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Pierre-Emerick Aubameyang stürmt seit 2013 für Borussia Dortmund

München - Der Ebola-Virus wütet, in der Bundesliga wächst die Sorge um die afrikanischen Nationalspieler. Folgen drastische Konsequenzen?

Von Francois Duchateau

Es herrscht Gesprächsbedarf bei Borussia Dortmund, das sich in der Bundesliga mitten in einer ernsten Krise befindet.

Jürgen Klopp hatte in dieser Lage mit vielen Fragen bei der Pressekonferenz am Donnerstag vor einer Woche gerechnet, aber sicher nicht nach einer Einschätzung zur Ebola-Epidemie.

Klopp, der in seiner Unberechenbarkeit schon mal Journalisten abwatscht, die ihm eine verkehrte Fragen stellen, wurde sofort ernst und gestand: "Ich mache mir viele Gedanken über Ebola."

Die Angst vor der Epidemie ist auch in der Bundesliga angekommen, wie die Ausführungen des BVB-Trainers belegen. In der globalisierten Sport-Welt ist Ebola ein Problem, das längst nicht nur den afrikanischen Kontinent betrifft. Plötzlich werden Länderspielreisen zum Risiko.

Die Nominierung seines Schützlings Pierre-Emerick Aubameyang etwa hatte Klopp Sorgen bereitet.

Gefährliche Konsequenzen

"Junge Menschen sind unbedarft, junge Menschen machen sich um solche Dinge weniger Gedanken. Das fördert sicherlich auch die Lebensqualität", könne aber gefährliche Konsequenzen haben, so Klopp.

Aubameyang spielt für die Nationalmannschaft Gabuns und möglicherweise im Januar auch beim Afrika-Cup. Derzeit führt sein Land die Qualifikationsgruppe C an.

Der Afrika-Cup ist das größte Fußballfest des so gebeutelten Kontinents. Doch Gastgeber Marokko hat Angst, sich mit dieser Massenveranstaltung die Ebola-Epidemie ins Haus zu holen und erwägt, das Turnier abzublasen, obwohl dies Sanktionen sowie eine Disqualifikation zur Folge haben könnte.

Auch Südafrika will nicht

Südafrika wurde lange als Ausweichort gehandelt, doch auch der Ausrichter der WM 2010 wiegelt ab - wegen der Angst vor Ebola und auch wegen der damit zusammen hängenden, unabsehbaren Kosten.

Der afrikanische Kontinentalverband CAF sei sich der Bedrohung bewusst und werde für das Turnier in Marokko Vorsorge betreiben, teilte man von offizieller Seite mit und gibt vor, die Situation im Griff zu haben. Doch niemand hat die Lage derzeit unter Kontrolle - im Gegenteil.

In Westafrika erhöhte sich die Sterberate der Erkrankten von 50 auf 70 Prozent. Über 4000 Tote forderte das Virus bereits in den vergangenen 40 Wochen - von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.

Überall Neu-Infizierungen

Selbst in den USA und Spanien konnten Neu-Infizierungen nicht verhindert werden.

Klopp sagt, wenn ein Land schon selbst Bedenken äußere, ein Turnier unter solchen Bedingungen stemmen zu können, solle man diese ernst nehmen.

Auch der jüngste Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht eine klare Sprache in Sachen Ebola: "Es gibt keine Belege dafür, dass die Epidemie in Westafrika unter Kontrolle gebracht wurde."

WHO schlägt Alarm

Nimmt Ebola in einer Region ab, hat sich das Virus in der Zwischenzeit in einer anderen Region längst weiter ausgebreitet. Bis Anfang Dezember rechnet die WHO mit 10.000 Neu-Infizierungen.

Im Juli beschloss die CAF deshalb, keine internationalen Partien mehr in den am stärksten betroffenen Ländern Liberia, Sierra Leone und Guinea zuzulassen.

So kam es, dass sich die beiden Bundesliga-Spieler Abdul Rahman Baba (FC Augsburg, Ghana) und Ibrahima Traore (Borussia Mönchengladbach Guinea) auf neutralem Boden gegenüberstanden - und das ausgerechnet in der marokkanischen Großstadt Casablanca.

Behandelt wie Aussätzige

Das 1:1 im Qualifikationsduell geriet jedoch schnell zur Nebensache. Am Flughafen mussten sich alle Nationalspieler Guineas einer ärztlichen Kontrolle unterziehen.

Eine Mannschaft zu untersuchen, das ist zu bewerkstelligen. Vielleicht auch alle Teilnehmer-Teams sowie deren Betreuer.

Doch bis zu 300.000 Fans zu erfassen, die aus allen Teilen des Kontinents über verschiedenste Wege nach Marokko wollen? Unmöglich.

In Afrika wird deshalb befürchtet, dass am 2. November bei der nächsten Verbandssitzung in Algier beschlossen werden könnte, Spiele vor leeren Rängen stattfinden zu lassen.

Schon jetzt ist die Stimmung angeheizt: Die Nationalspieler Sierra Leones wurden während der vergangenen Spiele von den Tribünen mit "Ebola, Ebola"-Rufen beschimpft.

Gegenspieler verzichteten nach Abpfiff auf den obligatorischen Trikottausch. "Wir wurden zu Aussätzigen eines ganzen Kontinents", sagte Michael Lahoud, der in den USA beim MLS-Team Philadelphia Union unter Vertrag steht.

Sierra Leones Keeper fühlt sich "wie Dreck"

"Man fühlt sich gedemütigt, wie Dreck, man möchte jemanden schlagen", schimpfte Reservekeeper John Tyre, nachdem er und seine Mannschaftskollegen sogar während einer Trainingseinheit beleidigt wurden. "Niemand möchte Ebola in seinem Land haben. Sierra Leone hat Riesen-Probleme und sie brüllen es in unser Gesicht. Das ist nicht fair."

Auch unter den Spielern herrscht die nackte Angst: Einige Stars der Elfenbeinküste zogen es vor, gegen Sierra Leone eine Begrüßungsfaust zu machen, statt den Spielern die Hand vor dem Spiel zu geben.

Mittelfeldspieler Khalifa Jabbie war außer sich vor Wut, schließlich gehe es bei der Geste des Handshakes doch "um Respekt". Auf dem Weg nach Kongo fühlte sich Jabbie "behandelt wie ein Alien".

"Ärzte ohne Grenzen" unschlüssig

Auch Mediziner halten sich zurück mit Ratschlägen, wie der Sport auf die Ebola-Krise reagieren soll. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" wollte sich gegenüber SPORT1 weder für noch gegen eine Austragung des Turniers im Januar aussprechen.

Das marokkanische Gesundheitsministerium hält es für sinnvoll, den Cup in den Sommer 2015 oder Januar 2016 zu verschieben.

Doch die CAF bleibt hart und will keinen neuen Termin: "Seit 1975 ist der Afrika-Cup noch nie verschoben worden. Dabei soll und wird es bleiben", heißt es von Verbandspräsident Issa Hayatou.

So lange der Kontinentalverband stur bleibt, droht der Afrika-Cup zum Geister-Cup zu werden, nicht zum Fan-Fest.

Marokkos Gesundheitsminister Mohammed Ouzzine konterte Hayatou: "Es mag sein, dass das Turnier noch nie verschoben wurde, aber wir hatten ja auch nie mit Ebola zu kämpfen."

Er befürchtet, dass der Fußball-Cup die Krise nur noch weiter verschärfen könnte. Schon jetzt sät die Afrika-Cup-Frage Zwietracht auf dem Kontinent.

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