruhigere Zeiten im Stadion anbrechen. Der Schotte fühlte sich auf der Old-Trafford-Ehrentribüne in der abgelaufenen Spielzeit stark beobachtet, doch die Kameras haben ein neues Lieblingsobjekt gefunden. Van Gaal ist das, was man auf der Insel "box office" nennt, ein Kassenschlager.

Mit seinem seinem XXL-Ego füllt er im Gegensatz zum grauen Moyes, der im Laufe seiner Amtszeit immer mehr an Barkeeper Moe aus den Simpsons erinnerte, jeden Breitbildschirm mühelos im Alleingang aus.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

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